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    Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
    Von Carsten Baumgardt
    Felix Herngrens Road-Movie-Komödie „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ trägt wohl den sperrigsten deutschen Verleihtitel seit dem Auftritt von Hugh Grant als „Der Engländer, der auf einen Hügel stieg und von einem Berg herunterkam“ im Jahr 1995, aber wer glaubt, mit der langen und umständlichen Benennung würde auch diesmal gleich die Pointe des Films verraten, der irrt sich. Ganz im Sinne der gleichnamigen Romanvorlage von Jonas Jonasson, die in 38 Sprachen übersetzt wurde und sich allein in Deutschland mehr als zwei Millionen Mal verkaufte, bringt der Titel nämlich auch bei Herngrens aberwitziger Verfilmung nur ironisch die Prämisse der Handlung auf den Punkt. Mit ihr beginnt im Buch wie im Film eine phantasievolle Odyssee des dezenten Wahnsinns, bei der ein Altenheimbewohner wie ein „schwedischer Forrest Gump“ amüsant durch die Weltgeschichte irrlichtert.

    Mit der quälenden Langeweile im Altersheim kommt für Allan Karlsson (Robert Gustafsson) der Verdruss. An seinem 100. Geburtstag möchte der rüstige Greis endlich etwas erleben, steigt kurzerhand in Pantoffeln aus dem Fenster und verschwindet – zum nächstgelegenen Busbahnhof in Malmköpping. Dort steigt er in einen Omnibus, aber sein Geld reicht nur bis zum nahegelegenen Kaff Byringe, wo er mit einem gestohlenen Koffer bei dem pensionierten Bahnwärter Julius (Iwar Wiklander) strandet. Bald steht ein Schläger im Auftrag des Gangsterbosses Pim (Alan Ford) auf der Matte, denn wie sich herausstellt, sind in dem Koffer, den Allan ihnen auf dem Fernbahnhof mehr oder weniger aus Sturheit gemopst hat, 50 Millionen Kronen. Die beiden alten Herren wehren sich nach Kräften, überwältigen den finster-kahlschädeligen Knüppelschwinger Bulten (Simon Säppenen) und sperren ihn in die Gefrierkammer von Julius‘ Haus. Sie vertun sich allerdings mit der Temperatureinstellung und so haben sie am nächsten Morgen auch noch einen Toten auf dem Kerbholz. Mit dem Multi-Millionen-Koffer unter dem Arm begeben sie sich auf die Flucht und verbünden sich unterwegs mit dem Langzeitstudenten Benny (David Wiberg), der sie in seinem Auto mitnimmt – Pims Kriminellen-Gang ist ihnen jedoch dicht auf den Fersen…  


    Wer 100 Jahre Lebenserfahrung besitzt, hat zwangsläufig einiges mitgemacht. Aber diese Binsenweisheit auf Allan Karlsson anzuwenden, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Außer Forrest Gump hat wohl keine andere Filmfigur so viel Außergewöhnliches durchlebt wie dieser rüstige Rentner. Und das zeichnet Regisseur Felix Herngren in dem sarkastisch-spöttischen und doch warmherzigen Ton nach, den schon Romanautor Jonas Jonasson angeschlagen hat. Zwar spart der Filmemacher in seinem Kino-Destillat notgedrungen einige Episoden und Nebenhandlungsstränge der Vorlage aus, konserviert ihren Geist jedoch weitgehend erfolgreich. Vor allem bewahrt er mit einem wahren Feuerwerk von Handlungswendungen, mit denen er immer skurrilere Situationen heraufbeschwört, jenes Gefühl von Unvorhersehbarkeit, das schon dem Roman echtes Suchtpotenzial verlieh. Und auch die kunstvolle Verschachtelung der Gegenwartshandlung mit den zahlreichen Rückblenden in Karlssons bewegte Vergangenheit bleibt erhalten, wobei die beiden Ebenen für sich stehen können, sich zugleich aber wunderbar gegenseitig ergänzen und in geschickt eingefädelter Parallelität auf einen gemeinsamen Endpunkt zulaufen.

    Das biblische Alter der Hauptfigur in der filmischen Gegenwart lässt die zeitlichen Dimensionen seines Lebens spürbar werden, die in den verschiedenen Rückgriffen zusätzlich historisches Gewicht erhalten, wenn der bauernschlaue Karlsson buchstäblich durch die Weltgeschichte tölpelt: Wir sehen ihn an der Seite von General Franco (Koldo Losado) und von Diktator Josef Stalin (Algirdas Romualdas), mit den US-Präsidenten Harry S. Truman (Kerry Shale) und Ronald Reagan (Keith Chanter) sowie neben Atombomben-Erfinder Robert Oppenheimer (Philip Rosch). Unter diese historischen Persönlichkeiten wird mit Herbert Einstein (David Shackleton), dem dusseligen Halbbruder des genialen Albert, auch noch ein Fake-Promi eingeschmuggelt, den es in Wirklichkeit gar nicht gegeben hat. Autor und Filmemacher gehen mit der Historie letztlich genauso sorglos um wie ihr Protagonist mit seiner Umwelt, schließlich lautet dessen inoffizielles Credo: Mit Dynamit geht alles besser! Der einfache Tor, der keinerlei Interesse an  Politik, Religion oder den Befindlichkeiten seiner Mitmenschen im Allgemeinen hat, sprengt kurzerhand alles in die Luft, was ihm vor die Füße kommt.

    „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ hat definitiv etwas Anarchisches und auch etwas Zynisches an sich: Ist es lustig, wenn ein Junge Köpfe explodieren lässt oder wenn ein Gangster von einem Elefanten zu Tode gedrückt wird? Wer mit diesem Film Spaß haben will, sollte diese Frage dringend mit „ja“ beantworten können. Der Humor ist tiefschwarz, statt herzhafter Schenkelklopfer gibt es ironische Bosheiten und amüsant-fiese Seitenhiebe. Mit Schwedens Comedy-Star Robert Gustafsson, der sich auch auf Theaterbühnen zuhause fühlt, hat Regisseur und Drehbuchautor Herngren den passenden Hauptdarsteller für seine Farce ausgesucht. Gustafsson trifft nicht nur den richtigen Ton, um diesen Allan Karlsson trotz seiner Gleichgültigkeit durchaus sympathisch wirken zu lassen, sondern verkörpert ihn auch über eine Spanne von mehreren Dekaden hinweg jederzeit überzeugend. Dazu tragen auch die Make-Up-Künstler mit ihrer ausgefeilten und im positiven Sinne auffälligen Arbeit bei. Ähnlich grob fällt auch die Figurenzeichnung der Schurken aus, was zu der derben Geschichte recht gut passt und zudem durch den skurrilen Charme von Iwar Wiklander, David Wiberg und Mia Skäringer (als patente Elefanten-Besitzerin Gunilla) in den Rollen von Karlssons Verbündeten ausgeglichen wird.
     
    Fazit: Felix Herngrens derb-sarkastische Verfilmung des Erfolgsromans „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ wird besonders den Freunden von zynischem Humor und politisch unkorrekten Gags Vergnügen bereiten.

    Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2014. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 64. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.
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