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Under The Shadow
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Under The Shadow
Von Christian Horn
In „Under The Shadow“, dem Regiedebüt des Iraners Babak Anvari, ist schon der Alltag nervenzehrend, denn der Film spielt im von Bomben- und Raketenangriffen geschüttelten Teheran während des Ersten Golfkriegs. Doch die Protagonistin Shideh und ihre kleine Tochter werden zusätzlich noch von einem Spuk heimgesucht - zu dem Kriegs- gesellt sich ein Dämonenhorror. Der Filmemacher verknüpft die beiden Ebenen auf recht wirkungsvolle Weise und findet mit einer nicht explodierten Rakete ein überzeugendes symbolträchtiges Bild dafür, psychologisch bleibt das ordentlich gespielte Horrordrama allerdings verhältnismäßig oberflächlich. So hat „Under The Shadow“ seine größten Stärken letztlich im Atmosphärischen.

1988: Der iranisch-irakische Golfkrieg tobt schon seit acht Jahren. Shideh (Narges Rashidi) lebt mit ihrer kleinen Tochter Dorsa (Avin Manshadi) und ihrem Ehemann Iraj (Bobby Naderi) in einem Hochhaus-Appartement in Teheran. Wegen ihrer liberalen Gesinnung während der Islamischen Revolution darf sie ihr abgebrochenes Medizinstudium nicht wieder aufnehmen und als Iraj an die Front beordert wird, muss sich Shideh alleine um Dorsa kümmern. Fast täglich müssen sie Bombardements erdulden, die sie mit den Nachbarn im Keller aussitzen. Eine irakische Rakete kracht sogar durch das Dach des Mietshauses, explodiert aber nicht. Kurz darauf warnt der durch ein Kriegstrauma eigentlich verstummte Cousin der Nachbarskinder Dorsa vor Dämonen, die Menschen heimsuchen. Shideh tut das als Aberglauben ab, doch dann verschwindet Dorsas geliebte Puppe und die unnatürlichen Vorkommnisse häufen sich...



Schon in der Eröffnungsszene, die auf den aus Nachrichtenbildern montierten Vorspann folgt, etabliert Regisseur und Drehbuchautor Babak Anvar überaus wirkungsvoll den Kriegsalltag: Als Shideh von einem Sachbearbeiter der Universität erfährt, dass sie ihr Studium nie wieder aufnehmen kann, sieht sie beim Blick aus dem Fenster die Explosion einer Bombe, aber keiner zeigt mehr eine Reaktion auf die Gefahr in unmittelbarer Nähe – so sehr ist die Situation den Bewohnern der Stadt schon in Fleisch und Blut übergegangen. Aber andererseits kann man sich an den tödlichen Schrecken auch nicht wirklich gewöhnen und so ist Shideh eine nervlich angespannte Frau und Mutter, die schnell die Beherrschung verliert und damit auch ihre Tochter aufwühlt. Ähnlich wie in „Der Babadook“ speist sich der Dämonenspuk aus dem mentalen Stress, den die Protagonistin durchlebt und die Lesart, dass es sich dabei um Wahnvorstellungen handelt, ist durchaus plausibel.  

Wenn Shideh zu Aerobic-Videos von Jane Fonda trainiert, die sie mit ihrem eigentlich verbotenen Videorekorder abspielt, wirkt sie teilweise tatsächlich wie besessen. Ein großer Teil des Grusels findet dazu passend der unheilvollen Tonspur statt, aber auch den Dämonen gibt Babak Anvari Gestalt. Er lässt sie für klassische Schockmomente kurz durchs Bild huschen und flattern, was seine Wirkung nicht verfehlt. Doch seine wahren Stärken besitzt der Film jenseits solcher zum Genre-Standardrepertoire gehörender Paukenschläge. In den mit hektischer Handkamera gefilmten Dämonenerscheinungen findet  die Unruhe der Figuren sozusagen ein Ventil, aber die latente Spannung zwischen Mutter und Tochter in den ruhigeren Szenen dazwischen erweist sich als nachhaltiger und auch beunruhigender.

„Under The Shadow“ bietet aber noch einen weiteren Mehrwert. Denn die universell verständliche Horrorgeschichte findet vor einem sorgfältig gezeichneten konkreten historischen Hintergrund statt und so wird hier auch von der Unterdrückung der  Frauen im Iran der 80er Jahre erzählt. Immer wieder muss sich Shideh von Männern belehren lassen, sei es von ihrem Gatten, vom Vermieter oder von einem Sittenwächter, der sie ohne Kopftuch auf der Straße aufgreift. Zu Hause legt Shideh das Tuch stets unwirsch ab, sobald sie die Wohnung betritt. Mit ihrer modisch geschnittenen Frisur wirkt sie gerade im Vergleich zu den Nachbarinnen emanzipiert und reagiert entsprechend gereizt, als ihr Mann das endgültige Ausscheiden aus dem Medizinstudium mit einem lapidaren „Ist vielleicht besser so“ quittiert.

Fazit: Thematisch vielschichtiger und weitgehend effektiv umgesetzter Dämonenspuk vor der Kulisse des Ersten Golfkriegs.
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