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Der Chor - Stimmen des Herzens
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Der Chor - Stimmen des Herzens
Von Asokan Nirmalarajah
Auf dem ersten Blick könnte man die erste Kinoarbeit des Kanadiers François Girard („Die rote Violine“) seit sieben Jahren für das Hollywoodremake des französischen Publikumserfolgs „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ von 2004 halten. Christophe Barratiers seinerzeit für den Oscar nominierte Tragikomödie über die emotionale Bindung zwischen einem Chorleiter und seinen Sängerknaben bildete aber weder die Inspiration noch die Vorlage für Girards „Der Chor – Stimmen des Herzens“. Das einfühlsam erzählte und charmant gespielte Musikdrama basiert vielmehr auf einem Originaldrehbuch des „Source Code“-Autoren Ben Ripley. Zwar ist die Geschichte vom rebellischen Gesangstalent und seiner konfliktreichen Beziehung zu seinem hartherzigen Lehrer in ihren Grundzügen recht konventionell und ihr Ablauf vorhersehbar. Aber die beeindruckenden Gesangssequenzen, die faszinierenden Einblicke hinter die Kulissen einer ehrwürdigen Musikakademie und Girards sichere, behutsame Hand, mit der er jede offensichtliche Melodramatik geschickt umschifft, machen „Boychoir“ (so der Originaltitel) zu einem sehens- und hörenswerten Kinoereignis.

Stet (Garrett Wareing) ist ein Zwölfjähriger mit einem ausgeprägten Hang zu Gewaltausbrüchen und einer außergewöhnlichen Stimme. Die engagierte Schulleiterin Ms. Steel (Debra Winger) will dem verhaltensauffälligen Jungen zu einer besseren Zukunft verhelfen und drängt ihn dazu, beim Knabenchor des angesehenen „National Boychoir“-Internats vorzusingen, der gerade in ihrer Schule gastiert. Doch statt Chorleiter Carvelle (Dustin Hoffman) sein Gesangstalent zu zeigen, flieht Stet vor der Herausforderung. Als die alkoholsüchtige Mutter des Jungen bei einem Unfall stirbt, will sich sein Vater Gerard (Josh Lucas) nicht persönlich um ihn kümmern, lässt sich aber von Ms. Steele überzeugen, Stet im National Boychoir-Internat unterzubringen. Dort hat der antisoziale  Stet mit schwieriger Musik, seinen eingebildeten Mitschülern und seinem skeptischen Lehrer Carvelle zu kämpfen.


Der Franco-Kanadier François Girard, der sich auch als Opern- und Theaterregisseur einen Namen gemacht hat, lässt die vermeintlichen dramatischen Höhepunkte seiner abgegriffenen Lehrer-Schüler-Geschichte mit Bedacht links liegen: Weder die Konfrontationen zwischen dem alten, unterkühlten Chorleiter und seinem jungen, jähzornigen Schützling, noch dessen Konkurrenzkampf mit dem egoistischen Star-Sänger Devon (Joe West) oder seine ambivalente Beziehung zum distanzierten Vater Gerard spitzt der Regisseur melodramatisch zu. Er konzentriert sich vielmehr auf eine  glaubwürdige und nuancierte Figurenzeichnung, bei der gerade die leisen Töne große Bedeutung bekommen. Im stimmigen Darstellerensemble vereint er dazu Hollywood-Veteranen wie Dustin Hoffman, Debra Winger („Ein Offizier und Gentleman“) und Kathy Bates (als Direktorin des Knabenchors) mit so unterschiedlichen Mimen wie Eddie Izzard („Operation Walküre“) als Carvelles pingeliger Nachfolger, „Glee“-Entdeckung Kevin McHale als Stets Gesangslehrer und einem wunderbar menschlichen Josh Lucas („Der Mandant“) als ambivalenter Erzeuger des Jungen.

Lediglich Debütant Garrett Wareing erscheint manchmal ein wenig überfordert und wirkt wie ein - wenn auch begabter - Amateur unter lauter Profis. Die eigentliche Hauptrolle in „Der Chor“ spielt indes ohnehin das gemeinsame Musizieren: Die Gesangsproben und Bühnenauftritte des eindrucksvollen Knabenchors - zu hören sind hauptsächlich Schüler der American Boychoir School, die auch ein Vorbild für die fiktive Schule des Films war - sind ungemein gelungen: Die von „Game of Thrones“-Kameramann David Franco mal in atmosphärisches Blau, mal in warmes Braun getauchten Darbietungen sind ein ausdrucksstarkes Zeugnis der Kraft des innigen künstlerischen Miteinanders und werden selbst Klassik-Muffel in ihren Bann ziehen. Dafür sorgt neben der gelungenen Mischung aus Repertoirestücken und mitreißender Originalmusik von „Albert Nobbs“-Komponist Brian Byrne auch die musikalische Mitwirkung von Crossover-Star Josh Groban.

FazIt: „Die rote Violine“-Regisseur François Girard feiert sein Kino-Comeback mit einem gediegenen, einfühlsamen Drama über den Werdegang eines jungen Chorsängers an einem Internat. Schon der Soundtrack allein ist den Eintritt wert.
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