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Café Olympique - Ein Geburtstag in Marseille
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Café Olympique - Ein Geburtstag in Marseille
Von Sascha Westphal
Es war einmal eine Zeit, in der noch nicht alles immer gleich alternativlos war. Eine Zeit, in der es durchaus noch soziale und politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Utopien gab, in der die bestehende nicht auch die bestmögliche aller Welten war. Doch das scheint mittlerweile weitgehend vergessen. Nur noch wenige Künstler beharren auf ihren einstigen Träumen und Überzeugungen, und die haben dann meist umso mehr um Beachtung zu kämpfen. Die Arbeiten von Filmemachern wie Ken Loach, den Dardenne-Brüdern („Zwei Tage, eine Nacht“) und Robert Guédiguian erhalten heute längst nicht mehr die Aufmerksamkeit, die ihnen vor zehn oder zwanzig Jahren sicher war. Aber gerade das macht ihre widerständigen Produktionen umso wertvoller. So ist es schon eine reine Freude, dass ein Film wie Robert Guédiguians Märchen-Traumspiel „Café Olympique – Ein Geburtstag in Marseille“ überhaupt noch gedreht wird. Wie Ken Loach, der mit „Jimmy’s Hall“ noch einmal klassische Ideen der Arbeiterbewegung des frühen 20. Jahrhunderts aufleben ließ, präsentiert auch Guédiguian seine Utopie ohne jeglichen dogmatischen Eifer. Er nimmt sich einfach die Freiheit, von einem anderen Leben und einer anderen Gesellschaft zu träumen.

So hatte sich Ariane (Ariane Ascaride) ihren Geburtstag nun wirklich nicht vorgestellt. Während sie noch alles für die Feier vorbereitet, kommt ein Anruf nach dem anderen. Und jedes Mal sagt wieder jemand ab. Nicht nur ihre erwachsenen Kinder sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, auch ihr Mann hat keine Zeit. Dafür kommen ständig Blumenbouquets, die sie nur noch mehr deprimieren. Irgendwann hält Ariane es nicht mehr aus. Also setzt sie sich in ihr Auto und fährt einfach los. Im Hafen von Marseille gerät sie vor einer hochgezogenen Brücke in einen Stau, der mit einem Mal alles verändert. Während die Menschen um sie herum zu einem arabischen Song tanzen, flirtet Ariane mit einem jungen Motorrollerfahrer (Adrien Jolivet), der sie schließlich in den „Olymp“ mitnimmt, ein etwas abgelegenes Ausflugsrestaurant am Meer. Diese Begegnung hält zwar auch nicht, was sie verspricht, denn der junge Mann arbeitet als Schlepper für das Restaurant und ist mehr an seiner Provision als an Ariane interessiert. Aber das gerät angesichts der magischen Atmosphäre im „Olymp“ schnell in Vergessenheit.


Etwas ist verloren gegangen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Es gibt kein Gefühl der Zusammengehörigkeit mehr. Was einmal Leben und damit auch Unordnung und Chaos war, ist nun Stil und Design ... zumindest wenn das nötige Geld dafür da ist. Und an dem mangelt es Ariane und ihrem Mann nun wirklich nicht. Ihr Haus ist ein neo-bourgeoiser Traum, geboren aus Architekten- und Maklerphantasien. Und so beginnt „Café Olympique“ wie ein Werbefilm für ein neues hippes Stadtquartier: Eine Computeranimation präsentiert dem staunenden oder auch entsetzten (das ist eine Frage des Standpunkts) Betrachter einen luxuriösen Gebäudekomplex. Ein künstlich erschaffenes, sich von der alten Stadt abschottendes Paradies. Alles ist perfekt entworfen, die Häuser an sich wie auch die Räume in ihnen. Ein mustergültiges Ensemble, auf die Isolationssehnsüchte seiner Bewohner zugeschnitten. Wer hier lebt, hat es geschafft. Aber selbst in den Momenten, in denen die Animation der Wirklichkeit weicht und statt Pixeln reale Möbel und Vorhänge zu sehen sind, wirkt Arianes Zuhause leblos und erstarrt. Das Wohnparadies ist für sie ein Gefängnis, aus dem sie schließlich fliehen muss.

Der Kontrast zwischen dem „Olymp“ und Arianes Wohnung könnte kaum größer sein. So wie der mythische Götterberg mit der Zeit einfach vergessen wurde (wer weiß heute schon noch, wo er sich einst erhob), ist auch das Restaurant ein Ort, an dem die Zeit vorübergegangen ist. Davon zeugen die Einrichtung und die Menschen, die dort immer wieder zusammentreffen. Verstreute und Gestrandete wie der Wirt Denis (Gérard Meylan) und sein Stammgast „Der Amerikaner“ (Jacques Boudet), der sich ständig Notizen macht und Ideen für ein großes, welterklärendes Werk sammelt, wie der aus Afrika kommende Andenkenverkäufer (Youssouf Djaoro) und die Prostituierte Lola (Lola Naymark). Jeder von ihnen wurde an den Rand gedrängt, ausgeschlossen aus der Welt von Ariane und ihresgleichen. Aber eben dieses Leben am Rand schweißt die Menschen zusammen.

Widerstand muss gar nichts Kämpferisches haben. Manchmal reicht es schon, sich wie die liebenswerten Außenseiter in dieser bukolischen Märchenphantasie den bestehenden Idealen zu entziehen. Dabei zeigt Robert Guédiguian durchaus auch die Risse, die durch den Olymp gehen. Er verschweigt weder die Angst noch die Verzweiflung, weder die Konflikte noch die Enttäuschungen. Aber letztlich sind sie es, die diese Außenseiter nur stärker aneinander binden. Die Gemeinschaft der Vergessenen wird zum märchenhaften und dabei utopischen Ort. Hier würde niemand Arianes Geburtstag vergessen. Und das ahnt diese einsame Frau in den besten Jahren sofort. Ariane Ascaride („Der Schnee am Kilimandscharo“) spielt die Fremde unter Fremden mit einer wunderbaren Offenheit und Naivität. So wie sie auf die anderen zugeht und schließlich sogar mit einer sprechenden Schildkröte Freundschaft schließt, hat sie etwas Magisches.

Fazit: Mit einer bezaubernden Leichtigkeit entwirft Robert Guédiguian ein Gegenmodell zu einer kalten neoliberalen Gesellschaft. So heiter und unbeschwert kann politisches Kino sein.
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