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Das Ding am Deich - Vom Widerstand gegen ein Atomkraftwerk
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Das Ding am Deich - Vom Widerstand gegen ein Atomkraftwerk
Von Robert Cherkowski
Seit der Katastrophe von Fukushima und der folgenden Debatte um die unbedingte Notwendigkeit eines Atom-Ausstiegs sind „Atomkraft? Nein Danke"-Buttons wieder en vogue. Heute mag das wie ein zeitgeistiger Allgemeinplatz wirken. Damals in den 80ern aber, als die Grünen noch in den Turnschuhen steckten und der revolutionäre Geist der 68er nach den Terror-Irrwegen der 70er in einer ökologisch-pazifistischen Bewegung Ausdruck fand, war der Button das einende Symbol der Anti-Atom-Bewegung. Eine der größten Protestwellen schwappte ins norddeutsche Brokdorf, wo der Plan, ein Atomkraftwerk zu bauen, einen offenen Straßenkampf zwischen Protestlern und Polizisten provozierte. Genützt hat es nichts: Das AKW Brokdorf ging trotzdem ans Netz. Für ihren aufschlussreichen Dokumentarfilm „Ding am Deich - Vom Widerstand gegen ein Atomkraftwerk" besuchte Regisseurin Antje Hubert die Anwohner der Umgebung und fühlte den Atomgegnern von einst auf den Zahn: Wie lebt es sich eigentlich im Schatten einer solchen Stahl- und Beton-Monströsität?

„Das Ding am Deich" ist dabei alles andere als ein gutgemeinter Post-Fukushima-Ausstiegs-Propagandastreifen. Hubert begann ihre Reise rund ein Jahr vor der Reaktor-Katastrophe im Land der aufgehenden Sonne, ihr Film wirkt angenehm zwanglos. Schon vor den Ereignissen in Japan hielt es Hubert nicht mehr für notwendig, ihr Publikum noch von der Zweifelhaftigkeit der Atomkraft zu überzeugen. Wer diesen Schuss nach Tschernobyl noch nicht gehört hat, so meint man die Regisseurin stumm tadeln zu hören, der ist von gar nichts mehr zu überzeugen. Stattdessen ist „Das Ding am Deich" vor allem eine historische Bestandsaufnahme einer ermüdeten Protestgeneration, einer Entwicklung, die untrennbar mit nationalen Befindlichkeiten verknüpft scheint. Neben den 2010er-Impressionen und -Interviews machen vor allem Archivaufnahmen aus den 80ern den Reiz des Films aus, zumal sie ein Zeugnis von einer Zeit ablegen, in der sowohl vom Rand als auch aus der Mitte der Gesellschaft gegen die Arroganz der Macht zu Felde gezogen wurde.

In diesem Sinne kommt gleich zu Beginn ein betagter Streiter zu Wort, der einst noch den Wasserwerfern trotzte und heute nur noch resigniert aus dem Fenster schauen, auf den Meiler deuten und sich und seiner Generation ein klares Versagen attestieren kann – der erste von vielen. Was bleibt, ist die permanente Angst vor einem zweiten Tschernobyl und die Verbitterung darüber, dass man den Bau des AKWs Brokdorf nicht verhindern konnte. Der tristen Realität begegnet man heuer mit resignativem Schulterzucken und traurigem Wegsehen. Der Kontrast zwischen zornigen jungen Leuten, die glauben, dass sich das Volk über kurz oder lang einfach gegen die Interessen der Energie-Wirtschaft durchsetzen muss und jenen älteren Menschen, in deren Gesichtern die Gewissheit steht, dass der Kampf verloren ist und der Bürger kein Mitspracherecht in der Politik hat, macht „Das Ding am Deich" zu einer äußerst melancholischen Filmerfahrung.

In seiner Retro-Komödie „Am Tag als Bobby Ewing starb" von 2005 thematisierte Lars Jessen, wie sich Alltag und Realpolitik in die junge Sponti-Szene einschlichen – mitunter mutet „Das Ding am Deich" wie eine Fortsetzung dieses Spielfilms im Doku-Gewand an: Protest-Ikonen wie Joschka Fischer sind in die Wirtschaft gegangen, engagierte Grünen-Vorkämpfer wie Otto Schily haben die Partei gewechselt, andere wie Claudia Roth verlieren sich im tagespolitischen Geschäft – und manche wie Anti-Atom-Hardliner Hans-Christian Ströbele kämpfen einem Don Quijote gleich noch immer gegen Windmühlen an. Die grüne Gefolgschaft derweil ging wieder zur Tagesordnung über und landete schließlich mitten im so kampfes- wie politikmüden Bürgertum, hin- und hergerissen zwischen altem Weltverbesserungs-Impuls und über die Jahrzehnte angelerntem Zynismus. Indem Hubert dem Atomkraft-Diskurs im Laufe von inzwischen drei Jahrzehnten nachspürt, öffnet sie gleichsam ein Fenster, durch das sich geradeaus auf die deutsche Befindlichkeit im Wandel der Zeit blicken lässt.

Fazit: „Das Ding am Deich" ist nur bedingt eine Anti-Atomkraft-Doku, vielmehr hat Antje Hubert eine so bedacht-kritische wie sanft-melancholische Doku-Geschichtsstunde inszeniert.
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