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    Paradise Hills
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Paradise Hills

    Die Sci-Fi-Fantasy-Version von "Shutter Island"

    Von Karin Jirsak-Biemann
    Irgendwo zwischen Barbies Traum-Psychiatrie und Alice-im-Wunderland-Rosengarten entwirft die 28 Jahre junge Spanierin Alice Waddington in ihrem Langfilmdebüt „Paradise Hills“ einen dystopischen Ort, eine irgendwo im Nirgendwo gelegene Felseninsel namens Paradise, auf der aus privilegierten jungen Mädchen gesellschaftsfähige Menschen gemacht werden sollen. Unter der phantasmagorischen Fassade des dort ansässigen „Therapiezentrums für emotionale Heilung“ geht allerdings Ungeheuerliches vor sich. Doch nicht nur die „Therapiemethoden“ sind in diesem zumindest visuell überwältigenden Sci-Fi-/Fantasy-Drama äußerst dubios, sondern auch die unausgereifte Zukunftsvision, in der sich diese konfuse und nur leidlich spannende Geschichte über Gefangenschaft und Ausbruch abspielt.

    Uma (Emma Roberts) wacht in einem Klinikbett auf, ohne sich daran erinnern zu können, wie sie eigentlich dorthin gekommen ist. Offenbar befindet sie sich nun auf einer mysteriösen Insel namens Paradise in einer Art Luxus-Besserungsanstalt für junge Frauen. Hier will man sie dazu bekehren, doch noch in die Heirat mit dem schmierigen, aber aus gutem Hause stammenden Son (Arnaud Valois) einzuwilligen. Nach einem Ausbruchsversuch muss Uma einsehen, dass es scheinbar kein Entkommen von der steilen Felseninsel gibt. Also lässt sie sich widerwillig doch noch auf die seltsamen Behandlungsmethoden der zwielichtigen „Herzogin“ (Milla Jovovich) ein, die das „Therapieprogramm“ leitet. Zusammen mit ihren Mitpatientinnen Amarna (Eiza González), Chloe (Danielle Macdonald) und Yu (Awkwafina) schmiedet Uma einen neuen Fluchtplan – und kommt dabei einem furchtbaren Geheimnis auf die Spur ...

    Die Mode der Zukunft: sehr, sehr retro!


    Eine „schöne“ neue Welt soll es wohl sein, in die sich dieses pseudo-therapeutische Szenario einbettet – tatsächlich wird der dystopische Klassiker von Aldous Huxley in einer Szene sogar von Uma direkt zitiert. Im Gegensatz zu „Brave New World“, und das ist die große Schwäche des Films, erfahren wir von dieser Zukunft allerdings nur wenige unzusammenhängende Details, die zusammengenommen ein ziemlich schwammiges Bild ergeben. Dass wir uns überhaupt in der Zukunft befinden, etabliert Alice Waddington zu Beginn recht simpel mit einer Einstellung, in der ein fliegendes Auto zu sehen ist. Auch können in ihrer Zukunftsvision Erinnerungen in Form von Hologrammen in irgendwie an „Harry Potter“-Artefakte erinnernden Medaillons mit sich herumgetragen werden.

    Bis auf diese technischen Errungenschaften scheint sich die Gesellschaft in diesem neuen, undatierten Zeitalter aber eher rückwärts bewegt zu haben – zurück zu einer Art feudalem Ständesystem, das sich auch visuell in einem Comeback von höfischem Dresscode und entsprechenden Tänzen ausdrückt. Auch werden junge Frauen zwecks Aufstieges in dieser Ordnung anscheinend wieder von ihren Eltern verheiratet. Das war es dann aber eigentlich auch schon mit den angebotenen Parametern, anhand derer sich der Zuschauer diese neue Welt dann zusammenreimen soll.

    Auf den Spuren von Martin Scorsese


    Auf diesem löchrigen Zukunftsfundament errichtet Waddington nun ihre knallbunte Antwort auf „Shutter Island“, in der es tatsächlich sogar eine sehr ähnliche Höhle gibt wie in dem Martin-Scorsese-Thriller, die auch hier wieder von den Patientinnen für konspirative Gespräche genutzt wird. Von diesem dunklen, aber wahrhaftigen Ort abgesehen wirkt Paradise Hills wie ein in Blütenweiß und psychedelischen Farben erstrahlender Mental-Wellness-Traum, der den Zuschauer mit seiner detailverliebten Ausstattung durchaus zu flashen versteht. Dass es hinter dieser eindrucksvollen Kulisse nicht mit rechten Dingen zugeht, ahnt allerdings nicht nur Uma von Anfang an. Eine Zeit lang versteht es „Paradise Hills“ auch, mit dem Unwohlsein verursachenden, unsichtbaren Grauen, das unter der allzu märchenhaften Oberfläche einfach lauern muss, eine gewisse Spannung zu erzeugen, die dann aber aufgrund der dahinplätschernden Erzählweise sukzessive abnimmt.

    Dazu kommt das Problem, dass die Identifikation mit den Protagonistinnen kaum gelingt, weil diese in ihrer Charakterzeichnung und als Schöpfungen einer Zukunft, die wir nur schemenhaft erahnen können, seltsam blass und konturlos bleiben. Da ist zum Beispiel Amarna: Die schöne Klinikinsassin ist, wie wir erfahren, in der Welt außerhalb von Paradise Hills eine berühmte Sängerin, was allerdings für den Plot so gut wie gar keine Rolle spielt. Im Laufe des Films lässt das Zuschauerinteresse an dieser Figur deshalb immer mehr nach. Der übergewichtigen Chloe, die in Paradise Hills in einen schönen Schwan verwandelt werden soll, und der rebellischen Yu ergeht es kaum anders.

    Ab der ersten Sekunde klar wie Kloßbrühe: die „Herzogin“ verfolgt düstere Absichten!


    Dieses Abflauen der Anteilnahme liegt unter anderem auch daran, dass der Klinik-Plot auf die individuellen Eigenschaften der Patientinnen kaum Bezug nimmt, etwa in Gestalt spezieller Therapie-Maßnahmen, die die in der neuen Gesellschaft ungewollten Persönlichkeitsmerkmale beseitigen sollen. Stattdessen müssen sich alle Patientinnen zu Beginn einem an „Germany's Next Topmodel“ erinnernden Makeover unterziehen. Alle (auch die, die eh schon spindeldürr sind) werden auf eine karge Diät gesetzt und machen Yoga in schneeweißen Puppenkleidern. Zu Umas „Therapie“ scheint es außerdem zu gehören, auf einem sich bis unter die Decke hochschraubenden Karussellpferd falsche (?) Erinnerungen in Hologrammform konsumieren zu müssen – warum auch immer, wie man sich spätestens am Ende fragt.

    Im Zentrum steht dabei das Duell zwischen der widerspenstigen Uma, solide dargestellt von Emma Roberts („American Horror Story“), und der zwielichtigen „Herzogin“, von der Science-Fiction-erprobten Milla Jovovich („Das fünfte Element“, „Resident Evil“) comichaft überzeichnet als eine Art Brainwash-Herzkönigin der Zukunft verkörpert. Wenn die „Herzogin“ im Showdown ihr wahres Gesicht zeigt, gleitet die Geschichte dann komplett ins Fantastisch-Märchenhafte ab und verliert so den letzten Rest an Bodenhaftung. Kurz vorher erfahren wir dann endlich auch, welche sinisteren Pläne die „Herzogin“ in ihrem pseudo-therapeutischen Imperium eigentlich verfolgt. Die Auflösung ist, so viel sei verraten, derart hanebüchen, dass fast alles zuvor Gesehene wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Schade um die tollen Kulissen und die an sich durchaus spannende Prämisse.

    Fazit: Konfuses Zukunftsszenario in phantasmagorischen Dekors, das gerne eine Mischung aus „Brave New World“ und „Shutter Island“ wäre, aber leider keinen seiner an sich interessanten Grundgedanken über Zukunft, Freiheit und Individualität (logisch) zu Ende denkt.

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