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    La Isla Mínima - Mörderland
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    La Isla Mínima - Mörderland
    Von Ulf Lepelmeier
    Nach seinem im Jahr 1989 angesiedelten Actionthriller „Kings of the City“, in dem eine Spezialeinheit der Polizei vor dem Hintergrund der bevorstehenden Expo in Sevilla versucht den Dogensumpf in der Großstadt auszutrocknen, widmet sich Regisseur Alberto Rodriguez in dem weitaus ruhigeren Kriminaldrama „La Isla Mínima - Mörderland“ nun den beklemmenden Vorkommnissen in einem kleinen südspanischen Dorf wenige Jahre nach dem Ende der faschistischen Franco-Diktatur. Dabei wandelt der spanische Regisseur auf den Pfaden seines Kollegen Bong Joon-ho („Snowpiercer“), der mit seinem meisterhaften Kriminalthriller „Memories of Murder“ auf außergewöhnliche Weise die Atmosphäre in der Spätphase der Militärdiktatur in Südkorea eingefangen hat. Auch Rodriguez verbindet geschickt eine sich immer weiter verdichtende Krimihandlung mit dem genauen Blick auf gesellschaftliche und politische Verhältnisse. So entsteht nicht nur ein extrem spannender Film, der im Programm der Fantasy Filmfest Nights 2015 bestens aufgehoben ist, sondern auch ein fesselndes Stimmungsbild des ländlichen Andalusiens in den schwierigen Anfangsjahren der spanischen Demokratie, das von der spanischen Filmakademie gleich mit zehn Goyas ausgezeichnet wurde.

    1980: Der junge Kriminalbeamte Pedro (Raúl Arévalo) wird zwangsweise aus der Hauptstadt in die andalusische Einöde geschickt, um das Verschwinden zweier Schwestern im Teenageralter aufzuklären. In dem heruntergekommenen Dorf Villafranco del Guadalquivir soll ihn der hartgesottene, ebenfalls aus Madrid stammende Kollege Juan (Javier Gutiérrez) unterstützen. Doch Rodrigo (Antonio de la Torre), der verschlossene Vater der beiden vermissten Mädchen, zeigt sich wenig kooperativ. Die unter ihrem Mann leidende, völlig eingeschüchterte Mutter Rocío (Nerea Barros) steckt den Ermittlern wenigstens ein paar halbverbrannte Fotonegative zu, auf denen die Mädchen in kompromittierenden Posen zu sehen sind. Als eines Nachts ein betrunkener junger Mann auftaucht und von seiner vor einiger Zeit verschwundenen Freundin berichtet, verdichten sich die Indizien, dass es die beiden Kommissare mit einem brutalen Serientäter zu tun haben, der es seit Jahren auf junge Mädchen abgesehen hat...


    Das unwirtliche Deltagebiet des Guadalquivir (das ein wenig an die kargen Louisiana-Landschaften in „True Detective“ erinnert) gibt hier gleichsam die Atmosphäre vor. Die immer wieder eingestreuten Luftaufnahmen der sumpfigen Gegend befördern ein unheilvolles Gefühl der Hilflosigkeit, Regisseur Rodríguez und sein Co-Autor Rafael Cobos spinnen geschickt eine Stimmung aus unbestimmter Bedrohung und bösen Vorahnungen. In der ländlichen Bevölkerung herrschen in den ungewissen Zeiten des Wandels Ohnmacht und Unzufriedenheit, den aus Madrid anreisenden Polizisten schlägt offene Abneigung entgegen. Während die junge spanische Demokratie von einer Wirtschaftskrise gebeutelt wird, haben Frauen außerhalb der Großstädte immer noch unter ungeniert ausgelebtem Machismo und konservativen Wertevorstellungen zu leiden. So klammern sich heranwachsende Mädchen an jede sich bietende Möglichkeit, die ein Zurücklassen der archaischen Verhältnisse verspricht. Doch gerade ihr Wunsch nach einem besseren, gleichberechtigten Leben in der Ferne macht sie dabei tragischerweise leicht zu Spielbällen der verkommenen, rückwärtsgewandten Welt, der sie gerade zu entkommen versuchen. Dieser Hintergrund gibt dem Fall der verschwundenen Schwestern eine zusätzlich tragische und empörende Note.

    Die Krimihandlung nimmt einen genreüblichen Verlauf mit Befragungen, der Suche nach Beweisen und allem was dazugehört, gleichzeitig wird der grundlegende Konflikt zwischen Alt und Neu, zwischen beharrenden Kräften und Veränderungswillen auch zwischen den beiden sich gegenseitig misstrauisch beäugenden Kommissaren ausgetragen, die nie wirklich als Team zusammenarbeiten. Hier prallen zwei unvereinbare Systeme aufeinander: Der sich eher im Hintergrund haltende Demokrat Pedro kann für den noch immer im Schatten der faschistischen Vergangenheit lebenden Juan (Javier Gutiérrez glänzt als gesundheitlich schwer angeschlagener Polizeiveteran), kein Verständnis aufbringen. Der jüngere will sich mit dem älteren Kollegen, der nicht vor Gewaltanwendung zurückschreckt und auch andere fragwürdige Ermittlungsmethoden gutheißt, nicht wirklich auseinandersetzen. So steht Pedros ablehnendes Verhalten stellvertretend für das Credo der jungen spanischen Demokratie, die Franco-Zeit möglichst zu verdrängen und sich stattdessen auf die Herausforderungen der Zukunft zu fokussieren.

    Fazit: „La Isla Mínima - Mörderland“ besticht durch eine beklemmend-angespannte Grundstimmung. Regisseur Alberto Rodriguez fängt auf herausragende Weise die Atmosphäre der Verunsicherung in Spanien zu Beginn der 1980er Jahre ein.
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