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    Crimson Peak
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Crimson Peak
    Von Andreas Staben
    Es ist vollkommen verwittert und strahlt dabei eine dekadente Pracht aus. Es ist kalt und abweisend, aber zugleich von morbider Schönheit. Seine kaum überschaubare Vielzahl von verstaubten Zimmern und dunklen Gängen ist gleichermaßen anziehend und unheimlich. Es quietscht und ächzt im ewigen Zweikampf mit der feindseligen Natur, die das ihr abgetrotzte Terrain nach und nach zurückerobert. Und natürlich ist das auf tönernem Boden errichtete englische Herrenhaus, um das es hier geht, beseelt von düsteren Geheimnissen und bevölkert von Geistern. Dieses Wunderwerk der Filmarchitektur und des Setdesigns, das nicht etwa aus dem Computer stammt und an dem die Handwerker und Kulissenbauer mehr als fünf Monate gewerkelt haben, ist der heimliche Hauptdarsteller von Guillermo del Toros Grusel-Augenschmaus „Crimson Peak“. Die durch ein paar drastische Schockeffekte aufgepeppte Mischung aus klassischen Horror-Motiven und viktorianischem Romantikdrama erinnert dabei weniger an den unmittelbaren Vorgänger „Pacific Rim“ als an die älteren spanischsprachigen Werke des mexikanischen Regisseurs. „Crimson Peak“ ist thematisch zwar deutlich weniger ambitioniert als „Pans Labyrinth“ oder „The Devil's Backbone“ und kommt über die elegante Spielerei mit altbekanntem Genre-Inventar nicht allzu weit hinaus, aber durch seine exquisite Ausstattung und Fotografie, die cleveren Kostüme sowie die atmosphärische Musik und das effektvolle Sounddesign wird er dennoch zu einem beeindruckenden Kino-Erlebnis.

    Buffalo, New York, 1901. Die junge Edith Cushing (Mia Wasikowska) hat den traumatischen Verlust ihrer Mutter, der Jahre zurückliegt, zu einem Roman verarbeitet und träumt von einer Karriere als Autorin. Ihr wohlhabender Vater Carter (Jim Beaver) unterstützt sie in ihrem Vorhaben, doch erst Thomas Sharpe (Tom Hiddleston), ein geheimnisvoller Adliger aus Übersee, scheint sie wirklich zu verstehen. Er ist mit seiner Schwester Lucille (Jessica Chastain) aus England gekommen, um Investoren für eine selbstentwickelte Maschine zu finden, mit der er die Tonmineralien des heimatlichen Anwesens gewinnbringend verarbeiten will. Thomas will Edith heiraten und mit über den Atlantik nehmen, aber Carter steht der Verbindung seiner Tochter zu dem Fremden genauso wie deren Jugendfreund, der Augenarzt Dr. Alan McMichael (Charlie Hunnam), mit Argwohn gegenüber und lässt Nachforschungen über den Briten anstellen ...


    „Geister gibt es wirklich“: Mit dieser Erkenntnis begrüßt uns die Protagonistin des Films und nimmt so nicht nur wesentliche Teile des Endes vorweg, sondern offenbart in gewisser Weise auch Guillermo del Toros filmische Strategie. Der Regisseur nutzt in der Folge nämlich das gesamte Arsenal filmischer Technik, um Geister lebendig werden zu lassen. Das ist einerseits ganz wörtlich zu nehmen: Er beginnt mit einem furchteinflößenden Prolog, in dem Edith als kleines Mädchen vom Geist ihrer verstorbenen Mutter, glänzend verkörpert von Doug Jones (dem Pan aus „Pans Labyrinth“), vor Crimson Peak gewarnt wird. Er ist keine ätherisch-transparente Erscheinung, sondern eine vom Grauen gebeugte, leichenartige, höchst real wirkende Gestalt. Aber bevor diese Mental-Monster in der gespenstischen Kulisse von Allerdale Hall das Kommando übernehmen, konzentriert sich del Toro erst einmal darauf, die Geister der Film- und Literaturgeschichte zu beschwören: ein bisschen Mary Shelley, ein Hauch Brontë-Schwestern, eine Spur von Hitchcocks „Rebecca“ und von Coppolas „Dracula“ sowie ganz viel altmodischer Gothic Horror.

    Das erste, in den USA angesiedelte, Filmdrittel ist der erzählerisch stärkste Teil von „Crimson Peak“ - ein opulent gestaltetes und stimmiges Gesellschaftspanorama mit einer großen Ballszene als Höhe- und einer brutalen Mordszene als Wendepunkt. Dann übersiedeln die Frischvermählten nach England und aus dem gediegenen Drama wird eine Old-School-Horror-Show: In der Abgeschiedenheit des verwunschenen Hauses werden die erzählerischen Feinheiten der Amerika-Kapitel durch ein virtuoses, aber gänzlich unsubtiles Spiel auf der Klaviatur des klassischen Horrors ersetzt. Ominöse Geräusche, blutroter Schnee, finstere Vorfahren in Geist und Bild, vergifteter Tee, ein Versteckspiel mit einem Schlüssel: Das alles ist hervorragend gemacht und nebenbei geht es auch um die großen Themen Erzählen und Wahrnehmen, aber der Reiz bleibt rein äußerlich: Stimmung ist wichtiger als Spannung. Die Atmosphäre erstickt dabei zunehmend die Emotionen, was auch an der groben Figurenzeichnung liegt, die weitgehend an klassischen Vorbildern zwischen Jungfräulichkeit und Inzest orientiert ist und den Darstellern nicht allzu viel Spielraum lässt.

    Während Charlie Hunnams („Sons of Anarchy“) Rolle nur für die Einführung der faszinierenden Wachswalzenfilme einen Hauch von Interesse verdient, bekommt Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“) hier immerhin etwas mehr zu tun als bei ihrem knapp bemessenen Auftritt in „Der Marsianer“. Aber obwohl ihre kontrollierte Herangehensweise im Kontrast zum Klischee ihrer besitzergreifenden Furien-Figur steht, gelingt es ihr nicht, der Rolle zusätzliche Facetten abzugewinnen und das Monströse menschlich erscheinen zu lassen. Etwas wirkungsvoller ist die Zurückhaltung bei Tom Hiddleston („The Avengers“, „Thor“), der schon als undurchsichtiger Verführer zu Beginn etwas Verlorenes an sich hat und dem man das Hin- und Hergerissensein zwischen Schwester und Ehefrau durchaus abnimmt. Und Mia Wasikowska („Alice im Wunderland“, „Stoker“) ist nicht nur eine naheliegende, sondern auch eine ideale Besetzung für die Heldin mit dem unabhängigen Esprit und der eher schwächlichen Konstitution. Dabei ist die angehende Autorin, die glaubt, wegen ihres Geschlechts abgelehnt zu werden, allerdings deutlich interessanter als das blind liebende Verschwörungsopfer der zweiten Filmhälfte.

    Fazit: Der visuell überwältigende „Crimson Peak“ ist eine doppelte Kino-Zeitreise in die (Film-)Geschichte, bei der die Schauspieler letztlich im Schatten von Inszenierung und Design stehen.
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