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    The Florida Project
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    The Florida Project
    Von Michael Meyns

    Kaum ein amerikanischer Independent-Film der letzten Jahre wurde so gefeiert wie Sean Bakers „Tangerine L.A.“, ein auf dem iPhone gedrehter Film über das Leben Transsexueller in Los Angeles. Zwar machte ihn auch der markante visuelle Stil zu etwas Besonderem, das Bemerkenswerteste an dem Drama war aber der dokumentarisch genaue Blick des Regisseurs auf einen speziellen Ausschnitt der amerikanischen Wirklichkeit, der in seiner roh-authentischen Unmittelbarkeit sogar an die großen Werke des italienischen Neorealismus erinnerte. Genau diese Qualität hat auch Bakers neuer Film „The Florida Project“, der in der Nebenreihe Quinzaine des réalisateurs beim Festival in Cannes 2017 seine Premiere erlebte. Der Filmemacher erzählt in diesem Sozialdrama auf unprätentiöse, aber doch berührende Weise vom Leben eines sechsjährigen Mädchens, das mit seiner Mutter am Rand des Existenzminimums lebt.

    Nicht überall ist der Sonnenstaat Florida ein Paradies, besonders dann nicht, wenn man von der spärlichen amerikanischen Sozialhilfe leben muss und sich mit mehr oder weniger windigen Geschäften über Wasser zu halten versucht. Trotz dieser schwierigen Umstände versucht Halley (Bria Vinaite) ihrer sechs Jahre alten Tochter Moonee (Brooklynn Prince) eine gute Mutter zu sein. Das Duo lebt in einer Motelanlage namens „Magic Castle“ (!), wo Halley meist vor dem Fernseher liegt und raucht, während Mooney mit ihren kleinen Freunden durch die Gegend streift und Blödsinn macht. Nicht immer zur Freude des Managers Bobby (Willem Dafoe), der trotz manchem Ärger, denn er wegen Moonee – und noch mehr Halley – hat, Sympathien für Mutter und Tochter hegt.

    Einen Sommer lang beobachtet Sean Baker seine Figuren, einige Wochen in loser Struktur, er reiht Szenen eines Lebens aneinander ohne ihnen eine dramaturgische Struktur überzustülpen. Dass er dabei fast konsequent aus der Perspektive des Mädchens Mooney erzählt, ist ein geschickter Kunstgriff, denn für die Sechsjährige scheinen die kargen Umstände ihres Lebens weniger dramatisch, ihr Bewusstsein für das Dasein am Rande des Existenzminimums ist noch kaum ausgeprägt. Statt dessen streifen Moonee und ihre gleichaltrigen Freunde voller Neugier durch die Motelanlage und die umliegende Gegend, gehen auf Entdeckungsreise, schnorren schon mal Eis und machen das, was Kinder eben so machen. Dass Moonee und ihre Mutter auf die Almosen einer Kirchenorganisation angewiesen sind, dass sich Halley mit oft etwas krummen Geschäften etwas Geld verdient, all das bekommt Mooney kaum mit, zumal sie von ihrer Mutter in keiner Weise vernachlässigt wird.

    Sean Baker beobachtet wie schon in früheren Filmen eine markante Subkultur. War es in „Starlet“ die Pornoszene des San Fernando Valley und dann in „Tangerine“ die Welt von Transsexuellen, ist es in „The Florida Project“ nun der abgegrenzte Kosmos eines Motels, dessen Bewohner zu den sogenannten sozial Schwachen gehören. Der Regisseur hat erkennbar sorgfältig recherchiert und zeigt viel Gespür für die Besonderheiten dieser Welt am Rande der Gesellschaft. Dass er zudem einmal mehr hauptsächlich mit Laiendarstellern arbeitet, verstärkt noch den Eindruck  absoluter Authentizität. Aber auch ein Star wie Willem Dafoe („Spider-Man“, „Antichrist“)  fügt sich ideal in das Ensemble ein. Seine Außenseiter-Figur dient hier als eine Art moralischer Kompass. Er blickt voller Mitgefühl auf Moonee und Halley, versucht das Mutter-Tochter-Duo vor dem Schlimmsten zu bewahren und muss der Entwicklung schließlich doch hilflos zuschauen. Baker widersteht der Versuchung, die tragischen Aspekte der Geschichte pathetisch zu überhöhen und bringt uns die Probleme und Konflikte des beobachteten Milieus in zurückhaltender Weise und mit unaufdringlicher Menschlichkeit nahe.

    Fazit: Mit „The Florida Project“ taucht Sean Baker wie schon in seinen vorigen Filmen in eine markante Subkultur ein und zeichnet diesmal ein authentisches Porträt der armen Bewohner einer heruntergekommenen Motelanlage.

    Wir haben „The Florida Project“ bei den Filmfestspielen in Cannes 2017 gesehen, wo er in der Quinzaine des réalisateurs gezeigt wird.

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