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Der Nachtmahr
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Der Nachtmahr
Von Christoph Petersen
Bisher habe ich mir im Kino noch nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht, ob ich das Ende der Vorstellung noch erleben werde. Bei dem Techno-Monsterfilm „Der Nachmahr“ war das nun zum ersten Mal der Fall – und ich werde seinem Regisseur Akiz wohl auf ewig dankbar für dieses einmalige Erlebnis sein! Natürlich stehen da zu Beginn Warnungen, etwa an Epileptiker wegen der Stroboskopeffekte. Aber so schlimm wird’s schon nicht werden, denkt man sich dann, schließlich machen sich die Macher ja selbst darüber lustig, wenn sie in einer weiteren Einblendung direkt fordern, dass der Film möglichst laut gezeigt werden soll – und das wurde er dann auch: Schon nach der eröffnenden Rave-Szene in einem Freibad, deren extremen Stroboskopeffekte selbst die Exzesse aus „Irreversibel“ und „Universal Soldier: Day Of Reckoning“ locker in den Schatten stellen, stritten in mir die absolute Faszination für die einzigartige Energie des Films und ein fast unbezwingbarer Fluchtinstinkt. Zum Glück trug die Faszination letztendlich doch noch einen knappen Punktsieg davon – und so wurde ich dann Zeuge eines der aufregendsten und kraftvollsten deutschen Genreexperimente aller Zeiten!


„Der Nachtmahr“ läuft nicht einfach nur wie andere Filme auf der Leinwand vor sich hin, er penetriert sein Publikum regelrecht. Nicht einmal mit Augenzumachen oder Ohrenzuhalten kann man sich dem wirklich entziehen, aber damit geht es einem schließlich auch nicht anders als der Teenager-Protagonistin Tina (Carolyn Genzkow), die sich plötzlich mit dem nonstop fressenden und dauerkreischenden Nachmahr herumschlagen muss. Ob es sich bei der Kreatur irgendwo zwischen E.T. und einem abgetriebenen Fötus nun um ein tatsächliches Monster oder um die Manifestation einer Psychose, Magersucht oder Depression handelt, ist dabei am Ende herzlich egal: Was zählt, ist der Trip, auf den einen Akiz hier für 88 unvergessliche Minuten mitnimmt und der die Träume wie Albträume des Zuschauers im Anschluss wohl noch für Wochen dominieren wird. Wie oft liest man in englischsprachigen Kritiken von „viszeralen“ Kinoerfahrungen, also solchen, die durch Mark und Bein direkt in die Eingeweide gehen. Das ist natürlich meist übertrieben und wird einfach geschrieben, weil es sich gut anhört und es die anderen auch immer verwenden. Aber damit sollte nun bitte Schluss sein, das Wort gehört ab jetzt „Der Nachtmahr“ und basta!

Fazit: „Eraserhead“ auf Ecstasy – ein einmalig-anderes Kinoerlebnis. In den eigenen vier Wänden lässt sich „Der Nachtmahr“ hingegen wohl nur richtig genießen, wenn man die passenden Boxen und keine Nachbarn hat.

Wir haben „Der Nachtmahr“ auf dem „14 Films Around The World“-Filmfestival im Berliner Kino in der Kulturbrauerei gesehen.
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Kommentare

  • Flint
    Wow, muss ich mir ansehen!
  • Fain5
    Da hat der gute Christoph es doch mal wieder geschafft mich heiss auf einen Film zu machen, der so an mir vorbeigegangen wäre :)
  • FAm Dusk Till Dawn
    Weniger Daily Soaps gucken.
  • Zach Braff
    Mal ganz ehrlich: Der Trailer ist doch der absolute Wahnsinn! Selten so viel Energie in 1,5 Minuten zu spüren bekommen. Freue mich sehr über die herausragende Filmstarts-Wertung! Kinostart steht noch nicht fest?!
  • Jimmy V.
    Genau das habe ich mir auch gedacht. Und das Schlimme ist ja, dass so viele Leute diese Kacke auch noch gut finden und tatsächlich "Musik" nennen...
  • Ashitaka
    Grandioser Film. Schön mal wieder einen deutschen Film abseits der (bis auf wenige Ausnahmen) schrecklichen deutschen Produktionen zu sehen. Absolut empfehlenswert ihn im Kino zu sehen, denn nur da wirkt er, wie er wirken muss. Schade, dass die Kritik so kurz ausfällt.Das ganze wird eine Trilogie über Geburt, Leben und Tod.Der Nachtmahr handelt demnach von der Geburt.Überraschend, erfrischend und brilliant inszeniert. Bin gespannt ob Akiz das Niveau in den nächsten beiden Filmen so hoch halten kann. "Eraserhead auf Ecstasy" trifft den Nagel auf den Kopf.
  • Schnafffan
    Ich als gestriger Rezipient des Films kann dir nur zustimmen.....insofern, als diesem Film, der wirklich (man muss es immer wieder sagen: gerade für nen deutschen Film) erstaunlich viel Interpretationsraum lässt, von dem guten Herrn Petersen - selbst aufs formale beschränkt - sehr stiefmütterlich behandelt wird.
  • Schnafffan
    Sodenn..... jetzt auch mal seit langem was von mir.. ich muss zugeben, dass ich (entgegen meiner sonstigen Gewohnheit) bei diesem Film vor Kino-Begehung nicht einmal den Trailer gesehen hatte, sondern ganz auf den dezenten Hype vertraut habe..... und was soll ich nun sagen..ich hab nun ausnahmsweise mal im Nachhinein den Trailer begutachtet und kann allen Interessenten sagen: So gut der Trailer gemacht ist, er kommt nicht ansatzweise an das Seherlebnis des ganzen Films heran!!!!!!Ein herausragender deutscher Film, für mich persönlich zwar mit enttäuschendem Ende, aber das mag jeder geneigte Zuseher selbst entscheiden. Es ist eh für mich verkraftbar, denn dieser Film hat, was ca. 95 % aller deutschen Filmproduktionen der letzten Jahrzehnte seit Fassbinder und Herzog nicht mehr hatten: EIER!!!!! Eier bzw. den Mut, einen originellen Stil zu wählen und ihn konsequent bis zum Schluss durchzuziehen!Da mag die ein oder andere Schwäche vorprogrammiert sein, insgesamt war es aber wirklich und tatsächlich ein einzigartiges Rauscherlebnis, das ich nicht missen will!! (funny fact für alle berliner: wenn ihr diesen film schaut und danach die typischen party- und clubstraßen lang lauft...glaubt mir, ihr seht diese eigentlich schon zigtausend mal gesehene (oder erlebte) welt nochmal mit ganz anderen augen! allein dafür bin ich dem film schon dankbar :D))-> unentschiedene Wertung: 4 - 4,5 Sterne!
  • Schnafffan
    Lieber Christoph von FILMSTARTS:Ich muss aber (auch) nochmal kurz fragen: Warum nur so eine kurze Kritik bei einem dermaßen zur (Form-)Analyse und Interpretation einladenden Werk?Runtergehastet, weil den Film eh kaum einer sehen wird? Zeitdruck? Oder ganz im Gegenteil: weil mit nur einer geschriebenen Zeile zuviel eventuelle Spoiler preiszugeben wären? ;)(letztere Variante würde ich zugegebenermaßen sogar völlig entschuldigen!)
  • Hans H.
    VORSICHT SPOILERBizarre deutsche Gruselmär, die ich so nicht erwartet hätte. Diese Party(s) mit BumBum-Mukke ist nicht mein Fall, war aber womöglich notwendig, um diese Differenz im Leben der Protagonistin herauszustellen. Ihr hektisches, schnelllebiges und vllt. auch kulturell gestörtes Leben samt offensichtlicher Essstörungen, trifft in Form dieser Kreatur auf das genaue Gegenteil! Dieses wahrlich abnorm gestaltete Wesen, welches wirklich hervorragend animiert ist und zudem auf schauderhafte Art und Weise daherkommt, verhält sich gänzlich anders als die Protagnoistin. Primär ist es am fressen, bewegt sich in Zeitlupe und kommt eher harmlos und sehr sehr entspannt daher. Das Mädel freundet sich im Laufe des Filmes mit dem Wesen an, nach und nach wird auch ihr Umfeld dieser Erscheinung bewusst und reagiert entsprechend aufgebracht und panisch! Selbst die Eltern, die ihrer Tochter bisher keinen Glauben schenken konnten und sie sogar in psychiatrische Behandlung genötigt haben. Während des Kontaktes zwischen dem Mädchen und der Kreatur kommt es zu einer Art Symbiose, wobei sie ihre Gefühle und auch ihren Schmerz teilen. Dabei wird man unweigerlich an den Film "E.T." von Steven Spielberg errinnert. Das ist davon ganz klar abgekupfert. Zum Ende entwickelt sich eine Ebene, die wohl darauf hinausläuft, dass das alles nicht so stattgefunden hat und die Hauptdarstellerin nach einem schweren Unfall all dies nur phantasiert hat. Auch das ist keine neue Idee, aber das Ganze ist toll in Szene gesetzt. TOP!8 von 10 Punkten !
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