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    Eddie The Eagle - Alles ist möglich
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Eddie The Eagle - Alles ist möglich
    Von Carsten Baumgardt
    Es gibt Kino-Geschichten, die sind so unglaublich, dass sie einfach wahr sein müssen, sonst würde man den Drehbuchautoren wohl Wahnvorstellungen attestieren. Und selbst unter diesen unkalkulierbaren Kuriositäten des Lebens ist die Geschichte des Skispringers Michael „Eddie“ Edwards, der es gegen alle Widerstände zu den Olympischen Spielen schaffte, noch einmal eine ganz eigene Hausnummer. Denn kaum jemand war weniger geeignet und talentiert für diesen Sport als der schwer kurzsichtige Handwerker: „Eddie, du bist kein Athlet“, redet ihm sein Vater im Film ins Gewissen und das vollkommen zu Recht. Doch der als Kind gehbehinderte Brite hegte schon als kleiner Junge den Traum, einmal bei Olympia an den Start zu gehen und dafür tat er alles. Dexter Fletcher („Sunshine On Leith“) inszeniert den Weg des „Great British Loser“ in der launig-harmlosen Feel-Good-Sport-Komödie „Eddie The Eagle - Alles ist möglich“ als Fabel über Inspiration, Sportsgeist und das Festhalten an kühnen Zielen. Edwards wird nicht als Lachnummer, sondern als Underdog präsentiert, der sich seine 15 Minuten Ruhm durch grenzenlose Beharrlichkeit verdient.

    Michael „Eddie“ Edwards (Taron Egerton) ist ein Stuckateur aus Chaltenham in England. Ein Malocher. Doch schon seit seiner Kindheit träumt Eddie davon, einmal bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Doch wirklich begabt ist der Junge mit der dicken Brille für keinen Sport. Mit geringen finanziellen Mitteln und gegen den Rat seiner Eltern (Keith Allen, Jo Hartley) sucht Eddie immer wieder Wege, seinem utopisch erscheinenden Ziel näher zu kommen. Er schafft es sogar in die spärlich besetzte britische Alpin-Ski-Mannschaft, wird aber vor Olympia 1984 aus dem Kader geworfen, weil er die geringen Anforderungen nicht erfüllt. Aus lauter Verzweiflung sattelt er zum Skispringen um – dort gibt es kein Nationalteam, er ist der einzige Brite, der dort antreten will. Im Trainingscamp in Garmisch-Partenkirchen will er den so schwierigen wie gefährlichen Sport erlernen, bevor er sich zu Wettkämpfen wagt. Doch das Britische Olympische Komitee legt Eddie immer wieder Steine in den Weg. Er bittet schließlich den versoffenen amerikanischen Ex-Skispringer Bronson Peary (Hugh Jackman) um Hilfe. Der arbeitet inzwischen als Pistenraupenfahrer, weiß aber noch, wie man Skispringen trainiert…


    Bevor Dexter Fletcher sich an die Verfilmung der urigen Lebensgeschichte des Phänomens Eddie Edwards gemacht hat, musste er sich die Frage stellen, auf welcher Seite der unvermeidlichen Diskussion er steht: Hat Edwards dem Sport durch seine erbärmlichen Leistungen, die von einer sensationslüsternen Masse enthusiastisch gefeiert wurden, einen Bärendienst erwiesen? Schließlich haben Hunderte andere Sportler jahrelang für das große Ziel Olympia gekämpft und niemals die gleiche Aufmerksamkeit bekommen wie der ewig Letzte aus England. Oder ist Edwards der sympathische Außenseiter, der mutig seine nicht vorhandene Chance beim Schopf packt? Regisseur Fletcher und seine beiden (Debüt)-Drehbuchautoren Sean Macaulay und Simon Kelton entscheiden sich klipp und klar für die zweite Variante. Bei den anderen Athleten und den Zuschauern war Edwards während seiner aktiven Zeit allerdings heiß umstritten. Den Siedepunkt erreichte die Aufregung mit seiner Teilnahme bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary, wo er jeweils mit großem Abstand Letzter von der kleinen und großen Schanze wurde, sich aber als „Eddie The Eagle“ zum bejubelten Medienphänomen entwickelte. Nach eigenen Angaben verdiente der hochgejazzte Anti-Star allein im Jahr nach den Spielen 500.000 bis 600.000 Pfund durch Medienauftritte und Werbeverträge. 1992 musste er allerdings Privatinsolvenz anmelden, weil sein Management total versagt hat.

    Dexter Fletcher zeichnet Eddie Edwards als kauzig, chaotisch und blauäugig, gibt ihn aber nie der Lächerlichkeit preis, sondern zelebriert vielmehr sein unermüdlich schlagendes Kämpferherz. Der Erzählton ist entsprechend heiter-ironisch, besonders zu Beginn ist der Film mit seinen schrägen Einlagen recht nah am Klamauk von „Cool Runnings“ (1994), Jon Turteltaubs beschwingter Sport-Komödie über das jamaikanische Bobteam, das bei den Spielen von Calgary für die zweite große exotische Außenseitergeschichte neben dem flügellahmen Engländer sorgte. Auch „Eddie The Eagle“ ist ein klassisches Feel-Good-Movie – mit mal mehr und mal weniger gelungenen Kapriolen: Die Scharmützel, die sich Edwards mit den als wenig sympathisch und arrogant dargestellten Norwegern liefert, sind aus der Klischeekiste gegriffen, aber die skurrilen Momente mit dem finnischen Skisprung-Superstar (und der späteren Skandalnudel) Matti Nykänen (Edvin Endre) haben meistens etwas echt Erheiterndes. Zusätzliche Punkte sammelt Fletcher durch die in Garmisch-Partenkirchen gefilmten authentischen Skisprungaufnahmen. Mit spannenden Perspektiven vermittelt Kameramann George Richmond („Ein Quantum Trost“) die Gefährlichkeit des Sports, wobei den spektakulären Trainingsstürzen verständlicherweise per Computer nachgeholfen wurde - doch auch das ist recht überzeugend gelungen.

    Es grenzte an versuchten Selbstmord, wenn der halbblinde Eddie sich mit beschlagenen Brillengläsern die Schanzen herunterstürzte. So flehten ihn die Veranstalter von Calgary an, wenigstens auf den Sprung von der Großschanze zu verzichten, weil am Tag des Wettkampfs gefährlicher, böiger Wind herrschte. Edwards lehnte ab – und kam unverletzt davon. Das IOC hat reagiert und danach die Regeln verschärft, sodass Eddie sich nicht für die drei folgenden Olympischen Spiele qualifizieren konnte: Zwischen gesundem Ehrgeiz und blindem Risiko liegt ein schmaler Grat, doch darum geht es hier weniger, Fletcher setzt vielmehr unkritisch auf die positiven Aspekte der Story und nutzt dafür die klassische Sportfilm-Dramaturgie. Dabei geht er mit den realen Fakten von Edwards' Karriere einigermaßen frei um. Rein fiktiv ist etwa der von Hugh Jackman („Wolverine“) gespielte Suff-Coach Bronson Peary (Kennzeichen: hochgekrempelte Ärmel trotz Wintertemperaturen). Diese von Jackman launig verkörperte archetypische Figur des knorrigen Sonderlings mit Herz gibt der Erzählung etwas Pep. Und wer meint, die „Kingsman“-Entdeckung Taron Egerton übertreibt es als in der Titelrolle mit den Manierismen, dem sei gesagt: Das ist alles echt! Edwards trug tatsächlich eine glasbausteindicke Brille, die ihm ständig von der Nase zu hüpfen drohte und lugte auch immer etwas naiv unter seinen Gläsern hervor. Im Zusammenspiel mit Jackman gelingt es Egerton schließlich, das rein Nerdige hinter sich zu lassen und so bekommt die Gagparade dank der Darsteller sogar eine emotionale Grundierung.

    Fazit: Hofnarr des Skispringens oder wahrer Held des Sportgeists? Egal wie man zu ihm steht, Michael „Eddie“ Edwards hat sich mit der Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary seinen Platz in den Sportgeschichtsbüchern gesichert. Dexter Fletcher verfilmt seine Geschichte als fröhlich-optimistisches Sport-Biopic.
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