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    Caracas, eine Liebe
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Caracas, eine Liebe
    Von Michael Meyns
    Aus den Tiefen der Unschärfe tritt er in den Vordergrund, suchend, mysteriös, mit emotionslosem Gesicht und auch wenn man Armando, Hauptfigur von „Caracas, eine Liebe“ nun deutlich erkennt, bleiben seine Absichten, seine Gefühle, seine Vergangenheit diffus. Der Eindruck des Ungefähren, Unbestimmten, nicht ganz Greifbaren dominiert den Debütfilm von Lorenzo Vigas, für den der venezolanische Regisseur beim Festival in Venedig 2015 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Vigas und sein Kameramann Sergio Armstrong haben das Bildformat 2,66:1 gewählt, extrabreit sozusagen, fast so extrem wie bei Quentin Tarantinos „The Hateful 8“. Sie lenken unseren Blick auf Einzelheiten und Personen, doch dabei rückt immer wieder die Leere und die Distanz zwischen den Figuren in den Blick – auch die persönlichen Beziehungen bleiben in diesem bemerkenswerten Großstadtdrama unklar und unverbindlich. Sie geben keinen Halt.

    Der gut 50jährige Armando (Alfredo Castro) lebt allein in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas. Er arbeitet als Zahntechniker, seine Schwester scheint seine einzige Verwandte, soziale Kontakte pflegt er ausschließlich zu den Straßenjungs, die er mit zu sich nach Hause nimmt. Es kommt nicht zum Sex, halbnackt stehen die jungen Männer vor Armando, der zu ihrem Anblick onaniert. Schließlich schlägt einer dieser Besucher, Elder (Luis Silva), den Gastgeber nieder und raubt ihn aus. Doch Armando kann nicht von dem virilen und aggressiven Jüngling lassen und drängt ihm bald eine merkwürdige Beziehung auf.


    Mal bewegt sich das Verhältnis zwischen Armando und Elder im Bereich des Sadomasochistischen und steigert sich bis zur Hörigkeit, dann wieder wird der Ältere zu einer Art Ersatzvater für den Jüngeren, was wiederum mit Rückgriffen in Armandos Vergangenheit unterfüttert wird, die das Zwiespältige und Widersprüchliche der ganzen Affäre noch verstärken. Was genau Armandos Vater seinen Kindern angetan hat, erfahren wir nicht, aber die Last der Erfahrung liegt wie ein ominöser Schatten über der Filmgegenwart. Dabei lässt sich kaum ahnen, was in dem auch visuell immer wieder isolierten Armando tatsächlich vorgeht. Die mobile Kamera sieht im bei seinen Wegen über die Schulter, aber oft zeigt sie uns nur verschwommene Lichter und verwischte Konturen.

    Gerade angesichts der bewussten gestalterischen und erzählerischen Unschärfen wirkt es zunächst einmal kaum glaubwürdig, dass aus einem brutalen Angriff eine Freundschaft wird. Regisseur Lorenzo Vigas mag keine eindeutigen psychologischen Erklärungen geben, aber er gibt seinem Publikum in langen und ruhigen beobachtenden Szenen ausgiebig Gelegenheit, selber nach Antwortansätzen zu suchen und so zeichnet ganz allmählich eine recht schlüssige Gemengelage verschiedener Themen und Motive ab: unterdrückte Sexualität, das Erleben von Missbrauch, extreme Abhängigkeit, dazu die kaum unterschwellig zu nennende Homophobie, die das Leben in dieser südamerikanischen Macho-Kultur prägt. Wenn Vigas so betont vage bleibt, dann unterstreicht das nur die Sprachlosigkeit dieser Männer, die sich selbst verloren zu haben scheinen. „Caracas, eine Liebe“ ist ein faszinierender, vielschichtiger, rätselhafter und stilistisch beeindruckend kontrollierter Film – ein außerordentliches Debüt.

    Fazit: „Caracas, eine Liebe“ ist ein faszinierender, vielschichtiger, rätselhafter und stilistisch beeindruckend kontrollierter Film – ein außerordentliches Debüt.

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