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    Heute gehe ich allein nach Hause
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Heute gehe ich allein nach Hause
    Von Ulf Lepelmeier

    Mit dem auf der Berlinale 2014 mit dem Teddy-Award ausgezeichneten „Heute gehe ich allein nach Hause“ greift der brasilianische Regisseur Daniel Ribeiro seinen 17-minütigen Kurzfilm „Eu Não Quero Voltar Sozinho“ über das Coming Out eines blinden Jugendlichen in Sao Paulo wieder auf. Dabei gelingt es Ribeiro die Stärken seines natürlich-unaufgeregten Kurzfilmes beizubehalten und die Lebensumwelt seines Protagonisten auf gekonnte Weise um freundschaftliche Eifersucht, übervorsichtige Eltern und den unbändigen Wunsch nach Unabhängigkeit zu erweitern. So ist der mit drei wunderbaren Jungdarstellern aufwartende Film eine mitreißende Coming-of-Age-Geschichte, in welcher das Outing des schüchternen jugendlichen Helden mit Feingefühl in den Prozess des Erwachsenwerdens eingebunden ist.

    Der 15 Jahre alte, noch ungeküsste und von seinen Eltern auf Grund seiner angeborenen Blindheit überbehütete Leonardo (Ghilherme Lobo) hegt den Traum, an einem Austauschprogramm teilzunehmen und ins Ausland zu gehen. Doch nicht nur seine besorgten Eltern haben etwas dagegen, auch seine von ihm liebevoll Gi genannte beste Freundin Giovana (Tess Amorim) möchte Leonardo nicht wirklich aus Sao Paulo in die große weite Welt ziehen lassen, wünscht sie sich doch insgeheim, dass er irgendwann ihre Liebe erwidern möge. Als sich ein neuer Mitschüler namens Gabriel (Fabio Audi) zu den beiden eingeschworenen Freunden dazugesellt, ist er zunächst willkommen, doch schon bald reagiert Gi eifersüchtig auf ihn. In Leonardo wächst derweil die Gewissheit, dass er mehr als Freundschaft für Gabriel empfindet...

    Mit „Heute gehe ich allein nach Hause“, einer Weiterentwicklung seines preisgekrönten dritten Kurzfilms, stellt Regisseur Daniel Ribeiro einen blinden Jugendlichen ins Zentrum seiner leichtfüßig inszenierten Geschichte. Dieser strebt genauso wie seine Altersgenossen eine Abkoppelung von Zuhause und mehr Unabhängigkeit an. Dabei fällt es ihm durch sein angeborenes Handikap aber weitaus schwieriger, seinen eigenen Weg zu gehen. Während der grundsympathische Leonardo in den elterlichen vier Wänden gut alleine klar kommt, ist er außerhalb der Wohnung doch zwangsläufig auf fremde Hilfe angewiesen. In der Schule nehmen viele seiner Mitschüler ihn nicht richtig ernst und machen sich gern über ihn lustig. Dabei kann Leonardo sich glücklich schätzen in Gi zumindest eine beste Freundin zu haben, welche ihm seit Kindertagen beständig treu zur Seite steht. Doch trotzdem wünscht sich der nachdenkliche Jugendliche eine Veränderung in seinem Leben, welche in Form des neuen Mitschülers Gabriel, ganz anders als von Leonardo erwartet, plötzlich eintreten soll.

    Auch wenn Liebesnöte, Missverständnisse und Selbstzweifel immer wieder an den drei Jugendlichen nagen, geht es in dem ersten Spielfilm des brasilianischen Regisseurs nie wirklich hochdramatisch zu. Stattdessen dominiert durchweg ein versöhnlicher und leichter Tonfall. Die drei unheimlich authentisch agierenden Jungschauspieler, die auch schon in Ribeiros Kurzfilm hervorragend zusammen harmonierten, machen es dabei zu einem wahren Vergnügen, den von ihnen verkörperten Figuren bei der jugendlichen Selbstfindung über die Schulter zu schauen. Leonardos wachsende Gefühle für Gabriel, sein erster Kuss und der Schritt zum Coming Out werden auf wunderbar-natürliche Weise gezeichnet und ohne großen Aufhebens und überzogene Dramatik in die Coming-of-Age-Story integriert. Nur in wenigen Jugendfilmen gelingt es so gut, die langsam erwachende Homosexualität ihrer Protagonisten auf solch sympathische und ungekünstelte Art zu schildern. Hier macht es die besondere Leichtigkeit des Films zu einer Freude, dem jungen Leonardo bei seinen ersten Schritten in ein aufregendes Erwachsenenleben zu begleiten.

    Fazit: In „Heute gehe ich allein nach Hause“ erzählt Daniel Ribeiro mit einnehmender Natürlichkeit und charmanten Figuren von erwachenden Liebesgefühlen, dem Geschenk der Freundschaft und der Suche nach dem eigenen Weg.

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