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Agnes
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Agnes
Von Christian Horn
Der 1998 veröffentliche Debütroman „Agnes“ des Schweizers Peter Stamm steht inzwischen auf der Leseliste für Abiturienten in Baden-Württemberg. Dieses virtuose literarische Rätselstück, bei dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität kunstvoll ins Schwimmen gebracht werden übersetzt Regisseur Johannes Schmid („Blöde Mütze!“) nun in ein filmisches Spiel mit (Erzähl-)Perspektiven und Zeitebenen. Aus dem namenlosen Ich-Erzähler der Vorlage wird in der Verfilmung der Sachbuchautor Walter (Stephan Kampwirth), der im Lesesaal einer Bibliothek die geheimnisvolle Agnes (Ondine Johne) kennenlernt. Walter verfällt der unnahbar wirkenden, deutlich jüngeren Physikstudentin – und trifft auf stürmische Gegenliebe. Die schnell entfachte Leidenschaft findet ein weiteres Ventil, als Agnes herausfindet, dass Walter gern einen Roman schreiben würde. Also schlägt sie ihm vor, ein Buch über sie zu schreiben: Doch was als prickelndes Spiel beginnt, entwickelt schnell eine kaum noch zu kontrollierende Eigendynamik.


Die aufgeschriebene Liebesgeschichte überlagert bald die reale Beziehung; die literarische Gestaltung und die faktische  Wirklichkeit, das Werk und seine Inspirationsquelle stehen sich in spannungsvoller Wechselwirkung gegenüber und beeinflussen einander: Der Roman wird gleichsam zum Beziehungsdrehbuch. Doch was passiert mit der Liebe, wenn Walter die Arbeit an dem Roman abschließt? Ganz wie Peter Stamm in seiner Vorlage lässt Regisseur Johannes Schmid viel Spielraum zur Interpretation und spielt ganz bewusst mit dem Uneindeutigen: Oft wird gar nicht oder erst nach einer Weile klar, ob es sich bei einer Szene um einen Wunschtraum, eine Rückblende oder um pure Fiktion innerhalb der Filmrealität  handelt. Bisweilen präsentiert uns Schmid auch dasselbe Geschehen mehrmals aus unterschiedlichen Perspektiven und einmal lässt er das gerade Gesehene rückwärts erneut ablaufen. „Agnes“ ist ein stilsicherer, aber auch etwas kopflastiger Film, der sich als ähnlich rätselhaft erweist wie seine charismatische Titelheldin: Für deren intensive Darstellung erhielt Ondine Johne beim Max-Ophüls-Festival den Preis als beste Nachwuchsdarstellerin.

Fazit: Ebenso vertrackte wie faszinierende Literaturverfilmung über die Wechselwirkung zwischen Schreiben und Leben.

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