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    Coming Home
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Coming Home
    Von Ulf Lepelmeier
    Mit „Coming Home“ kehrt Regisseur Zhang Yimou nach bombastischen Wuxia-Filmen („Hero“, „House of Flying Daggers“) und einem bisweilen etwas kitschigen Kriegsepos („Flowers of War“) in gewisser Weise zu seinen Wurzeln zurück. Mit seiner langjährigen filmischen wie privaten Partnerin Gong Li in der Hauptrolle inszenierte er ein ergreifendes Drama, um eine im Zuge der chinesischen Kulturrevolution zerrissene Familie, welche eine Wiedervereinigung in der ersehnten Form nie erleben können wird.

    China, Anfang der 1970er Jahre: Die talentierte Tänzerin Dandan (Zhang Huiwenn) setzt alles daran, die Hauptrolle in einer großen Propaganda-Ballettaufführung zu bekommen. Das ehrgeizige Mädchen lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter Feng Wanyu (Gong Li) zusammen und hat seinen Vater Lu Yanshi (Chen Daoming) nie wirklich kennengelernt, da er im Zuge der Kulturrevolution vor vielen Jahren in ein Arbeitslager deportiert wurde. Doch dann werden Mutter und Tochter informiert, dass Lu geflohen ist und seine Sichtung sofort zu melden sei. Während Feng auf ein Wiedersehen hofft, ist ihre indoktrinierte Tochter alles andere als begeistert etwas vom Vater zu hören, der als potentielle Gefahr für das kommunistische System weggesperrt wurde. Als Lu versucht mit seiner Frau in Kontakt zu treten und Dandan trotz großen Könnens wegen ihres der Partei nicht genehmen Vaters nur eine Nebenrolle in der Aufführung bekommt, verrät die beleidigte Tochter ihren Vater. Lu wird geschnappt und zurück ins Arbeitslager geschickt. Erst nach dem Ende der Kulturrevolution wird Lu freigesprochen und kehrt erwartungsvoll zu seiner Familie zurück. Doch seine Frau leidet an einer besonderen Form der Amnesie und ist nicht mehr im Stande, ihn als ihren geliebten und so lange vermissten Ehemann wiederzuerkennen...


    Wie schon bei „Flowers of War“ handelt es sich auch bei „Coming Home“ um eine Romanadaption der in Amerika lebenden Schriftstellerin Yan Geling. Während in der literarischen Vorlage aber auch Lu Yanshis Jugend in Shanghai, seine Studienzeit in den USA sowie die Lebenssituation im Arbeitslager beschrieben werden, beschränkt sich Zhangs Film rein auf das spätere Lebenskapitel des Romanprotagonisten. Neben der offiziellen Verlautbarung, dass Lu als intellektueller Rechter und damit Parteigegner verurteilt wurde, werden die näheren Umstände und Hintergründe von dessen Lagerinhaftierung im Dunkeln belassen und auch sonst die Kulturrevolution und ihre Folgen nicht näher thematisiert. Das sensible politische Thema wird in der zweiten Hälfte des Filmes vielmehr zu Gunsten einer intim-emotionalen Fokussierung auf die Familie scheinbar komplett ausgeblendet. Allerdings kann die besondere Form der Amnesie der Protagonistin auch als eine Allegorie für die kollektive gesellschaftliche Verleugnung der schmerzhaften Vergangenheit interpretiert werden.

    Dabei gelingt es Zhang Yimou eine außergewöhnliche Bildsprache zu finden, um den grauen, klar geordneten Alltag dieser Zeit und insbesondere das angespannte Klima des gegenseitigen Beschattens und Beobachtens im Auftrag der kommunistischen Partei gerade im ersten Drittel des Filmes einzufangen. Außerdem ist das tragische Schicksal der liebenden Eheleute auch noch mit der vorsichtigen politisch-geschichtlichen Einordnung, die nur so der chinesischen Zensur standhalten konnte, ein eindeutiges Fallbeispiel für die im Zuge der chinesischen Kulturrevolution verübten Verbrechen an der Bevölkerung. So wurden Unschuldige, die dem kommunistischen Staatssystem nicht genehm wahren, deportiert oder getötet, Familien somit auseinandergerissen und Kinder oftmals so stark indoktriniert, dass sie sich zum Wohl der allgegenwärtigen Partei gar gegen die eigenen Familienangehörigen stellten.

    Die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckende, melancholische Geschichte einer von der chinesischen Politik auseinandergerissenen Familie wird erst durch das hervorragende Schauspiel der drei Hauptdarsteller wirklich emotional greifbar. Gong Li („Rote Laterne“, „Die Geisha“) die bereits zum achten Mal mit Zhang Yimou zusammenarbeitet, verkörpert die unter partiellem Gedächtnisverlust leidende Frau eindrucksvoll. Li agiert zurückgenommen, doch spiegelt sich allein in ihrem Gesicht schon die Trauer und das Gefühl des Verlusts der Protagonistin wieder, das diese seit den vielen Jahre der Trennung von ihrem Ehemann in sich trägt. Insbesondere der Ausdruck, wenn Feng Wanyu jeweils am fünften Tag eines jeden Monates erwartungsvoll ihren Mann am Bahnsteig endlich in Empfang nehmen möchte und dann immer einsehen muss, dass ihr Geliebter nicht erscheinen wird, ist herzzerreißend. Ihr zur Seite steht die Neuentdeckung Zhang Huiwen, welche die erst stur-egoistische, später reumütige und führsorglich agierende Tochter Dandan verkörpert, sowie der in der Rolle des liebevollen Ehemanns wunderbar aufgehende Chen Daoming („Hero“, „Empire of war – Der letzte Widerstand“), der die unerschütterliche Liebe und Zuneigung Lu Yanshis zu seiner ihn nicht mehr erkennenden Frau gefühlvoll vermittelt.

    Fazit: Zhang Yimous „Coming Home“ erweist sich als ein berührendes und hervorragend besetztes Drama über eine unerschütterliche Liebe, welche den politischen Widrigkeiten der voranschreitenden Zeit sowie dem Schicksal des Vergessens trotzt.
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