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    Siberia
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Siberia

    Davon träumt Abel Ferrara

    Von Lucas Barwenczik
    Mit seinem letzten Film „Tomasso und der Tanz der Geister“ verwandelte Abel Ferrara sein eigenes Leben in Fiktion. Das autobiographische Drama entstand in seinem Haus, mit seiner Frau und seiner Tochter. Lediglich sich selbst ließ er von Willem Dafoe vertreten, während er hinter der Kamera stand. Der in „Tomasso“ porträtierte Regisseur arbeitete dabei bereits an seinem nächsten Projekt, an Skizzen von Schlittenhunden, einer Holzhütte im Schnee und einem Bären. Jetzt ist dieser Film wirklich entstanden. Er heißt „Siberia“ und wirkt tatsächlich, als hätte ihn nicht Ferrara, sondern sein fiktiver Doppelgänger gedreht. Er versinkt nämlich noch eine weitere Ebene tiefer im Unterbewusstsein seines Schöpfers als der Vorgänger. „Siberia“ ist ein Theater der Erinnerungen, irritierend unmittelbar und persönlich. Als würde ein guter Bekannter von seinen Träumen erzählen und selbst die intimsten Details nicht aussparen.

    Clint (Willem Dafoe) flieht vor seiner Vergangenheit in eine einsame Waldhütte. Doch ganz kann er weder den Menschen noch seinen Dämonen entkommen. Es zieht ihn in die Berge, gemeinsam mit seinen Schlittenhunden begibt er sich auf eine spirituelle Reise. Er trifft Fremde, deren Sprache er nicht spricht, und Figuren aus seinem Leben, die er nur allzu gut versteht. Eine schwangere russische Frau (Cristina Chiriac) mit ihrer alternden Mutter. Seine verstorbenen Eltern, seine Ex-Frau, seinen Sohn, einen fremdartigen Mönch, menschliche und tatsächliche Monster. Bruchstückhafte Visionen eines Todeslagers, von Hinrichtungen und Folter. Clint wird mit seinen düstersten Momenten konfrontiert und hofft doch immer, am Ende zum Licht zu finden…

    Clint reist in seinem Traum durch Raum und Zeit - auch zurück in die eigene Kindheit.


    Mit fortschreitender Spielzeit ergeht sich der Film in immer wilderen Montagen. Eislandschaften verwandeln sich in Wüsten, werden zum OP-Saal eines Krankenhauses, dann zu grünen Weiden und herbstlichen Wäldern. In der Traum- und Erinnerungswelt des Films hat nichts lange bestand. An die Stelle einer kohärenten Handlung tritt eine stetige Selbstbefragung. Welche von Clints Taten waren falsch, welche richtig? Welche können verziehen werden, welche nicht? Das Ganze erinnert an alte Heldensagen. So wie sich etwa Herakles oder Odysseus immer neuen körperlichen und geistigen Herausforderungen stellen müssen, wird auch Clint vor immer neue moralische Fragen gestellt.

    Ferrara arbeitet sich also auch mit „Siberia“ an den Themen ab, die seine Karriere von Tag 1 an bestimmt haben. Er erzählt von Außenseitern, Einsamen und Verlorene. Von Schuld und Sühne, von Sucht und unstillbarem Verlangen. In einer Sequenz tritt Clint als Barkeeper auf, der nicht trinkt. Er besitzt einen Spielautomaten, aber spielt nicht. Ein Kunde ist verwundert, Clint erklärt: „Ich will nicht gewinnen.“ Und warum will er nicht gewinnen? „Ich will nicht verlieren.“ Für ihn sind Sieg und Niederlage, Freude und Trauer, immer nur verschiedenen Seite derselben Medaille.

    Schluss mit dem Verlangen


    Es zieht ihn zum Gleichgewicht, zur Neutralität. In Ferraras stets ausgestelltem Katholizismus hat sich zuletzt immer mehr eine spirituelle, vielleicht auch eine buddhistische Note eingeschlichen. Seine Figuren sehnen sich nach der Leidenschaftslosigkeit, nach Erlösung von ihrem brennenden Verlangen. Sie wollen eins mit dem Universum werden, das sogar immer wieder als Bildmotiv auftritt. Leider sehen die Effekte dieser kosmischen Reisen lange nicht so gut aus wie etwa in Terrence Malicks „The Tree Of Life“.

    Seine gleitende, immer nah an den Körpern der Darsteller tanzende Kamera wird diesmal von Drohnen und GoPros unterstützt. Selbst in einer Welt, die nur noch aus der Psyche der Hauptfigur besteht, versucht er die Realität zu entdecken. Wenn also Willem Dafoe auf einem Schlitten durch den Schnee pflügt (eine Fähigkeit, die er bald auch in der Disney+-Produktion „Togo“ vorführen wird) oder einen Fisch ausnimmt, dann wird daran wenig getrickst. Der berühmte französische Filmtheoretiker André Bazin argumentierte in seinem Essay „Schneiden verboten!“ dafür, im Kino selbst Träume und Fantastisches so zu filmen, als würde es sich um einen Dokumentarfilm handeln. Und auch wenn Ferrara natürlich sehr viel schneidet, kommt er dieser Idee trotzdem oft ganz nah.

    Abel Ferraras Seelenschaften haben oft auch eine raue Schönheit.


    Die Realität erreicht das Kino in „Siberia“ anders. Ferrara verarbeitet spürbar eigene Erfahrungen. Den Tod seines Vaters, seine Krankenhausbesuche und Operationen. Den Tod seiner Mutter, von der in einer Sequenz Archivaufnahmen und Fotos gezeigt werden. Seine Tochter Anna Ferrara spielt den Sohn seiner Ex-Frau. Seine Frau spielt die junge, schwangere Russin, mit der er intime Momente teilt.

    Einmal diskutiert Clint mit einer Spieglung seiner selbst. Sie trägt eine Sonnenbrille – nicht irgendeine, sondern die, mit der auch Ferrara auf vielen alten Bildern zu sehen ist. Sie streiten, ob die Seele etwas Innerliches ist, oder ob sie einfach alles umfasst, was es in der Welt gibt. Der Film hat eine sehr offensichtliche Antwort auf dieser Frage. Denn all die düsteren Abgründe, die verschneiten Berggipfel, der See, aus dem eine glühende Sonne entsteigt – das sind offenkundig Seelenlandschaften.

    Einladung ins Unterbewusstsein


    „Siberia“ zeigt eine Welt, zu der sonst nur Abel Ferrara Zugang hat. Dass ist natürlich mit einem Risiko verbunden. Es hat einen Grund, warum Menschen einander nicht alles erzählen, warum sie vieles für sich behalten und verbergen. Wer sich offenbart, macht sich angreifbar. Er setzt sich dem Risiko aus, für peinlich oder lächerlich gehalten werden. Viele Szenen des Films fühlen sich ein wenig albern an. Wenn Dafoe mit Kindern um einen Maibaum tanzt oder ein Fisch anfängt zu sprechen, dann fällt es schwer, das einzuordnen. Die Anker in der Wirklichkeit, die Dafoe setzt, nützen womöglich nur ihm. Allzu leicht gleitet man als Zuschauer über den Film hinweg wie über eine spiegelglatte Eisfläche. Ohne Reibung und Widerstand. Ohne davon berührt zu werden.

    Für die meisten Menschen ist es nicht sonderlich spannend, wenn Fremde von ihren Träumen erzählen. Ursprünglich wollte Ferrara den Film über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanzieren lassen. Daran scheiterte er 2015. Doch eigentlich ist es nur konsequent, dass wenige Fans ihn finanzieren wollten: Er dreht ihn eigentlich nur noch für sich selbst. Jeder Zuschauer ist ein netter Bonus, eher Kür als Pflicht. Dadurch ist es ein freier Film, von vielen Lasten erlöst. Es ist ein Film für Kinogänger, die diese Freiheit hoch schätzen. (Und selbst für die eigentlich nicht.)

    Fazit: „Siberia“ ist als Fortführung von „Tomasso und der Tanz der Geister“ eher ein Nebenwerk des Regisseurs. Ein kleiner, oft unangenehm intimer Akt der Selbstzerfleischung.

    Wir haben „Siberia“ auf der Berlinale gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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