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    Absentia
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Absentia
    Von Julius Vietzen
    In seinem Horror-Thriller „Oculus“ von 2013 bietet Regisseur und Drehbuchautor Mike Flanagan („Ouija 2: Ursprung des Bösen“) sowohl eine rationale, als auch eine übernatürliche Erklärung für die Ereignisse im Film an, jeweils verkörpert und vertreten durch eine der beiden Hauptfiguren. Erst ganz am Schluss lüftet Flanagan dann das Geheimnis und zeigt dem Zuschauer, was wirklich Sache ist. Doch bereits zwei Jahre vor „Oculus“ zeigte sich der Filmemacher als Spezialist für ambivalenten Horror, der die Zuschauer gerne herausfordert und im Unklaren tappen lässt - und ging dabei sogar noch einen Schritt weiter: In seinem eindringlichen psychologischen Horror-Drama „Absentia“ lässt er komplett offen, ob die Ereignisse im Film tatsächlich übernatürlich sind, oder ob es doch eine „logische“ Erklärung für alles gibt. So ist „Absentia“ noch einmal um einiges wirkungsvoller und eindringlicher als „Oculus“.

    Sieben Jahre sind vergangen seit Daniel (Morgan Peter Brown) spurlos verschwunden ist. Nun hat sich seine Ehefrau Tricia (Courtney Bell) endlich dazu durchgerungen, ihn für tot erklären zu lassen, doch sie wird Tag und Nacht von grauenvollen Visionen heimgesucht, in denen sich der geisterhafte Gatte wutentbrannt auf sie stürzt. Tricias deutlich jüngere Schwester Callie (Katie Parker) bietet ihr moralische Unterstützung, und gemeinsam bekommen sie die Horrorvisionen allmählich unter Kontrolle. Doch gerade als Tricia endlich Daniels Todesurkunde in Händen hält uns sich offen auf die Beziehung mit dem für den Fall zuständigen Detective Mallory (Dave Levine) einlassen will, taucht der verschwundene Ehemann plötzlich wieder auf – und präsentiert sich in einem völlig verwahrlosten und verwirrten Zustand.



    Werwolfhorror wie „Ginger Snaps“ ist oft mit Pubertätsmetaphern gespickt, in Zombiefilmen wie „Zombie - Dawn Of The Dead“ wird immer wieder ziemlich eindeutig auch Kapitalismuskritik geübt und zuletzt erzählte Jennifer Kent in „Der Babadook“ unterschwellig von Trauererlebnissen und dem Umgang mit Verlust: In vielen Horrorfilmen geht es um mehr als nur um reines Gruseln oder Blutvergießen – und das gilt auch für „Absentia“. Die zweigleisige Erzählstruktur ist bei Flanagan keine oberflächliche Spielerei, sondern dient dem Regisseur dazu, die Handlung des Films psychologisch zu unterfüttern. Er zeigt Tricia als eine Frau, die hin- und hergerissen ist zwischen ihrem Pflichtgefühl gegenüber Daniel und dem Wunsch, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. So lässt er den Zuschauer zumeist geschickt im Ungewissen: Handelt es sich um einen übernatürlichen Spuk oder entspringen Tricias Horrorvisionen einfach nur ihrem schlechten Gewissen?

    Wenn Flanagan diese psychologischen Aspekte gelegentlich etwas zu offensichtlich und überdeutlich gestaltet, etwa indem er Tricia genau diese Frage mit ihrem Therapeuten diskutieren lässt, dann erweist sich dieser vermeintliche Wink mit dem Zaunpfahl jedoch schnell als Finte: Kaum wähnt sich der Zuschauer nämlich auf der richtigen Fährte, was die übernatürlichen Ereignisse betrifft, lässt Flanagan das Pendel in die andere Richtung ausschlagen – Daniels Rückkehr erweist sich in dieser Hinsicht nicht nur als inhaltlicher, sondern auch als thematischer Einschnitt. Welche Richtung Flanagan von hier an einschlägt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Tricias grausige Visionen sind nicht die einzigen mysteriösen Vorkommnisse in ihrer Umgebung. Doch auch hier rückt Flanagan nicht von seiner doppeldeutigen erzählerischen Linie ab: Jeder Hinweis auf Übernatürliches wird über die Detectives Mallory und Lonergan (Justin Gordon) ganz nüchtern gekontert: Menschen verschwinden eben jeden Tag, Junkies klauen die merkwürdigsten Dinge und als Callie berichtet, etwas Unerklärliches gesehen zu haben, steht sie eben unter Drogeneinfluss.

    „Absentia“ ist jedoch bei aller Ambivalenz nicht nur ein geschickt konstruierter, sondern vor allem auch ein verdammt gruseliger Horrorfilm. Zu Beginn verlässt sich Flanagan in erster Linie auf die atmosphärischen Handkamerabilder von Rustin Cerveny und auf die hypnotischen Synthesizerklänge von Ryan David Leack, um eine schaurige, unwirkliche Stimmung zu erzeugen. Doch nach und nach zieht Flanagan die Spannungsschraube an. Als besonders effektiv erweist sich dabei ein origineller inszenatorischer Kniff: Der Regisseur deutet nur an, dass gleich etwas Gruseliges passieren wird, dann folgt ein Szenenwechsel, ehe er anschließend in einer Rückblende auf die Ausgangssituation zurückkommt und zeigt, was genau geschehen ist. Diese kurze Verzögerung steigert die Spannung ungemein – und Flanagan weitet sein cleveres Spiel mit den Erwartungen des Publikums auf die Inszenierung aus.

    Fazit: „Absentia“ ist ein spannendes, eindringliches, atmosphärisches und doppelbödiges Horror-Drama.
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