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Goldrausch
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Goldrausch
Von Matthias Ball
Ungewohnte Töne hörte man bei der Premiere von Charlie Chaplins „Goldrausch“ Ende Juni 1925 in Los Angeles. Chaplin, als Perfektionist bekannt, äußerte sich erstmals rundum zufrieden über einen neuen Film. Seine Erfolge mit den Stummfilmen Der Vagabund und das Kind und „Die Nächte einer schönen Frau“ korrigierten die Erwartungen an „Goldrausch“ noch weiter nach oben; sich selbst wollte Chaplin mit dem Film ein Denkmal für die Ewigkeit setzen. Bis heute ist „Goldrausch“ Chaplins populärster Film: Der Tramp als Goldgräber in den verschneiten Bergen Alaskas, in einem virtuosen Balanceakt aus Tragik und Slapstick.

Ende des 19. Jahrhunderts: Wie viele andere Amerikaner geht der Tramp (Charlie Chaplin) auf Goldsuche, da er sich nach Reichtum und Prestige sehnt. Bereits kurz nachdem er den Chilkoot-Trail überquert hat, überrascht ihn ein Schneesturm, vor dem der Tramp in einer abgelegene Hütte Schutz findet. Dort trifft er auf den Ganoven Black Larsen (Tom Murray) und Big Jim McKay (Mack Swain). In eisiger Kälte und ohne Proviant beginnt der Kampf ums Überleben. Als der Sturm nachlässt erreicht der Tramp eine kleine Goldgräberstadt, wo er die Tänzerin Georgia (Georgia Hale) kennen lernt, in die er sich gleich verliebt. Voller Hoffnungen, Georgias Herz zu erobern, lädt er sie in die Hütte eines hilfsbereiten Goldgräbers zum Silvesteressen ein. Unterdessen kommt Big Jim zurück in die Stadt. Nach einem Streit mit Black Larsen hatte dieser sein Gedächtnis verloren und sucht nun verzweifelt seine Mine. Mit dem Versprechen, die Hälfte seines Gewinnes abzutreten, macht sich Jim zusammen mit dem Tramp auf die Suche nach der Mine. Wieder geraten die Beiden in Gefahr – erneut ist es ein Schneesturm…

Es war der Traum vieler Amerikaner. Um reich zu werden, machten sich wenige Jahre vor der Jahrhundertwende rund 100.000 Abenteurer auf den Weg nach Alaska und Yukon. Der Goldrausch am Klondike gehört dabei zu den dramatischsten Episoden in der Geschichte Kanadas. Nur jeder Vierte erreichte überhaupt die Goldfelder, wenige davon hatten das Glück, sich einen der begehrten Claims sichern zu können. Als kürzeste und zugleich billigste Route wurde der Chilkoot-Trail zu einer Schlüsselstelle für den Großteil der Goldsucher. Aus Mangel an Proviant und fehlender Ausrüstung mussten bereits hier viele ihre Hoffnungen begraben.

Inspiriert wurde Chaplin von einem Frühstück mit seinen Partnern bei United Artists, Douglas Fairbanks und Mary Pickford. Sie zeigten ihm Fotos von Goldgräbern, die sich, wie an einer endlosen Schnur gereiht, den tief verschneiten Chilkoot-Trail hoch wunden. Neben diesem Bild weckte ein Buch über die sogenannte Donner-Tragödie Chaplins Fantasien: eine Gruppe von Einwanderern wurde 1846 in der Sierra Nevada von Eis und Schnee eingeschlossen. Ein erster Rettungstrupp blieb ebenso erfolglos wie alle weiteren Hilfeversuche. Aus diesem Material formte Chaplin die Umsetzung der Tragödie in eine Leinwand-Komödie.

Der stärkste Punkt des Films sind Chaplins Einfälle bei den Slapstickszenen. Lebensgefahr, Hunger und Einsamkeit spornen den Tramp immer wieder zu neuen Höchstleistungen an. So wird aus einem Notbehelf ein extravagantes Schuh-Dinner, aus dem Tramp ein monströses Huhn und als er an Silvesterabend allein in der Kälte steht, folgt ein Brötchentanz, wie er graziöser nicht hätte sein können. Chaplin drehte die Szenen so oft, bis sie perfekt inszeniert waren. Dass Mack Swain aufgrund der vielen Lakritze (aus der der Schuh bestand) Magenprobleme bekam, war nur eine der notwendigen Nebenwirkungen. Zwar hatte Chaplin erstmals von Beginn an eine feste Story, doch die einzelnen Szenen und Gags wurden weiterhin größtenteils improvisiert. Während der Dreharbeiten verfilmte Chaplin rund 70 000 Meter Zelluloid, von denen gerade einmal 2000 Meter in der Endfassung des Films verwendet wurden.

Neben all der Komödie enthält „Goldrausch“ allerdings ebenso scharfe Kritik an einer Gesellschaft, die allem Anschein nach nur auf materielle Dinge fixiert ist. Wirkliche Zuwendung erhält der Tramp erst, nachdem er einen Ohnmachtsanfall vorttäuscht und sich so eine Mahlzeit bei einem Goldsucher erschleichen kann. Von Big Jim wird er als Arbeistier benutzt und die Zusammenarbeit der Beiden ist auch nicht mehr als ein notgedrungenes Zweckbündnis. Auch Georgia täuscht dem Tramp ihre Zuneigung vor und macht sich hinter seinem Rücken lustig über ihn. Das Happy End ist nicht nur erkauft, es beweist auch feine Ironie: Nachdem der Tramp seine Identität aufgibt, um lediglich Big Jims Partner zu sein, ist der Erfolg seiner Story nichts weiter als Zufall und gute Vermarktung.

Die Wahl der Hauptdarstellerin fiel zunächst auf Edna Purviance, die bereits einige Jahre mit Chaplin zusammenarbeitete. Doch Edna war außer Form, seit einigen Jahren hatte sie keine Filmrolle mehr bekommen und auch ihre Trinksucht stellte ein großes Hindernis dar. Kurz nach Beginn der Arbeiten an „Goldrausch“ setzte ihr dann ein Hollywoodskandal weiter zu, durch den sie endgültig ihre Rolle verlor. Ein passender Ersatz war schnell gefunden – Lillita McCurry, die den Engel der Versuchung in Der Vagabund und das Kind spielte, sollte die Hauptrolle übernehmen. Lita Grey, so ihr Künstlername, war zwar erst 15 und als Schauspielerin nicht wirklich talentiert, aber sie gefiel Chaplin. Bei den Dreharbeiten kam dann das, was kommen musste: Chaplin verliebte sich in Lita, die kurz darauf schwanger wurde. Litas Eltern, die erst jetzt von der Affäre erfuhren, drohten mit einer Klage wegen Vergewaltigung. Am Ende blieb Chaplin keine andere Wahl als Lita zu heiraten, da eine wahrscheinliche Verurteilung mehrere Jahre Gefängnis für ihn bedeutet hätten. Litas Schwangerschaft räumte den Platz für eine neue Haupdarstellerin, den sich die achtzehnjährige und gänzlich unbekannte Georgia Hale ergatterte.

An der Kinokasse legte „Goldrausch“ einen Blitzstart hin. Als der Film jedoch wenige Tage später die Metropolen Amerikas verließ und die Massen auf dem Land erreichte, brach das Geschäft unerwartet ein, der Film floppte regelrecht. Bei Produktionskosten von fast einer Million Dollar spülte „Goldrausch“ zwar das Sechsfache in die Kassen zurück, doch die Leute wollten lachen und waren angesichts der Tragik im Film enttäuscht. 1942 wagte Chaplin dann einen zweiten Anlauf und brachte „Goldrausch“ in einer komplett überarbeiteten Fassung erneut in die Kinos. Neben einer Schlankheitskur, der eine halbe Stunde Film zum Opfer fiel, ersetzte Chaplin die im Stummfilm üblichen Zwischeneinblendungen durch einen selbstgesprochenen Kommentar. Musikalisch unterlegt wurde die Wiederaufführung von Max Terr, der für seine Arbeit 1944 mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde.

Völlig zu Recht wurde „Goldrausch“ 1998 von Filmexperten und Kritikern in die Liste der 100 besten Filme des American Film Instituts gewählt und platzierte sich dabei noch vor Lichter der Großstadt und Moderne Zeiten. Mit dem Tramp hat Chaplin eine Figur geschaffen, die noch immer als Synonym für herausragende Slapstickkunst steht. In „Goldrausch“ tritt der Tramp noch eine Dimension vielschichtiger auf: Schon immer war er ein Außenseiter am Rand der Gesellschaft, in „Goldrausch“ ist es zusätzlich die existenzielle Not, die den Tramp bedroht. Dass er auch hier an seinem Anstand und seiner Würde festhält, zeigt erst seine wahre Größe.
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