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Die feine Gesellschaft
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Die feine Gesellschaft
Von Michael Meyns
Leicht hat es Bruno Dumont seinem Publikum noch nie gemacht: Schon mit seinem schonungslosen zweiten Film „L`Humanite“ sorgte er 1999 bei den Filmfestspielen von Cannes für einen Skandal und trotzdem gab es von der Jury gleich drei Preise. Spätere Filme wie „29 Palms“ oder „Camille Claudel 1915“ verstörten ebenso durch ihre Radikalität wie durch ihre düstere Weltsicht bis der Regisseur zuletzt in der Miniserie „P'tit Quinquin“ mit Humor überraschte. Dieser neue Aspekt im Werk Dumonts steigert sich in seinem aktuellen Film „Die feine Gesellschaft“ oft ins grotesk Überzeichnete. Das Ergebnis könnte man als extreme Kunstfilmversion des Publikumserfolgs „Willkommen bei den Sch'tis“ bezeichnen - mit Inzucht, viel Kannibalismus und vor allem reichlich Humanismus.

Sommer 1910, am Ärmelkanal, unweit von Calais: Zwei Familien treffen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das sind zum einen die einheimischen Bruforts, die vom Muschelsammeln leben, Besucher über den Fluss setzen und manche Gäste verschwinden lassen, um auch mal Fleisch zu essen. Der Sohn der Sippe, genannt Ma Loute (Brandon Lavieville), lernt die Tochter der wohlhabenden anderen Familie, der van Peteghems, kennen: Die merkwürdige Billy (Raph) ist ein androgynes Wesen, das so gar nicht die hysterische Art ihre Mutter Aude (Juliette Binoche) geerbt hat. Zarte Bande entwickeln sich, in deren Schatten die beiden Familien sich widerwillig kennenlernen und zwei Welten aufeinanderprallen, die sich als erstaunlich ähnlich erweisen.


„Die feine Gesellschaft“ ist einer von gleich mehreren Filmen im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes 2016, der zwar eine oberflächliche Erzählung bietet, dessen eigentliche Intentionen jedoch tief unter der Oberfläche versteckt sind. Ähnlich wie Cristi Puiu in „Sieranevada“ und Alain Guiraudie in „Staying Vertical“ lässt Dumont eine ganz eigene Welt entstehen, die in diesem Fall voller bizarrer Gestalten und Ereignisse ist. Gerade die männlichen Wesen sind allesamt mehr oder weniger behindert, haben einen Buckel, übergroße Gliedmaßen, stottern und benehmen sich generell merkwürdig. Vor allem auf Seiten der vermögenden, nur scheinbar distinguierten van Peteghems ist dies das Ergebnis langjähriger Inzucht, so dass man nicht mehr so genau weiß, ob das ein oder andere Familienmitglied nun ein Cousin oder vielleicht ein Schwager ist oder vielleicht auch beides gleichzeitig.

Im Kontrast dazu wirken die Bruforts (ein Wortspiel: „brute force“ = „rohe Kraft“) geradezu normal, auch wenn sie zum Kannibalismus neigen. Diese und andere - sagen wir ganz salopp - ungewöhnliche Eigenschaften werden von Dumont einmal mehr ganz beiläufig als Teil der Welt, als Teil seiner Welt gezeigt. Dies ist allerdings so dermaßen ins Groteske überzeichnete, wie man es in den früheren, dem Sozialrealismus ähnelnden Filmen des Regisseurs nie gesehen hat. Die Humanität, die Dumont schon immer auszeichnet, ist aber die gleiche. Egal ob überdreht, schweigsam, schön, hässlich oder entstellt: Dumont behandelt alle seine Figuren gleich, macht sich über sie nicht lustig, sondern lässt uns mit ihnen mitfühlen. Er zeigt sie und damit die Welt mit all ihren Merkwürdig- und Sonderbarkeiten. So ist „Die feine Gesellschaft“ eine im Kern zutiefst menschliche, zweistündige Menagerie der Absurditäten.

Fazit: Grotesk, surreal, überkandidelt und human - das ist Bruno Dumonts „Die feine Gesellschaft“!
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