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    Ai Weiwei - The Fake Case
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Ai Weiwei - The Fake Case
    Von Christian Horn

    Der chinesische Künstler Ai Weiwei erlangte mit seinen gesellschaftskritischen Kunstwerken und Aktionen, mit denen er die nach westlich-demokratischen Maßstäben äußerst repressive Staatsmacht in China offen anklagt, Weltruhm. Nach „Ai Weiwei: Never Sorry“ aus dem Jahr 2012 kommt mit „Ai Weiwei - The Fake Case“ nun bereits der zweite Dokumentarfilm über den politischen Querkopf in die deutschen Kinos. Vordergründig behandelt der dänische Regisseur Andreas Johnsen Weiweis Rückkehr in die Normalität nach einer fast dreimonatigen Inhaftierung durch die chinesische Regierung. Gleichzeitig funktioniert das Doku-Porträt aber auch als universelle Geschichte über politische Macht, freie Meinungsäußerung und das Menschsein im Allgemeinen.

    Anfang April 2011 verhaften chinesische Regierungsangehörige Ai Weiwei am Pekinger Flughafen. Nach 81 Tagen, die Weiwei abseits der Öffentlichkeit in Haft verbrachte, entlassen die Behörden den politisch brisanten Künstler auf Bewährung – und strengen sogleich ein Steuerverfahren gegen den Unruhestifter an. Doch dies ist nicht das einzige Problem, das Ai Weiwei nach der Verschleppung durch die Behörden plagt. In kleinen Schritten kehrt der körperlich geschwächte, in sich gekehrte Mann in sein Leben zurück. Gespräche mit der Familie helfen Weiwei dabei ebenso wie die Versuche einer künstlerischen Verarbeitung der Behördenwillkür, deren Opfer Ai Weiwei bereits mehrfach wurde. Von hoher Bedeutung ist auch die große positive Resonanz in den westlichen Medien, die dem rebellischen Superstar der chinesischen Kunstszene ein gewisses Maß an Narrenfreiheit verschafft.

    Andreas Johnsen begleitet seinen Protagonisten bei allerlei Alltagshandlungen, filmt ihn bei Gesprächen mit seiner Mutter, in Ateliers von Künstlerkollegen oder bei Treffen mit Journalisten. Mit stilsicheren Bildern und Schnitten schafft er einen ungebrochenen Erzählfluss, wobei die Bilder und der Originalton meist für sich selbst stehen. Nur an wenigen Stellen liefern Texteinblendungen weitere Hintergrundinformationen, doch auf einen Off-Kommentar oder klassische „Talking Heads“ verzichtet Johnsen völlig. So bleibt viel Raum für den charismatischen Protagonisten, der jederzeit im Mittelpunkt steht, während der titelgebende Gerichtsprozess gegen Weiweis Firma „FAKE Design“ als unverbindliche Rahmenhandlung fungiert. Die chinesischen Autoritäten untersagen Mitschnitte der Verhandlung, doch Weiwei nutzt seinen Rückhalt im Volk, um trotz aller Repressalien über wirtschaftliche und politische Mängel Chinas zu sinnieren.

    Bei einer politisch aufgeladenen Doku wie „The Fake Case“ ist es von entscheidender Bedeutung, wessen Perspektive der Regisseur einnimmt. In diesem Fall ist der Blick stets auf Ai Weiwei gerichtet, während seine Gegner nicht zu Wort kommen. Vom Ansatz her durchaus vergleichbar mit Michael Moores „Bowling for Columbine“ zeichnen Weiwei und Andreas Johnsen die chinesische Staatsmacht als ein marodes System, das Angst vor den eigenen Bürgern hat und daher jedwede freie Meinungsäußerung bereits im Keim ersticken will. Dass Ai Weiwei trotz der Gefahr für Leib und Leben ganz offen und mitunter zornig eine „Zersetzung der Staatsmacht“ und einen politischen Wechsel herbeiwünscht, erscheint trotz seiner Protektion durch die Weltöffentlichkeit bewundernswert und mutig. Zugleich ist Weiweis ungebrochener Widerstand aber auch eine geschickte Marketing-Aktion. Die Frage, inwiefern „The Fake Case“ selbst eine Art „Fake“ ist und Ai Weiwei zu sehr glorifiziert, erscheint durchaus berechtigt, und macht die unaufgeregte Doku letztlich noch einen Zacken interessanter.

    Fazit: Vielschichtiger und unterhaltsamer Dokumentarfilm, der vom Charisma des politischen (Performance-)Künstlers Ai Weiwei profitiert.

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