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The Deep
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
The Deep
Von Christian Horn
Gleich mit seinem viel beachteten Debütfilm „101 Reykjavik“ im Jahr 2000 sorgte der isländische Regisseur Baltasar Kormákur nicht nur in seiner Heimat, sondern auch international für Aufsehen. Für die isländisch-amerikanische Co-Produktion „A Little Trip To Heaven“ konnte er 2005 bereits renommierte Namen wie Julia Stiles und Forest Whitaker vor der Kamera versammeln. Mittlerweile hat Kormákur schon die nächste Stufe der Karriereleiter erklommen und kann regelmäßig in der Traumfabrik Hollywood arbeiten. Trotzdem bleibt er seiner Heimat treu und kehrte so zwischen den Mark-Wahlberg-Action-Thrillern „Contraband“ und „2 Guns“ nach Island zurück. Dort verfilmte er mit „The Deep“ die wahre Geschichte eines Fischers, der auf wundersame Weise ein tragisches Schiffsunglück überlebte. Der isländische Oscar-Vorschlag für den Besten fremdsprachigen Film 2013 ist dabei weit mehr als ein hochspannendes Drama.

Die Westmännerinseln im Jahr 1984: Mit einem ordentlichen Kater stechen Gulli (Ólafur Darri Ólafsson) und seine Seemannskollegen auf einem Fischkutter in See. Doch was wie Routine beginnt, endet bald in einer Katastrophe: Der Kutter kentert, fünf der sechs Seemänner sterben gleich oder erfrieren nach kurzer Zeit in den eisigen Fluten. Nur Gulli überlebt und schwimmt in einem übermenschlichen Akt bis zur Küste zurück. Rund sechs Stunden verbringt der beleibte Fischer im eisigen Wasser und schleppt sich anschließend kilometerweit über das scharfkantige Lavagestein der Westmännerinseln. Die ansässigen Fischer können die Geschichte von Gullis Überleben kaum glauben und bald interessiert sich auch die Wissenschaft für den Fall.

Dramaturgisch gliedert sich „The Deep“ in drei Teile: Zuerst zeichnet Kormákur in knappen Szenen seinen Protagonisten und dessen Milieu, wobei die Auftaktszene in der Hafenkneipe eine zentrale Rolle einnimmt. Hier ist „The Deep“ fast ein Sozialdrama, in dem mit dokumentarischem Einschlag die Lebensrealität auf den Westmännerinseln skizziert wird. Mit dem Kentern des Schiffs endet dieser Teil. „The Deep“ ist nun ein hochspannendes Überlebensdrama: der halluzinierende Gulli im Kampf gegen die Fluten des Nordatlantiks. Als der Fischer schließlich stark unterkühlt und völlig entkräftet die Zivilisation erreicht, beginnt der finale Akt: Kormákur setzt sich nun mit den Reaktionen auf Gullis Überleben und dessen eigenen Umgang mit dem „Wunder“ auseinander. Wenn der schwerfällig wirkende Mann an wissenschaftlichen Untersuchungen in Reykjavik und London teilnimmt, beweist Kormákur viel gutes Gespür für absurde Komik, ohne die tragische Komponente seiner Geschichte aus den Augen zu verlieren.

Diese Diversität spiegelt sich auch auf der visuellen Seite wieder: Mit seinen farbentsättigten Bilder und dem dokumentarischen Anstrich wirkt „The Deep“ zwar ungemein realistisch, hat aber auch einen poetisch-traumhaften Einschlag. Gerade im mittleren Akt, in dem Gullis Überlebenskampf geschildert wird, geht es immer wieder ins Surreale über. Da sieht man Gulli dann auch in kurzen Erinnerungsfetzen von Menschen aus seinem Leben phantasieren. Kormákur stilisiert seinen Protagonisten dabei zu keiner Zeit zum Helden oder Übermenschen, sondern erzählt sein wundersames Überleben in den eiskalten Fluten betont sachlich. In „The Deep“ gibt es kein Pathos und keine Fanfaren für den „Seehund-Mann“, wie das reale Vorbild seinerzeit genannt wurde, weil sein Körperfett ihm womöglich das Leben rettete. Dass Ólafur Darri Ólafsson („Reykjavik – Rotterdam“) den behäbigen Fischer mit der nötigen Portion Zurückhaltung spielt, passt zu diesem Ansatz ganz hervorragend.  

Fazit: Mit dem auf einer wahren Geschichte beruhenden „The Deep“ ist dem isländischen Regisseur Baltasar Kormákur ein berührendes, stark gespieltes und vielfältiges Drama gelungen.

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