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Wer schön sein will, muss reisen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Wer schön sein will, muss reisen
Von Lars-Christian Daniels

Wer schön sein will, muss leiden – das gilt für die Menschen in Deutschland genauso wie für die Menschen in anderen Ländern der Welt. Nicht überall auf dem Globus gelten aber die gleichen Schönheitsideale: In der nordwestafrikanischen Wüstenrepublik Mauretanien beispielsweise werden korpulente Frauen besonders begehrt, während die afrikanischen Männer über die dürren Models aus den westlichen Hochglanzprospekten nur den Kopf schütteln. Ex-RTL-Quotenqueen und Schriftstellerin Tine Wittler zählt bekanntlich zu den beleibteren Vertretern des weiblichen Geschlechts und begibt sich in ihrer Dokumentation „Wer schön sein will, muss reisen“ gemeinsam mit Regisseur René Schöttler („Msa 24h – alles!“) und Tonmeisterin Irina Linke in Mauretanien auf Ursachenforschung. Ihr harmloser Reisebericht, der unter dem gleichen Titel auch als Buch erschienen ist, kratzt aber nur an der Oberfläche und liefert kaum neue Erkenntnisse über die grausamen Praktiken, die mit der kugelrunden Wunschfigur einhergehen.

Wie entstehen Schönheitsideale? Woran liegt es, dass in der Wüstenrepublik die westeuropäischen Idealmaße 90-60-90 bei den Männern nicht gefragt sind und junge Mädchen von ihren Müttern sogar gemästet werden? Und welche gesundheitlichen Gefahren birgt der Wunsch nach zusätzlichen Kilos, die schon im Kindesalter die Heirat ermöglichen? Tine Wittler trifft vor Ort mauretanische Frauen, befragt afrikanische Männer und unterzieht sich sogar einem kalorienhaltigen Selbstversuch, bei dem sie binnen kürzester Zeit zehn Liter Kamelmilch trinken muss.

Hör mal auf zu drehen!“, ruft die verängstigte Ex-Moderatorin ihrem Kameramann und Regisseur René Schöttler vom Beifahrersitz aus zu, als jugendliche Krawallmacher einen Stein durch die Heckscheibe des Autos schmeißen, mit dem die Filmcrew durchs Land reist. Dieses überraschend gefährliche Szenario, das binnen Sekunden vom energischen Einschreiten der mauretanischen Polizeikräfte beendet wird, passt so gar nicht zum seichten Rest der Dokumentation und steht doch exemplarisch für deren grundlegendes Problem: Fast immer, wenn es interessant wird, bricht die wackelige Handkamera ab oder es folgt ein Schnitt. Warum junge Frauen sich seit einigen Jahren stärker an westlichen Schönheitsidealen orientieren, und warum die Männer neuerdings auch an schlanken Frauen Gefallen finden, will Wittler von einem Mauretanier wissen: Es liege an den erotischen Internetfilmchen, antwortet dieser, erhält von der Filmcrew aber keine Gelegenheit, seine Gedanken weiter auszuführen.

Stattdessen interpretiert Wittler das Stichwort selbst: In Pornofilmen seien die Darstellerinnen nun mal schlank, und das signalisiere dem mauretanischen Mann, alle schlanken Frauen seien prinzipiell willig und somit einfacher zu haben. Dass es auch Pornofilme mit dicken Frauen gibt, die die Mauretanier im Internet genauso leicht abrufen könnten, wenn sie denn wollten, übersieht Wittler dabei aber. Ihre oft naiv wirkenden Einschübe und Kommentare aus dem Off erdrücken den dokumentarischen Ansatz, so dass sich der Film eher anfühlt wie ein Reisebericht über ein Land, in dem die Uhren eben ein bisschen anders ticken. Zudem begeht die Ex-Moderatorin den Fehler, ihre eigenen Gedanken und Empfindungen in den Mittelpunkt zu rücken: Den Gipfel erreicht diese unpassende Selbstreflexion, als sie gedankenverloren auf einem Bett liegt und die zurückliegende Reise Revue passieren lässt („Dass es so ans Eingemachte geht, hätte ich nicht gedacht.“) Es folgen tränenreiche Abschiedsumarmungen, die auch aus der letzten Doku-Soap-Folge „Einsatz in 4 Wänden“ stammen könnten.

Wie harmlos „Wer schön sein will, muss reisen“ letztlich ausfällt, zeigt aber auch der direkte Vergleich zu Morgan Spurlocks bemerkenswerter Fast-Food-Dokumentation „Super Size Me“: Während der amerikanische Filmemacher sich wochenlang nur von McDonalds-Produkten ernährte und durch die Mangelernährung schon nach wenigen Tagen krank wurde, bricht Wittler das durchaus respektable Unterfangen, sich selbst einer Zwangsmästung zu unterziehen, schon nach einer einzigen Mahlzeit ab. Der Zuschauer wird lediglich Zeuge dessen, wie die offenbar bereits gesättigte Blondine ein paar Mal an einer Riesenschale mit Kamelmilch nippt. Als schließlich noch reichhaltiges Essen auf den Tisch kommt, rührt Wittler das exotische Gericht nicht einmal an. „Das hat mich an meine Grenzen gebracht.“, lautet danach ihr erschöpftes Fazit – das glaubt man ihr gern, sieht es ihr aber nicht an.

Fazit: „Wer schön sein will, muss reisen“ ist nur für eingefleischte Fans von Tine Wittler interessant. Die IKEA-Queen und ihr Regisseur René Schöttler setzen sich zwar offen und interessiert mit der mauretanischen Kultur auseinander, wirken dabei aber eher wie Touristen als wie Filmemacher mit dokumentarischem Ziel.

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Kommentare

  • Fain5
    Also erstmal Respekt an den Autor, dass er sich so eine Scheisse komplett antun konnte. Ich möchte zwar ungern wieder in Dicke-Klischees abrutschen aber für mich wirkt das so, als ob Tine Wittler mit Händen und Füßen einen Grund finden will, warum sie an ihrem Gewicht nicht arbeiten muss.
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