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    Mittsommernachtstango
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Mittsommernachtstango
    Von Katharina Granzin
    Dass die Finnen ihren eigenen Tango haben, ist zwar auch außerhalb der finnischen Landesgrenzen einigermaßen bekannt. Wohl deutlich weniger wissen aber, dass die Nordosteuropäer ihr Land als Ursprung des Tangos schlechthin betrachten. Zumindest vertritt Aki Kaurismäki („Der Mann ohne Vergangenheit“) diese Ansicht. Während der Rest der Welt immer noch annimmt, dass der Tango in Argentinien erfunden wurde, blickt der Altmeister des finnischen Autorenkinos grimmig in die Kamera der Dokumentarfilmerin Viviane Blumenschein und erklärt, finnische Seeleute hätten einst den Tango nach Uruguay gebracht, von wo aus er erst nach Argentinien gelangt sei. In Argentinien sieht man die Sache natürlich ganz anders. Hier fängt Blumenschein mit der Kamera Impressionen des Lebens dreier Musiker in Buenos Aires ein, die zunächst den speziellen Zauber des tango argentino vorführen, um sich anschließend auf eine Reise quer über die halbe Erdkugel vorzubereiten. In Finnland wollen sie der so ganz anderen Eigenart der nordischen Tango-Variante nachspüren. Natürlich kommt es auf dieser Reise in dem charmanten Dokumentarfilm „Mittsommernachtstango“ zu einigen hochmusikalischen Begegnungen.

    Obwohl gar nicht zu übersehen ist, dass das komplette Szenario eigens für diesen Film in Gang gesetzt wurde, entsteht aus der Begegnung zweier entfernt verwandter musikalischer Welten dabei immer wieder ein spontaner Zauber. Zuerst staunen die Argentinier über die Bodenständigkeit der finnischen Tangotänzer, die sich in der Regel aus älteren Semestern rekrutieren. In Buenos Aires gingen dagegen, wie der Gitarrist Diego Kvitko erklärt, auch viele jüngere Menschen Tango tanzen. Er selbst habe so seine Frau kennengelernt. Doch das Bild vom unmodernen finnischen Tango verschiebt sich allmählich. In der tiefsten Provinz besuchen die drei bei ihrer Reise begleiteten argentinischen Musiker die Sängerin Sanna Pietänen und ihren Mann, der Komponist ist. Gemeinsam betreiben sie einen Bauernhof und nebenher die Musik. Im bunten Sommerkleid und draußen im Grünen singt Sanna einen finnischen Tango so voller Gefühl, dass Sänger Walter Laborde spontan erklärt, er wolle Gesangsunterricht bei ihr nehmen. Die gemeinsamen Bemühungen münden in ein inspiriert vorgetragenes Duett – auf Finnisch!


    Ein weiteres Duo tritt in Gestalt der Musiker M.A. Numminen und Pedro Hietanen auf, die sich für einen Auftritt als Hase und Katze kostümieren und Tango für eine Hundertschaft von Kindern spielen, die munter zur Musik umherhopsen. Eigentlich sei die Kostümierung vor allem für die Eltern der Kinder gedacht, erklärt M.A. Numminen, da diese sich nämlich noch an Hase und Katze aus ihrer eigenen Kindheit erinnerten und sie wiedersehen wollten. Der stets etwas hintersinnig blickende Numminen (ein in Finnland prominenter Alleskönner, der nicht nur Musik macht, sondern auch Bücher und Filme) hat daneben auch eine plausible Erklärung für das Phänomen des finnischen Tangos auf Lager. Man habe die russische Romantik mit dem deutschen Marschrhythmus kombiniert, erläutert er todernst, um es den finnischen Männern mit ihrem mangelnden Rhythmusgefühl einerseits leicht zu machen, den Takt zu halten, und ihnen zugleich zu ermöglichen, den Frauen ihre Gefühle zu kommunizieren, ohne darüber sprechen zu müssen. Eine Aussage, die in dem charmant-lapidaren Duktus des Films, sofort nachvollziehbar ist.

    Fazit: „Mittsommernachtstango“ ist ein Dokumentarfilm über das Phänomen des finnischen Tangos, betrachtet durch die Augen dreier argentinischer Musiker. Charmant in Szene gesetzt und voll mit guter Musik.

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