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    Stiller Sommer
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Stiller Sommer
    Von Andreas Günther
    Es ist manchmal schon erstaunlich, wie unterschiedlich ein einzelner Film über seine ganze Laufzeit sein kann. Die ersten zwei Drittel von „Stiller Sommer“ plätschern wie bei einer lauen Samstagnachmittags-Fernsehkomödie dahin, mit Beziehungs-Frust und gedämpftem Seitensprung-Spaß, mit amourösem Chanson im Ohr und französischem Idyll fürs Auge, mit charmanten knackigen jungen Burschen, abgeschlafften älteren Herren und sehnsüchtigen Gattinnen in mittleren Jahren. Alles ist irgendwie zwar ganz gefällig, aber dann doch so abgedroschen, dass man gerne die Flucht ergreifen möchte. Doch wer zu früh flieht, dem entgeht ein brillantes letztes Drittel, das sich als erotisch-dramatische Antithese und Kehrseite der ersten 60 Minuten erweist und ohne diesen Vorbau gar nicht möglich gewesen wäre. Diese gewagte aber im Nachhinein überzeugende Konstruktion hat sich Nana Neul ausgedacht, die ihr Drehbuch als Regisseurin auch gelungen umsetzt.

    Was die Kunsthistorikerin und erfolgreiche Auktionatorin Kristine (Dagmar Manzel) plötzlich in ihrem Sommerhaus in den südfranzösischen Cevennen will, nachdem sie 20 Jahre nicht mehr dort war, weiß sie selbst nicht so genau. Dass sie bei der letzten Auktion die Stimme verlor, galt ihr jedoch als Warnsignal für eine dringende Auszeit. Im familiären Feriendomizil mit Pool trifft sie Tochter Anna (Marie Rosa Tietjen) an, die sich lieber mit dem lokalen Jüngling Franck (Arthur Igual) beschäftigt, als mit den Folgen einer vermasselten Studienarbeit. Mehr Trost benötigt Kristines Uraltfreundin Barbara (Victoria Trauttmansdorf), die ihren Lebensabschnittsgefährten an Francks Mutter verliert. Unruhe verbreitet bald Kristines muffeliger Ehemann Herbert (Ernst Stötzner), der nichts anderes im Sinn zu haben scheint, als das Sommerhaus zu verkaufen. Beim erfrischenden Sex mit Franck gewinnt Kristine ihre Stimme wieder, macht dann aber eine für sie schockierende Entdeckung, die die Geschichte ihrer Ehe total auf den Kopf stellt.


    In „Stiller Sommer“ scheint und klingt zunächst blöd, was sich bald als Glücksfall und auf lange Sicht als Überraschungscoup entpuppt. Dass Kristine lange Zeit nicht sprechen kann, verhindert nicht nur ritualisierte Wiedersehens-Gespräche, sondern wirkt wie ein Zurückdrehen der Zeit in unbeschwerte Momente. Dieses Experiment gelingt nicht zuletzt dank der außergewöhnlichen mimischen Darstellung von Dagmar Manzel. Die aus Kinohits wie „Crazy“, „Nach fünf im Urwald“ und „Schtonk!“ bekannte Schauspielerin kann mit einer hochgezogenen Augenbraue ganze Romane erzählen und stellt dies immer wieder meisterhaft unter Beweis. Als charmanter und trotzdem verantwortungsvoller junger Liebhaber, der sich mit der Verführung Kristines einen Jungentraum erfüllt, bleibt Arthur Igual mehr oder weniger seinen Rollen im französischen Kino treu, die ihm Philippe Garrel („La Jalouise“), Pascal Bonitzer („Cherchez Hortense“) oder Valeria Bruni-Tedeschi („Actrices - oder der Traum aus der Nacht davor“) bisher gaben. Dafür entwischt Ernst Stötzner („Meine Schwestern“) als Kristines Mann Herbert endlich einmal aus der Schublade des verspießten Bildungsbürgers, der höchstens böse und tyrannisch, nie aber liebebedürftig sein darf. Er profitiert am meisten von der schon angedeuteten Volte des Films.

    Die fällt ebenso akrobatisch wie gelungen aus und bestätigt Nana Neuls Auszeichnung mit dem Max-Ophüls-Preis für das Beste Drehbuch, den sie 2008 für „Mein Freund Faro“ erhielt. Warum will Herbert unbedingt das hübsche Häuschen verkaufen? Warum geht er dem verkrachten Maler Maurice (Hans-Jochen Wagner) an die Gurgel? Warum wäre er bei einer eigentlich harmlosen Kanufahrt fast ertrunken? Was hat Francks Mutter gegen ihn? Über derlei Ungereimtheiten stolpert man in der ersten Stunde immer wieder, hält sie zuerst für Schlampereien und forcierte Zuspitzungen. Tatsächlich sind es Lücken und Leerstellen, die im Schlussdrittel gefüllt werden. Ein heiter-pittoreskes Aquarell über das muntere Treiben von Franzosen und Deutschen, Urlaubern, Künstlern und Althippies - gefilmt von Ridley Scotts ehemaliger Kameraassistentin Leah Striker - wird so an den ausgesparten Stellen durch dunkle Pinselstriche ergänzt und vervollständigt. Ungebundenheit, die beim romantischen Durchstreifen von Pinienwäldern und beim Stelldichein in Ruinen Ausdruck findet, schlägt plötzlich um in die bittere Erkenntnis, vielleicht nie wirklich an den Lebenspartner gebunden gewesen zu sein. Mit diesem dramaturgischen Wagnis gelingt Nana Neul nach schleppendem, banal wirkendem Beginn dann doch ein spannender Beziehungsfilm, mit dem sie viel Wahres zu erzählen hat.

    Fazit: Pfiffig lockt „Stiller Sommer“ mit glatter Oberfläche und verblüfft mit einer kräftigen Unterströmung, in die Autorin und Regisseurin Nana Neul das Publikum reißt. Es lohnt sich, geduldig zu bleiben und sich überraschen zu lassen.
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