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    Wembley - Football Is Coming Hoam
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Wembley - Football Is Coming Hoam
    Von Lars-Christian Daniels

    Allianz Arena München, Champions League-Finale 2012: FC Bayern gegen FC Chelsea, Bastian Schweinsteiger gegen Petr Cech, Elfmeterschütze gegen Torwart. „Schweini“ verschießt, Didier Drogba verwandelt den letzten Elfmeter – und das mit Spannung erwartete, lang ersehnte „Finale Dahoam“ wird für die Münchener zum Albtraum. Was in dieser Minute keiner ahnt: Der Moment der größten Trauer ist zugleich der Auftakt zu einer beeindruckenden Erfolgsserie, die in der deutschen Fußballgeschichte ihresgleichen sucht. Ein Jahr später präsentiert der Rekordmeister seinen Fans auf dem Marienplatz nicht nur den DFB-Pokal und die Meisterschale, sondern auch endlich wieder den „Henkelpott“, nachdem Erzrivale Borussia Dortmund im deutsch-deutschen Champions-League-Finale von London verdient mit 2:1 besiegt wurde. Der langjährige TV-Sportreporter René Hiepen, der 2011 bereits die Vereinschronik „4 Sterne 111 Jahre“ für den FC Bayern realisierte, hat das Erfolgsteam in der Saison 2012/2013 begleitet und zeichnet den Weg zum großen Finale in seiner Dokumentation „Wembley – Football Is Coming Hoam“ mit Spielszenen, Interviews und Aufnahmen fernab des Spielfelds nach. Das Ergebnis ist eine gut einstündige, extrem subjektive Feier des alles überstrahlenden Triumph, an der eingefleischte Fans des Triple-Gewinners Gefallen finden werden, aber auch nur diese.

    Hiepen konzentriert sich in seinem Film ausschließlich auf die Champions League, das Tagesgeschäft Bundesliga blendet er ebenso aus wie den ungefährdeten Durchmarsch der Bayern im DFB-Pokal. Dieser Ansatz steht exemplarisch für das eigene Anspruchsdenken der Münchener, die in jedem Jahr zum Gewinn der Meisterschaft verdonnert sind. Hiepen beginnt seine Geschichte im Moment der größten Niederlage und begleitet die überwiegend in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder vom bitteren Finaltrauma gegen Chelsea mit schwermütigen, theatralischen Klängen. Ein echter Rückblick auf die folgende Champions-League-Saison ist der Film aber keineswegs: Die Vorrundengegner der Bayern und die italienisch-deutschen Prestigeduelle mit Juventus Turin werden nicht einmal namentlich genannt, und selbst die spektakulären Siege im Halbfinale gegen die bis dato beste Vereinsmannschaft der Welt, den FC Barcelona mit Weltfußballer Lionel Messi, frühstückt Hiepen eher beiläufig ab. Bilder vom Trainingsbetrieb an der Säbener Straße, aus der Kabine oder von Taktikschulungen sucht man ebenso vergebens wie unveröffentlichte Aufnahmen oder Gegentore: Im Wechselspiel mit vor Pathos triefenden Impressionen zeigt Hiepen mit Ausnahme des verwandelten Strafstoßes von BVB-Spieler Ilkay Gündogan ausschließlich die zweifellos toll herausgespielten Treffer der Bayern, aus mehreren Perspektiven und in Zeitlupe, gefolgt von zahlreichen verschiedenen Einstellungen ausgelassen jubelnder Bayern-Fans.

    Schon nach gut zwanzig Minuten beginnt das große Finale in Wembley, das unter dem Strich fast zwei Drittel der Dokumentation ausmacht – fast so, als wolle man nach den zahlreichen verlorenen Partien der jüngeren Vergangenheit den langersehnten Sieg gegen den Vorjahresmeister und Erzrivalen aus Dortmund besonders intensiv auskosten. Immerhin: Hiepen verkneift sich Bilder von trauernden „Schwatzgelben“ und unterstreicht stattdessen die internationale Bedeutung des Titelgewinns: Neben dem Public Viewing in der Allianz Arena zeigt er auch Aufnahmen aus überfüllten Sportkneipen in New York, Ramallah und Nairobi, die allesamt fest in Bayern-Hand zu sein scheinen. Dazu dröhnen immer wieder die Klänge von Frida Golds Sommerhit „Liebe ist meine Rebellion“, dem offiziellen Soundtrack zum Film, dessen Textzeilen inhaltlich zwar gut mit den Jubelszenen harmonieren, aber spätestens bei der dritten Refrain-Wiederholung nerven. Gleiches gilt für viel zu viele Fußballerfloskeln, die man auch jeden Samstag in der „Sportschau“ hören kann. Statt darüber hinaus gehende Kommentare einzufangen, bietet Hiepen nur weichgespülte Schlusspfiff-Statements von Siegtorschütze Arjen Robben, Dribbelkünstler Franck Ribery oder Abwehrhüne Jerome Boateng. Diese heben sich kaum von dem ab, was Profifußballer Woche für Woche in die Mikrofone der wartenden Sportjournalisten plappern.

    Deutlich ausführlicher kommen hingegen Bayern-Kapitän Philipp Lahm und Mittelfeldmotor Bastian Schweinsteiger zu Wort, die die Erfolgssaison nach einem der schmerzhaftesten Rückschläge ihrer Karriere in parallel montierten Interviews „Paroli laufen“ lassen. Schweinsteiger, dem Bayern-Fan und Filmemacher Til Schweiger („Kokowääh“) bei der Münchener Premiere des Films vor Journalisten und geladenen Gästen spontan Schauspielerqualitäten attestierte, hat als „Feierbiest“ und Ulknudel einige amüsante Szenen und plaudert – anders als Lahm – ein bisschen aus dem Nähkästchen. Dabei hinterlässt er jedoch deutlich weniger Eindruck als 2006 beim sympathischen Rumgealbere mit Busenkumpel Lukas Podolski in Sönke Wortmanns „Deutschland. Ein Sommermärchen“. Dass Regisseur Hiepen, der 2012 in Schweigers Actiondrama „Schutzengel“ als Nachrichten-Reporter zu sehen war, sich im Abspann ausdrücklich bei Schweiger und dessen Firma Barefoot Films bedankt, vervollständigt das Bild: „Wembley – Football Is Coming Hoam“ ist in erster Linie ein Film von Fans für Fans, ein Zusammenschnitt von großen Emotionen und sportlichen Momenten für die Ewigkeit – eine Veranschaulichung von Hintergründen oder interessante und tiefergehende Einblicke darf man allerdings nicht erwarten.

    Fazit: Mia san Champions! René Hiepen liefert allen eingefleischten Bayern-Fans mit „Wembley – Football Is Coming Hoam“ eine nette filmische Erinnerung an die denkwürdige Triple-Saison 2012/2013. Erkenntnisse über das Erfolgsrezept der übermächtig erscheinenden Bayern oder spannende Einblicke in die Vereinsstrukturen des Rekordmeisters sucht man allerdings vergebens: Der Zusammenschnitt ist nur auf den Gänsehaut-Effekt ausgelegt.

    „Wembley – Football Is Coming Hoam“ startet nicht nur in ausgewählten Kinos, sondern ist auch Teil der DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung „Mia san Champions“, auf der sich u.a. noch die einzelnen Spiele der Bayern auf dem Weg ins Finale, Bilder von der Siegesfeier und Interviews finden.

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