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Glück ist was für Weicheier
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Glück ist was für Weicheier

Die Ironie des Lebens mit dem Tod

Von
Regisseurin Anca Miruna Lazarescu inszenierte eine ganze Reihe von Dokumentarfilmen, ehe sie 2016 mit der hochgelobten und mehrfach preisgekrönten Tragikomödie „Die Reise mit Vater“ ihr fiktionales Langfilmdebüt gab. Ihr erst zweiter Film „Glück ist was für Weicheier“ durfte nun direkt die prestigeträchtigen Hofer Filmtage eröffnen. Allerdings war diese für uns nicht nachvollziehbare Entscheidung nach der Hamburger Pressevorführung des Films das Gesprächsthema Nr. 1, dicht gefolgt von der Frage, was da im Schnitt alles schiefgelaufen sein muss. Denn die mit Problemthemen bis obenhin regelrecht vollgestopfte Erzählung erweist sich am Ende als kaum glaubhafter Flickenteppich.

Viele Szenen laufen einfach ins Nichts; mitten im Film tauchen plötzlich wie selbstverständlich Figuren auf, die man noch nie zuvor gesehen hat; der uneinheitliche Tonfall wirkt wenig ausgegoren; und das traurige Highlight ist die Figur eines Psychotherapeuten, dessen offenbar ernstgemeinten Therapieansätze (ein zwölfjähriges Mädchen soll ihren Schwarm lasziv um Feuer bitten, um so ihre Ticks zu bekämpfen) so gruselig falsch anmuten, dass man gerade im finalen Drittel irgendwann aus dem ungläubigen Kopfschütteln gar nicht mehr herauskommt.

Die zwölfjährige Jessica (Ella Frey) hat es nicht leicht: Nach dem Tod ihrer Mutter wird auch ihre geliebte, schwerkranke Schwester Sabrina (Emilia Bernsdorf) in wenigen Wochen dasselbe Schicksal ereilen. In der Schule ist Jessica mit ihren immer schlimmer werdenden Ticks zudem eine Außenseiterin. Ihr Selbstbewusstsein lässt sich Jessica dadurch aber nicht nehmen. Und so fasst sie eines Abends den Entschluss, ihrer Schwester mithilfe eines mittelalterlichen Rituals das Leben zu retten. Dafür muss Sabrina nur mit einem anderen Jungen schlafen, auf den sie, dem Aberglauben zufolge, ihre Krankheit überträgt. Während sich Jessica verzweifelt auf die Suche nach einem geeigneten Beischlaf-Kandidaten begibt, versucht ihr Vater Stefan (Martin Wuttke) alles, um Sabrina einen schönen Abschied zu bereiten. Als ausgebildeter Sterbebegleiter sollte er ja eigentlich wissen, wie das geht. Doch bei seiner eigenen Tochter gerät auch er bald an seine Grenzen...


Der Plot um das an den Indie-Horror-Hit „It Follows“ erinnernde Ritual klingt zwar im ersten Moment eher absurd, aber gleichzeitig steckt in den tonalen Widersprüchen der Prämisse auch eine Menge Potenzial: Da ist das lungenkranke Mädchen, dessen Tod unabwendbar ist, und da ist die naive Schwester, die der ausweglosen Situation zum Trotz einfach nicht aufgibt und wie selbstverständlich Männer anspricht, ob sie nicht mit ihrer Schwester schlafen wollen. Jessicas aberwitziger Plan ist natürlich vor allem Ausdruck ihrer eigenen Hilflosigkeit, was die Tragik ihres Handelns nur noch verstärkt – so zumindest die Theorie. Aber Drehbuchautorin Silvia Wolkan („Sibylle“) eröffnet in ihrem überfrachteten Skript derart viele Handlungsstränge, dass Jessicas Sexpartner-Rekrutierung schnell zur Nebensache verkommt. Stattdessen werden noch viele, viele weitere Absonderlichkeiten über die Figuren offenbart, was irgendwann dazu führt, dass der eigentliche Kern der Geschichte kaum noch auszumachen ist.

Am meisten irritieren dabei Jessicas Besuche bei ihrem Therapeuten (Christian Friedel), der ihr bei der Bekämpfung ihrer immer schlimmer werdenden Ticks helfen soll (für Jessica besteht die ganze Welt aus Zahlen, von denen es gute und böse gibt). Selbst ein mit der Materie vollkommen unvertrauter Zuschauer sollte auf den ersten Blick erkennen, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt: Eine der wiederholt gestellten Fragen beim ersten Aufeinandertreffen lautet etwa, ob Jessica einen festen Freund habe. Bei einer weiteren Sitzung beginnt der Therapeut plötzlich und ungefragt, Jessica mit der Kamera zu filmen. Und die an sie gerichteten Hausaufgaben beinhalten mitunter krude Flirtanweisungen. Ein altbekannter therapeutischer Ansatz wird von ihm hingegen als eine ihm „unbekannte, neuartige Methode“ beschrieben, die er „ja mal ausprobieren“ könne. Nichts an diesen Szenen wirkt stimmig, stattdessen ist das alles einfach nur total creepy. Ein Umstand, auf den Drehbuch und Regie allerdings gar nicht weiter eingehen.

Neben den fragwürdigen Therapiesitzungen befasst sich „Glück ist was für Weicheier“ auf einer weiteren Erzählebene mit dem von „Inglourious Basterds“-Hitler Martin Wuttke gespielten Vater Stefan. Das Thema Tod scheint sich durch sein ganzes Leben zu ziehen: Er hat nicht bloß seine Frau verloren und wird sich bald auch noch von seiner totkranken Tochter verabschieden müssen, er arbeitet außerdem als Sterbebegleiter. Eine wunderbar bitter-ironische Konstellation - und Wuttke, der mit einer traurigen Liebeserklärung an seine Tochter für die emotional stärkste Szene des Films verantwortlich zeichnet, verkörpert seine zwischen glaubhafter Aufopferungsbereitschaft und völliger Hilflosigkeit chargierende Figur mit absoluter Hingabe. Doch auch ihm grätscht das Skript immer wieder mit Anlauf zwischen die Beine. Symptomatisch dafür steht eine eigentlich wirklich berührende Szene, die damit beginnt, dass sich Stefan endlich seine eigene Mutlosigkeit eingesteht. Anstatt den Moment wirken zu lassen, wird er dann aber durch einen erzählerisch ins Leere laufenden Verführungsversuch seiner Kollegin wieder zunichte gemacht.

Auch die (schwarz-)humorigen Einschübe funktionieren oft nicht. Wenn Stefan einem seiner Patienten etwa einen ausschweifenden Monolog über das Sterben hält und dabei überhaupt nicht bemerkt, dass ihm genau dieser Patient gerade vor der Nase wegstirbt, zieht sich diese Szene genauso zäh in die Länge wie ein Wildunfall, dessen ironische Ebene sich zwar erschließt (jemand, der Menschen das Sterben so angenehm wie möglich gestalten will, fährt versehentlich einen Hirsch tot), der aber zugleich auch so unrhythmisch inszeniert ist, dass die Szene trotzdem überhaupt keinen emotionalen Punch entwickelt. Da kann sich Wuttke mit seinem anschließenden Nervenzusammenbruch noch so viel Mühe geben.

Wiederholt gewinnt man den Eindruck, dass ganze Drehbuchabschnitte der Schere zum Opfer gefallen sein müssen. Anders lässt es sich zum Beispiel kaum erklären, dass mitten im Film plötzlich wie selbstverständlich Figuren an der Handlung beteiligt sind, die man noch nie zuvor gesehen hat. Auch wie viel Zeit zwischen einzelnen Szenen vergangen ist, erschließt sich einem oftmals nicht: Während der Schnitt einem vermittelt, dass eine Szene direkt an die vorherige anschließt, muss man dann plötzlich erkennen, wie viele Dinge dazwischen offenbar geschehen sind. Spätestens im finalen Drittel verliert man so das Vertrauen in die Erzählung und diejenigen, die sie erzählen. Das ist vor allem schade, weil so nicht bloß die starken Schauspielerleistungen untergehen, sondern auch einige sehr charmante Szenen, in denen das aus der tonalen Ambivalenz heraus entstehende Potenzial des Films wenigstens immer mal wieder durchscheint.

Fazit: „Glück ist was für Weicheier“ ist eine stark gespielte, im Kern angenehm unkonventionelle Tragikomödie über das Leben mit dem Tod, die allerdings unter solch gravierenden Drehbuch- und Schnittschwächen leidet, dass sich große Teile als nahezu un(durch)schaubar erweisen.
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