Der große Demokrator
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Der große Demokrator

3,5


Von Asokan Nirmalarajah

Rami Hamze, erfolgreicher Absolvent der Kölner Kunsthochschule und vielversprechender Kinodebütant als Autor und Regisseur der Doku „Der große Demokrator“, wirkt auf dem ersten Blick wie der deutsche Doppelgänger von Borat. Wie jener fiktive TV-Journalist aus Kasachstan, verkörpert vom britischen Star-Komiker Sascha Baron Cohen 2006 im gleichnamigen Kultfilm, schickt sich der schlaksige Kauz mit dem dunklen Vollbart und den zotteligen Wuschelhaaren an, soziologische Erkenntnisse aus der Konfrontation mit Menschen von der Straße zu gewinnen. Hamzes Zugang zu seinem Sujet ist aber weit weniger radikal und wird getragen von einem ungleich sanfteren Witz. Auch versteckt sich der Sozialkritiker nicht hinter einer Kunstfigur, sondern stellt sich als engagierter wie naiver Dokumentarist, der ein politisches Experiment auf kleinem Raum wagt, selbst zur Kritik. Das Ergebnis ist eine liebenswert humane, gehaltvolle Studie über das menschliche Miteinander.

Der Kölner Filmemacher Rami Hamze erfährt, dass Köln-Kalk, einer der bekannten sozialen Brennpunkte der Stadt, als nächster Bezirk von der Stadtverwaltung für eine graduelle Gentrifizierung ins Auge genommen werden soll. Prompt macht sich der politisch interessierte und nach einer sinnvollen wohltätigen Aktion suchende Künstler auf, um den Bürgern von Kalk unter die Arme zu greifen. Er sammelt 10.000 Euro an Spendengeldern, mietet sich einen großen Raum mitten im Bezirk und startet die Aktion „Kalk für Alle“. Über die nächsten Wochen sollen sich die Bürger von Kalk, vor allem die ungehörte Mehrheit der Immigranten, Gedanken darüber machen, wie man Kalk mit der festgesetzten Spendensumme direkt und ohne jede Bürokratie für sämtliche Bevölkerungsgruppen von Kalk lebenswerter machen könnte. Die Vorschläge reichen dabei von einer staatlich unabhängigen Privatkreditbank, über einen Kinderspielplatz bis zu einem Karussell auf einem trostlosen Hügel.


Im Grunde bringt bereits der erklärende Untertitel des „großen Demokrators“, Konzept und Charme der kurzweiligen Dokumentation wunderbar auf den Punkt: „Ein einfacher Film über komplizierte Angelegenheiten“. Einfach an Rami Hamzes Gesellschaftsstudie ist die zunächst etwas naiv formulierte Ausgangsidee, die sich in der Praxis aber schon bald als weit komplizierter und schwer umsetzbar erweist. Wie sein demokratisches Experiment dem jungen Filmemacher nach und nach aus den Fingern gleitet, ist das Thema der anderthalbstündigen Chronik vieler guter Absichten und kleiner unüberbrückbarer Differenzen.

Der durchaus löbliche Versuch, mit dem medial vorangetriebenen Projekt „Kalk für alle“ die Bürger einer soziokulturell vielseitigen Stadtteils effektiv zusammenzuführen und zu mehr politischer Aktivität zu inspirieren, führt letztlich dazu, dass sich Hamze als unfreiwilliger Unruhestifter zwischen allen Fronten wiederfindet. Wie er sich dann durch die vielen schillernden Figuren (von engagierten Familienvätern über wortgewaltige Nachbarschaftsfreunde bis hin zu New-Age-Esoterikern, die das Geld in einen Raum der Stelle investieren wollen) mit Witz, Schlagfertigkeit und Mitgefühl navigiert, ist sehr spannend. Dadurch entfernt sich Hamze auch schnell von seinem nicht immer gelungenen selbstironischen Ansatz, die sich in kleinen Episoden über seinen einfältigen Praktikanten erschöpfen. Abgesehen von diesen kleinen Schönheitsfehlern, in denen der Filmemacher der Sogwirkung seines Themas nicht vertraut, und lieber etwas rumalbert, um etwas mehr Humor in den Film zu bringen, gestaltet sich „Der große Demokrator“ als ein kleiner, aber eindrucksvoller Einstand auf der Leinwand.

Fazit: Rami Hamzes gleichsam amüsant-naiver, faszinierend-packender Aufruf zu mehr Bürgerbeteiligung und gegen eine willkürliche Gentrifizierung urbaner Lebensräume nimmt zum fesselnden Finale hin, in der eine Debatte um die Abstimmung über den korrekten Wahlprozess bei der Vergabe der 10.000 Euro fast das ganze Projekt zur Implosion führt, enorm an Fahrt auf. Der Regisseur zeigt dabei ein gutes Gespür für spannende Charaktere und Geschichten aus dem Alltag und empfiehlt sich als humorvoller und intelligenter Chronist komplizierter zivilisatorischer Prozesse.

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