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Familienbande
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Familienbande
Von Thomas Vorwerk
„Mama hat mir nie erzählt, warum du im Gefängnis warst.“ - „Ich möchte nicht darüber sprechen.“ Es gibt bereits unzählige Filme über späte „Wiedervereinigungen“ von Kind und (Ersatz-)Elternteil, der Ire Mark Noonan macht daraus nun ein (Sozial-)Drama von fast shakespeareschen Ausmaßen und erzählt in seinem berührenden Debütfilm „Familienbande“ von Leben und Tod, Schuld und Sühne, Alkohol, Eheproblemen und Narkolepsie. Ein klassisches Happy End ist in dieser ruppig-romantischen Familien-(Tragi-)Komödie nicht zu erwarten, stattdessen gibt es (manchmal bittersüße) Ehrlichkeit und fragile, aber echte Gefühle.

Nach dem Tod ihrer Mutter erleidet die elfjährige Stacey (Lauren Kinsella) in emotionalen Krisenmomenten immer wieder narkoleptische Ohnmachtsanfälle. Statt das Mädchen ins Heim zu stecken, geben sie ihm und dem eigentlich eine vierjährige Haftstrafe absitzenden Will (Aiden Gillen aus „Game of Thrones“) eine Chance: Wenn die beiden sich während einer Testphase zusammenraufen können, dann könnte Will vorzeitig entlassen werden. Sie ziehen in die dünn besiedelten irischen Midlands, in einen Wohnwagen, den die Mutter ihnen hinterlassen hat. Zu dumm nur, dass die beiden außer der Liebe zur Verstorbenen wenig verbindet.

So haben Will und Stacey ganz unterschiedliche Auffassungen von Recht und Unrecht, was dazu führt, dass die Protagonistin beim „Vorstellungsgespräch“ an der örtlichen Schule ihre Narkolepsie erwähnt – und prompt aus versicherungstechnischen Gründen abgelehnt wird. Immerhin gibt es in Gestalt der neuen Nachbarin Emilie (Erika Sainte) aber auch einen Hoffnungsschimmer: Die Lehrerin ist Will durchaus sympathisch und sie hat einen Sohn in Staceys Alter, allerdings deuten die Indizien darauf hin, dass jemand sie schlägt. Emilie behauptet indes, dass ihr Mann Tibur (George Pistereanu) sie nie verletzen würde ...


Den im Original mit „You're ugly too“ weitaus ansprechender betitelten Debütfilm zeichnet insbesondere aus, dass die Erwartungshaltung des Zuschauers mehrfach ausgehebelt wird. So ist der Sträfling Will schüchtern und melancholisch, während Stacey oft flucht oder spuckt und sich so gar nicht kleinmädchenhaft verhält. Die Dynamik zwischen den Figuren mit ihren beiderseitigen Erziehungsversuchen beschert dem Film viele komische Momente. Auch Emilies Mann ist keineswegs ein eifersüchtiger betrunkener Grobian, wie man zunächst annimmt, sondern ein durchaus warmer und zärtlicher Mensch, der nur - wie die meisten Figuren - von der Situation überfordert ist.

Vertrauen muss in „Familienbande“ langsam erarbeitet werden, unterwegs wird es immer mal wieder erschüttert, der Weg zum Glück ist steinig. Dennoch wirkt in der feinfühligen Inszenierung von Mark Noonan vieles fast harmonisch, was man unter anderen Umständen als schroff oder trostlos beschreiben würde. Ein wiederkehrendes visuelles Kennzeichen dafür ist die Sonne, die Kameramann Tom Comerford („Love Eternal – Auf ewig dein“) in bestimmten Momenten direkt in die Linse knallen lässt, was eine Wärme erzeugt (auch in der Filmmusik erkennbar), nach der sich die Figuren offensichtlich sehnen, die sie sich aber erst verdienen müssen.

Trotz des oft sperrigen Drehbuchs, das einige Fragen offen lässt und das Publikum immer wieder fordert (zum Beispiel durch das unverkrampfte Durchbrechen der ansonsten streng chronologischen Erzählweise), bekommt man das Gefühl, dass der Filmemacher genau weiß, was er erzählen will. Und so kann der Zuschauer die zentrale Frage des Films ohne Zögern sofort beantworten, die andere Instanzen wie das Jugendamt oder der Bewährungshelfer gestellt bekommen: Will Will aus dem Knast, um sich um Stacey zu kümmern oder will er sich um Stacey kümmern, um so aus dem Gefängnis freizukommen?

Fazit: Mit durchweg überzeugenden Schauspielleistungen, trockenem irischen Humor und schroffem Optimismus wird in „Familienbande“ von der Sehnsucht nach Vertrauen und Geborgenheit erzählt.
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