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Love & Mercy
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Love & Mercy
Von Michael Meyns
I, I love the colorful clothes she wears, and the way the sunlight plays upon her hair”. So beginnt einer der schönsten Songs der Popgeschichte: “Good Vibrations“ von den Beach Boys oder, um präzise zu sein, von Brian Wilson. Denn auch wenn er seine Brüder und Cousins für die Gesangsparts und Texte brauchte, schuf Wilson die Melodien, die Harmonien, die Sound-Experimente, die aus den Beach Boys eine der einflussreichsten Bands überhaupt machten, praktisch alleine. Zu sehen, wie er zusammen mit verschiedenen Studiomusikern an legendären Songs bastelt, ist das Highlight von Bill Pohlads ausgefallenem Biopic „Love & Mercy“, das bei der Berlinale 2015 als Special präsentiert wurde. Dank seiner ungewöhnlichen Erzählstruktur mit zwei ineinander verschränkten Zeitebenen (und zwei Darstellern für die Hauptrolle) hebt sich der Film positiv vom Gros der Kinobiografien ab, auch wenn die Inszenierung insgesamt weit weniger originell ausfällt.

Mitte der 1960er Jahre: Die Beach Boys sind eine der erfolgreichsten Bands der Welt und landen mit ihrem Surfsound einen Hit nach dem anderen. Doch Mastermind Brian Wilson (Paul Dano) strebt nach Höherem: Er will nicht nur einzelne tolle Songs schreiben, sondern ein großes zusammenhängendes Kunstwerk, ein Konzeptalbum. Doch bei der Arbeit an „Pet Sounds“ kommt es zu Streitigkeiten innerhalb der Band, die Probleme mit dem autoritären Vater Murry (Bill Camp) und nicht zuletzt der Drogenkonsum Brians verschlimmern die Situation. - Anfang der 90er: Brian Wilson (jetzt gespielt von John Cusack) ist ein physisches und psychisches Wrack. Der Scharlatan Dr. Eugene Landy (Paul Giametti) wurde zu seinem Vormund ernannt und hat ihn durch zu hohe Medikamentendosierung unter seine Kontrolle gebracht. Nun versucht Landy auch, die aufkeimende Beziehung zwischen Wilson und der Autoverkäuferin Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks) zu torpedieren…


Zwischen den beiden Zeitebenen gibt es einen ganz klaren, fast schon schockartigen Kontrast. In den 60ern wurden die musikalischen Höchstleistungen von einem zunehmenden emotionalen Verfall begleitet, drei Jahrzehnte später ist Wilson kaum wiederzuerkennen, gezeichnet von Jahren der Isolation erwacht er zu neuem Leben. John Cusack („High Fidelity“) spielt den durch Medikamente abgestumpften Mann überzeugend, allerdings sieht er dem älteren Brian Wilson kein bisschen ähnlich. Anders dagegen Paul Dano („There Will Be Blood“), der dem jungen Vorbild wie aus dem Gesicht geschnitten ist und das musikalische Genie seinerseits fast schon auf geniale Weise verkörpert: Die Lust an neuen Klängen, der beharrliche Drang danach, die Idee zur Wirklichkeit werden zu lassen, die visionäre Entrückung und die Energieschübe im Tonstudio – all das wird in Danos charismatischer Darstellung lebendig.

Die Proben und Aufnahmesessions im Studio sind dabei fast gefilmt wie eine Dokumentation - mit unverschnörkelter Unmittelbarkeit (und zuweilen leicht körnigem Bildmaterial). Hautnah können wir Wilson und die anderen Musiker dabei beobachten, wie sie an den berühmten „Pet Sounds“ arbeiten, wir sehen, wie mit Hupen, Hunden und Haarklammern in der Popmusik bis dahin unerhörte Töne erzeugt werden - angespornt von den Experimenten der Beatles übertraf sich Wilson selbst. Künstlerische Sternstunden bekommen in „Love & Mercy“ ein würdiges Denkmal gesetzt, parallel dazu gerät für den Protagonisten allerdings eine Abwärtsspirale in Gang: Zum Unverständnis des Vaters gesellt sich kommerzieller Misserfolg, zu den zunehmenden psychischen Problemen die Drogensucht. Dass auf der zweiten Zeitebene dann ausgerechnet eine schöne Frau Brian wieder ins Leben zurückholte, mag als Story nicht besonders aufregend sein, aber so kann Pohlad seinen Film mit einem zum Beach Boys-Sound passenden Hoch enden lassen.

Regisseur Pohlad (erhielt als Produzent von Terrence Malicks „The Tree of Life“ eine Oscar-Nominierung) und seine Drehbuchautoren Michael A. Lerner („Du schon wieder!“) und Oren Moverman (oscarnominiert für „The Messenger“) verzichten über weite Strecken auf eine allzu simple Psychologisierung, doch das bloße Gegenüberstellen der beiden Zeitebenen, in denen Wilson sich jeweils einer dominanten Vaterfigur gegenübersieht, bleibt dramaturgisch ein wenig dünn. Besonders die Passagen mit Cusack und Paul Giamatti („Sideways“) als Dr. Landy, der recht einseitig als manipulativer Bösewicht erscheint, wirken schematisch und sind in ihrer Einseitigkeit wenig überzeugend. „Love & Mercy“ lebt somit von Paul Danos starker Darstellung und vor allem von der grandiosen Musik der Beach Boys. Obwohl wohl jeder die zeitlosen Hits im Ohr hat, werden uns ihre Klangwelten auf frische Weise nähergebracht.

Fazit: Zwei Zeitebenen verknüpft Bill Pohlad in „Love & Mercy“ und nähert sich so Brian Wilson, dem Mastermind der legendären Beach Boys. Das etwas andere Biopic beeindruckt mit einer außergewöhnlichen Leistung von Paul Dano als junger Wilson und vor allem mit der mitreißenden Musik einer der besten Bands aller Zeiten.

Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2015. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 65. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.
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