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    Tatort: Die Feigheit des Löwen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Tatort: Die Feigheit des Löwen
    Von Lars-Christian Daniels
    Als das letzte Mal ein Darsteller aus einer US-Erfolgsserie den Bösewicht im „Tatort“ mimte, kam am Ende ein erstklassiger Krimi dabei heraus: Im Frühjahr 2014 drückte Dar Salim, der Darsteller des Qotho aus „Game of Thrones“, dem herausragenden Bremer „Tatort: Brüder“ mit einer brillanten Performance seinen Stempel auf und lehrte die Ordnungshüter in der Hansestadt als einflussreicher Gangsterboss Hassan das Fürchten. Für Marvin Krens „Tatort: Die Feigheit des Löwen“, der einige Wochen vor seiner TV-Ausstrahlung auch auf dem Filmfest Hamburg zu sehen war, standen nun ebenfalls zwei namhafte Hollywood-Serienstars vor der Kamera: Navid Negahban und Numan Acar, die in der Showtime-Erfolgsserie „Homeland“ die Terroristen Abu Nazir (Staffel 1 und 2) und Haissam Haqqani (Staffel 4) mimen. Zwar fallen die Auftritte der beiden „Homeland“-Darsteller am Ende nicht ganz so eindrucksvoll aus wie der von Dar Salim, doch ist auch dieser „Tatort“ unbedingt sehenswert: Marvin Kren inszeniert einen kraftvollen und stark gespielten Flüchtlingskrimi, in dem die Bundespolizei wie schon zuletzt im „Tatort: Mord auf Langeoog“ und im „Tatort: Kaltstart“ wieder in Niedersachsen ermittelt.

    An einer Tankstelle in Oldenburg überschlagen sich die Ereignisse: Ein syrischer Mann (Numan Acar) streitet sich in seinem Auto mit seiner Frau Mira (Alev Irmak). Als zwei Streifenbeamte auf die Auseinandersetzung aufmerksam werden, zückt der Syrer plötzlich ein Messer und wird in Notwehr von einem der Polizisten erschossen. Der lokale Kommissar Jan Katz (Sebastian Schipper) wird zum Tatort gerufen und findet im Kofferraum des Autos eine zweite Leiche: Es ist die Tochter des syrischen Ehepaars. Neben ihr liegt ihr verängstigter Bruder Ali (Mert Dincer), der offenbar wie seine Eltern über einen Schleuserring nach Deutschland gelangt ist. Die Bundespolizei-Ermittler Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) haben die Schleuser schon länger im Visier und finden kurz darauf sogar eine dritte Leiche. Die Spur führt ins Haus des syrischen Arztes Nagib (Husam Chadat), der mit der Deutschen Lydia (Karoline Eichhorn) verheiratet ist und seinen Bruder Harun (Navid Negahban) ins Land geholt hat. Aber ist der Mediziner, der sich für „Ärzte ohne Grenzen“ engagiert, auch für die Tat verantwortlich? Und welche Rolle spielt die schöne Raja (Daniela Golpashin), die sich ständig in der Villa aufhält? Schon bald müssen Falke und Lorenz feststellen, dass der Schrecken des Bürgerkriegs bis ins beschauliche Niedersachsen reicht...


    Der Löwe ist ein Feigling in einem fremden Land“, besagt ein arabisches Sprichwort, das die Filmemacher im Krimititel (und in einem Schlüsseldialog) aufgreifen. Fremd vorkommen dürfte sich in diesem „Tatort“ zunächst auch der eine oder andere Zuschauer: Grimme-Preisträger und Krimiautor Friedrich Ani („Das unsichtbare Mädchen“), der bereits zum fünften Mal ein Drehbuch für die „Tatort“-Reihe beisteuert, überschüttet das Publikum im ersten Filmdrittel förmlich mit arabisch klingenden Vor- und Nachnamen, die erst einmal im Kopf sortiert werden wollen. Durch regelmäßig eingeflochtene Radioberichte (gesprochen von Jörg Pilawa) oder im Hintergrund laufende TV-Bilder aus dem syrischen Bürgerkriegsgebiet (bei denen der Name Baschar al-Assad allerdings nicht fällt) wird die Handlung gekonnt im aktuellen Zeitgeschehen verortet. Statt zäher, erklärender Dialoge der Kommissare und politischer Binsenweisheiten skizzieren die Filmemacher in angemessener Knappheit, warum in den vergangenen Monaten so viele Syrer ihr Heimatland verließen und in anderen Staaten auf eine bessere Zukunft hoffen. Das schafft die Basis für eine vergleichsweise ruhige, aber intensive Mischung aus Politthriller und Familientragödie.

    Anders als im ebenfalls von Marvin Kren inszenierten Wilhelmshavener „Tatort: Kaltstart“, in dem die Geschichte um staatliche Drohnen-Überwachung und illegale Waffengeschäfte trotz einiger guter Ansätze eine Nummer zu groß geriet, ermitteln die Bundespolizisten diesmal auf Augenhöhe mit den Kriminellen und stecken schon bald in einer moralischen Zwickmühle: Wie könnte Falke, der sich fast väterlich um den kleinen Ali kümmert, dessen Landsmann Faisal Azim (Tamer Yigit) für seine Passfälschungen belangen, wenn der doch nur die eigenen Landsleute vor dem sicheren Tod bewahren möchte? Falke und Lorenz, die sich nach dem Genuss von „Billstedter Milch“ bei ihrem vierten Fall so nah kommen wie nie zuvor und damit die Vorfreude auf ihren fünften „Tatort: Frohe Ostern, Falke“ wecken, würden den Kriminellen am liebsten wieder auf freien Fuß setzen, Falkes Kumpel Katz hingegen pocht auf die Vorschriften. Auch wenn Kren und Ani für diesen Konflikt eine Lösung finden, muss der Zuschauer die Frage nach Recht und Unrecht für sich selbst beantworten. Einfacher macht man es dem Publikum bei der Täterfrage: Einmal mehr bewahrheitet sich die alte „Tatort“-Weisheit, dass prominente Nebendarsteller – hier: Karoline Eichhorn („Der Sandmann“) und Navid Negahban („Brothers“) – bei der Auflösung meist ein entscheidendes Wörtchen mitzureden haben.

    Beiden Schauspielern hätte man allerdings noch mehr Raum zur Entfaltung gewünscht: Die Ehe zwischen Eichhorns Lydia und Nagib (Husam Chadat) birgt Konfliktpotenzial, wird aber recht oberflächlich skizziert, und „Homeland“-Star Negahban erhält weniger Minuten vor der Kamera, als man es sich gewünscht hätte. Dennoch verleiht der amerikanisch-iranische Schauspieler seinem wortkargen Syrer Harun mit charismatischem Spiel Profil: Vom finster dreinblickenden Flüchtling, der seinem Bruder für die Rettungsaktion zu keiner Sekunde dankbar zu sein scheint, geht eine subtile Bedrohung aus, die den ganzen Krimi prägt und das dramatische Finale früh erahnen lässt. Heimlicher Publikumsliebling im 924. „Tatort“ ist allerdings die österreichische Pathologin Dr. Evers (Brigitte Kren), die Falke und Lorenz zum ersten (und hoffentlich nicht letzten) Mal bei den Ermittlungen zur Seite steht: Die sympathische Gerichtsmedizinerin erklärt den verdutzten Ermittlern nicht nur im Selbstversuch den sogenannten Bolustod (zweifellos eine der fiesesten Todesarten in der „Tatort“-Geschichte), sondern auch, warum es durchaus gefährlich werden kann, wenn man einen roten und einen grünen Apfel direkt hintereinander verputzt. Da ist dann selbst Falke überrascht („Ich musste irgendwie an Schneewittchen denken“).

    Fazit: Marvin Kren inszeniert mit dem „Tatort: Die Feigheit des Löwen“ einen überzeugenden und stark gespielten Flüchtlingskrimi, der allerdings recht vorhersehbar ausfällt.
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