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Kill The Messenger
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Kill The Messenger
Von Thomas Vorwerk
Im Olymp der fiktiven Filmhelden sitzt der investigative Reporter direkt an der Seite der Polizei- und Privatdetektive, aber nur selten gelingt es, auch realen Heroen der Journaille ein überzeugendes filmisches Denkmal zu errichten. Nur eine Ausnahme kommt einem sofort in den Sinn und das ist natürlich der Watergate-Thriller „Die Unbestechlichen“ von Regisseur Alan J. Pakula und Drehbuchautor William Goldman, in dem die Hollywoodstars Robert Redford und Dustin Hoffmann 1976 die Reporterlegenden Bob Woodward und Carl Bernstein verkörperten. An dieses große Vorbild kommt nun auch Michael Cuesta („L.I.E. – Long Island Expressway“) mit „Kill The Messenger“, einer ungewöhnlichen Mischung aus Polit-Thriller und Biopic, trotz eines hochbrisanten Stoffes und eines durchaus faszinierenden Protagonisten bei Weitem nicht heran.

Gary Webb (Jeremy Renner) ist ein gewiefter Reporter, der davon träumt, für eine der großen Zeitungen zu schreiben statt „nur“ für die San Jose Mercury News. Unermüdlich und unerschrocken ist er auf der Suche nach der großen Story, als die stylische Gangsterbraut Coral Baca (Paz Vega) ihm vertrauliche Informationen zuspielt. Im Gegenzug soll er ihrem Freund bei einer Gerichtsverhandlung helfen. Webb erkennt zu spät, dass er ausgenutzt wird, aber nachdem sein Reporterinteresse  verblüffend schnell dafür gesorgt hat, dass die Anklage zurückgezogen wurde, ist seine Neugier geweckt und er recherchiert weiter. Nach vielen Rückschlägen und Verwicklungen veröffentlicht Webb einen sensationellen Artikel, der ihn endlich bekannt macht. Doch so hatte er sich die Aufmerksamkeit nicht vorgestellt: Die Konkurrenzblätter und CIA-Sympathisanten starten eine Rufmord-Kampagne, seine Ehe gerät in eine immer tiefere Krise und seine Chefs versetzen ihn gegen seinen Willen, um den Ruf der Zeitung zu retten.


Dass die CIA im Bürgerkrieg in Nicaragua (1980 bis 1988) die Contra-Rebellen unterstützt hat, war bereits eine mehr als fragwürdige Sache. Dass dafür aber finanzielle Mittel aus dem aufblühenden Drogenschmuggel verwendet wurden, der in den USA wiederum zu einem Crack-Hype und letztlich auch zu einer weitreichenden Kriminalisierung von Afroamerikanern führte, bringt den Skandal ins eigene Land. Um diesen brisanten Themenkomplex geht es in Gary Webbs Artikelserie „Dark Alliance“, die er 1996 begonnen hat. Die rigoros erst mal alles leugnende CIA und die wichtigeren Konkurrenzzeitungen zogen als Reaktion seltsamerweise am selben Strang und machten dem Journalisten aus der zweiten Reihe das Leben zur Hölle - an mehreren Fronten und mit unfairen bis hinterhältigen Mitteln. Der Stoff scheint wie gemacht für unsere Zeit, in der das Misstrauen gegenüber Geheimdiensten, Politikern und Medien gleichermaßen stark ausgeprägt ist, doch statt etwa Webbs Berufsethos genauer in den Blick zu nehmen oder das fatale Machtgefüge, in das er gerät, bleibt Michael Cuesta immer wieder in Klischeebildern stecken – etwa in stilisierten Großaufnahmen von crackrauchenden Schwarzen.  

Ein Journalist ist heutzutage kaum noch als ungebrochener Held zu gebrauchen und so zeigt der Gary Webb des Films (ähnlich wie der von Florian David Fitz gespielte fiktive Kollege in Christoph Hochhäuslers „Die Lügen der Sieger“) unübersehbare Schwächen. Allerdings bekommt Jeremy Renner („Mission: Impossible – Rogue Nation“) hier kaum die Gelegenheit, eine Intensität und Komplexität zu entwickeln wie beispielsweise in „The Hurt Locker“ - dafür ist der Film zu sehr mit Figuren und Ereignissen vollgestopft: So gibt es bei Webbs Recherche-Marathon gleichsam einen Staffellauf der Gaststars: Robert Patrick („Terminator 2“), Michael Kenneth Williams („The Wire“), Tim Blake Nelson („O Brother Where Art Thou?“), Michael Sheen („Am grünen Rand der Welt“), Andy Garcia („Der Pate - Teil 3“) und schließlich Ray Liotta („GoodFellas“) machen in ihren kurzen Auftritten durchaus Eindruck, während Renner kaum Profil gewinnt. Das ändert sich auch im weiteren Verlauf des Films kaum, zumal die Handlung an einer Stelle abbricht, an der Webbs persönliches Drama noch lange nicht zu Ende ist.

Auf die Veröffentlichung des Artikels folgt schließlich der öffentliche Spießrutenlauf Webbs, bei dem ihn seine Vorgesetzten bei der Zeitung (Mary Elizabeth Winstead und Oliver Platt) enttäuschen, während sich privat ein Ehedrama andeutet. Das wiederum wird indes nicht konsequent zu Ende erzählt, obwohl Rosemarie DeWitt („Rachels Hochzeit“, „Poltergeist“) die emotional überzeugendste Schauspielleistung des Films bietet. Dem häuslichen Drama mag das letzte Fünkchen Spannung fehlen (wobei der Konflikt zwischen Arbeit und Familie immerhin klar herausgearbeitet wird), aber der Politthriller wirkt geradezu zahnlos: Wenn Webb bei einer Nicaragua-Reise plötzlich von Bewaffneten umzingelt ist oder er nachts vor seinem Haus einen Mann im Schatten entdeckt, dann fühlt sich das nie so recht bedrohlich an – und auch die Gefahren, die von verborgen operierenden Machtapparaten ausgehen, kommen in Cuestas glatter Inszenierung kaum zum Vorschein: So bleibt „Kill The Messenger“ letztlich vor allem ein Film der interessanten Ansätze und der gelungenen Einzelszenen.     

Fazit: Eine ambitioniert angelegte, aber durchwachsen umgesetzte Mischung aus Politthriller und Biopic, die durch tolle Nebendarsteller aufgewertet wird.

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