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Tanz ins Leben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Tanz ins Leben
Von
Mit seiner spektakulären Adaption von „Richard III“ sorgte Richard Loncraine 1995 für einen echten Höhepunkt unter den zahlreichen Shakespeare-Verfilmungen. Es ist bis heute wohl der beste Kinofilm des britischen Regisseurs, der dem beeindruckenden Drama unter anderem das durchwachsene Harrison-Ford-Vehikel „Firewall“ und eine Reihe von Komödien folgen ließ. Hinter seichten Titeln wie „Wimbledon – Spiel, Satz und… Liebe“, „My One and Only – Auf der Suche nach Mr. Right“ und „Ruth & Alex – Verliebt in New York“ steckten dabei allerdings immer wieder durchaus smarte Dialoge und eine mehr oder weniger geistreiche Inszenierung.

Dieses Muster setzt sich nun mit der hierzulande ein wenig unpassend betitelten Tragikomödie „Tanz ins Leben“ fort. Das moderne Generation-60-plus-Großstadtmärchen ist charmant gespielt, bietet einige überragende Gags und ist in seinen besten Momenten auch wirklich rührend. Insgesamt allerdings bleibt vor allem das dramatische Potenzial des Stoffes zu großen Teilen ungenutzt und Loncraine findet nicht immer die richtige Balance zwischen Humor und Ernst.

Nach vielen Jahrzehnten einer vermeintlich harmonischen Ehe erwischt Sandra Abbott (Imelda Staunton) ihren Ehemann Mike (John Sessions) beim Fremdgehen mit ihrer besten Freundin Pamela (Josie Lawrence). Überstürzt bricht sie zu ihrer Schwester Bif (Celia Imrie) auf, die ihr Obdach gewährt, obwohl sich die beiden schon seit Jahren nicht mehr viel zu sagen haben. Die zwei Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein: Die optimistische Bif ist Mitglied einer Tanzgruppe, hat viele Freunde und ist ein durch und durch positiver Mensch, während sich Sandra in Selbstmitleid suhlt und von ihrer lebensfrohen Schwester in erster Linie genervt ist. Das ändert sich, als sie Bifs besten Freund Charlie (Timothy Spall) kennenlernt, dessen demenzkranke Ehefrau in einem Heim lebt…


Obwohl es in „Tanz ins Leben“ tatsächlich auch ums Tanzen geht – Bif und ihre Freunde sind regelmäßig in einer einem realen Vorbild nachempfundenen Seniorengruppe aktiv, die gemeinsam auf einen großen Auftritt bei einer Show in Italiens Hauptstadt Rom hinarbeitet –, trifft der Originaltitel „Finding Your Feet“ die Essenz des Films doch ein wenig genauer. In der ersten Hälfte geht es nämlich vorwiegend darum, wie Bif ihrer komplett gegensätzlichen Schwester Sandra wieder auf die Beine hilft, während sich in der zweiten Hälfte nicht bloß die beiden Frauen, sondern auch ihr Umfeld im Anbetracht eines schweren Schicksalsschlages gegenseitig unterstützen und Orientierung geben.

Die gemeinsame Zeit in der Tanzgruppe spielt da eine untergeordnete Rolle, auch wenn Richard Loncraine sich sichtbar bemüht, die finale Darbietung in einem stilechten römischen Theater als emotionalen Höhepunkt zu inszenieren. Doch die angestrebte Wirkung will sich nicht so recht einstellen – dafür wurde der ganze Tanzsubplot mit seinen Trainingseinheiten zuvor einfach zu stiefmütterlich behandelt und wirkt insgesamt ein wenig wie eine erzählerische Krücke, die sich allzu einfach auch durch eine andere Aktivität ersetzen ließe.

Stärker ist „Finding Your Feet“, wenn es darum geht, tragische Umstände mit altbewährtem britischen Humor abzufedern. Wie selbstverständlich Bif noch in hohem Alter Männer datet und mit welcher Renitenz sich Sandra lange Zeit dagegen währt, ihre versnobte Einstellung aufzugeben und sich endlich für sich selbst und nicht länger für Prestige und ihr öffentliches Ansehen zu interessieren, veranschaulicht Loncraine mit herausragendem komödiantischem Timing. Da gibt Bifs abgeschleppter Lover in spe kurz vor dem One-Night-Stand auch schon mal den Löffel ab – ziemlich makaber, aber so unerwartet, dass es zum Brüllen komisch ist.

Auf der anderen Seite kippen die komischen Momente auch schon mal ins Alberne – etwa wenn der eigentlich vom Abschied von seiner demenzkranken Ehefrau noch ziemlich gebeutelte Charlie seinen geliebten Transporter in bester Slapstick-Manier von einem Abschleppwagen stibitzt. Derart eher grobschlächtiger Humor beißt sich mit den zum Teil sehr emotionalen ernsteren Szenen, denen die Macher nicht immer genügend Raum geben. Mehrere ergreifende Stellen, etwa wenn gerade tragische Erlebnisse geschildert oder Krankheitsdiagnosen offenbart werden, werden in „Tanz ins Leben“ nicht sehr feinfühlig ziemlich abrupt abgebrochen - als würde man dem Zuschauer die volle Dosis Gefühle nicht zumuten wollen.

Im Finale übertreiben es Richard Loncraine und sein Team dafür mit den großen Emotionen. Wenn sich Sandra endlich selbst gefunden hat, läuft sie ihrer großen Liebe buchstäblich hinterher, der Angebetete hat ebenso buchstäblich eine Erleuchtung und sieht das Licht am Ende des Tunnels, dazu tönt zu allem Überfluss „Running to the Future“ von Elkie Brooks aus den Lautsprechern, damit auch wirklich jeder die Bedeutung des Moments mitbekommt. Richard Loncraine kann sich glücklich schätzen, dass er starke Darsteller zur Verfügung hat, die auch derart plakative Momente, von denen es gleich eine ganze Reihe gibt, meist noch irgendwie retten.

Hervorzuheben sind dabei vor allem Celia Imrie („A Cure For Wellness“) und Imelda Staunton (Oscarnominierung für „Vera Drake“) als gegensätzliches Schwesternpaar sowie Timothy Spall (hätte für „Mr. Turner“ ebenfalls eine Nominierung verdient gehabt) als gebeutelter Charlie. Der traurige Handlungsstrang, in dem es um ihn und seine schwierige Beziehung zu seiner demenzkranken Frau geht, wird jedoch bedauerlicherweise ziemlich vernachlässigt. So ist „Tanz ins Leben“ bei allen Stärken letztlich auch ein Film der verpassten Gelegenheiten, der mit ein paar kleinen Akzentverschiebungen noch viel stärker hätte sein können.

Fazit: „Tanz ins Leben“ ist vor allem dank der Darsteller eine solide Tragikomödie mit einigen sehr lustigen und einigen sehr rührenden Momenten. Doch Regisseur Richard Loncraine setzt insgesamt lieber auf große Gesten und unverhohlenen Kitsch als auf subtile Töne, worunter die Wahrhaftigkeit leidet.
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