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Die Mitte der Welt
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Die Mitte der Welt
Von Ulf Lepelmeier
Die Mitte der Welt ist für jeden woanders, je nachdem, wo man steht.“ Das meint zumindest Glass (Sabine Timoteo), die als Schwangere mit 18 Jahren allein aus den USA nach Deutschland gekommen ist und dort auch nach der Geburt ihrer Kinder noch immer ein unangepasstes Leben fernab jeglicher gesellschaftlicher Zwänge führt. Demensprechend war die Kindheit der Zwillinge Phil (Louis Hofmann) und Dianne (Ada Philine Stappenbeck) immer unkonventionell und geprägt von den zahlreichen Männerbekanntschaften ihrer Mutter. Aber was heißt schon „normal“? In Jakob M. Erwas Kinoadaption „Die Mitte der Welt“ (basierend auf dem gleichnamigen Roman von Andreas Steinhöfel) ist zumindest Homosexualität etwas ganz selbstverständliches, weshalb das Coming-Out überhaupt kein Thema mehr ist und es als das Normalste der Welt erscheint, dass der feinfühlige Protagonist seine erste große Liebe mit dem neuen Mitschüler erlebt. Erwa erweckt Phils Gedankenwelt und Gefühlswirren mit treffenden inszenatorischen Einfällen zum Leben, die aus „Die Mitte der Welt“ im Zusammenspiel mit dem wunderbaren Ensemble ein unbedingt sehenswertes Coming-of-Age-Drama zwischen Selbstfindung, erster schwuler Liebe und verschütteten Familiengeheimnissen machen.

Als der 17-jährige Phil aus einem dreiwöchigen Sommercamp nach Hause zurückkehrt, ist die Stimmung in der alten Villa Visible auf einmal merkwürdig angespannt. Seine unangepasste Mutter Glass und seine Zwillingsschwester Dianne scheinen sich gezielt aus dem Weg – aber was neben dem Sturm, der den Garten verwüstet hat, noch vorgefallen ist, wollen sie Phil einfach nicht verraten. Dabei war das Trio bisher eigentlich immer ein eingespieltes Familienteam, auch wenn die alleinerziehende Mutter auf die drängende Frage der Zwillinge nach der Identität ihres Vaters immer eine Antwort schuldig blieb. Dann kommt der erste Schultag nach den Sommerferien und Phil verliebt sich Hals über Kopf in seinen neuen Mitschüler Nicholas (Jannik Schümann), der ihm mit zwölf Jahren schon bei einer flüchtigen Begegnung aufgefallen war, während seine beste Freundin Kat (Svenja Jung) seinen neuen Schwarm kritisch taxiert…



In „Die Mitte der Welt“ fängt Jakob M. Erwa („HomeSick“) die Höhen und Tiefen der Teenagerzeit gekonnt ein und verknüpft die Erfahrungen des Erwachsenwerdens mit einem erschütternden Familiengeheimnis. Sowohl das wilde unangepasste Leben, das Mutter Glass vor den Augen ihrer zwei Kindern in der Villa immerzu propagiert und auskostet, als auch die pulsierenden Gedankengänge des jugendlichen Protagonisten spiegeln sich dabei in verspielt inszenierten Sequenzen im Collagenstil wider. So werden etwa Phils aufflackernden Gefühle und Assoziationen, als er nach langer Zeit endlich einmal wieder ein paar vertraute Worte mit seiner Zwillingsschwester wechselt, verbildlicht, indem während der kurzen Sequenz verschiedene Kindheitserinnerungen und ein schlagendes Herz eingeblendet werden. Immer wieder setzt der Regisseur schnelle Bildabfolgen ein, um die kreativen, ungeordneten Gedanken seines schüchtern-verträumten Protagonisten zu verdeutlichen. Und wenn Phil erstmals im Klassenraum seinen Schwarm Nicholas erblickt, friert die Szenerie nicht nur für einen Moment ein, sondern wird auch noch in ein gleißendes Rot getränkt, so dass man sich fast schon in einem Film des stilwütigen Regie-Wunderkinds Xavier Dolan („Mommy“, „Laurence Anyways“) wähnt. Wie in den Filmen des kanadischen Filmemachers behandelt auch Regisseur Jakob M. Erwa die Homosexualität seines Protagonisten wie nebenbei. So wird sie zum wunderbar ungekünstelten Bestandteil eines jugendlich-hip inszenierten und zum Ende hin immer düsterer und dramatischer werdenden Coming-of-Age-Dramas.

Louis Hofmann („Unter dem Sand“, „Freistatt“) verkörpert den verträumten Phil überaus authentisch und arbeitetet die Empfindsamkeit des zögerlich in die komplizierte Erwachsenenwelt eintauchenden Jungen überzeugend heraus. Hofmann lässt die Hauptfigur, aus deren konsequent subjektiver Sicht der Film erzählt wird, zu einem wahren Sympathieträger werden, dem der Zuschauer gern auf seine pubertäre Gefühlsachterbahnfahrt folgt. Man freut sich einfach für den 17-Jährigen, wenn er seine erste Verliebtheit durchlebt, und leidet zugleich mit ihm, wenn alles aus den Fugen zu geraten scheint. Auch Svenja Jung („Fucking Berlin“) als Phils schrille beste Freundin Kat und Sabine Timoteo („Der Freie Wille“) als beständig aus der Reihe tanzende Mutter gehen in ihren Rollen auf und tragen mit dazu bei, dass innerhalb der temporeichen Inszenierung mit ihren Rückblenden und Collageneinschüben auch die Schilderung der emotional aufgeladenen Beziehungen bestens funktioniert.

Fazit: Verspielt, unangepasst und emotional mitreißend - „Die Mitte der Welt“ vermittelt auf herausragende Weise das Gefühl einer pubertären Gefühlsachterbahn.
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