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Lucky Loser - Ein Sommer in der Bredouille
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Lucky Loser - Ein Sommer in der Bredouille
Von
Maren Ades „Toni Erdmann“ war im vergangenen Jahr der unbestrittene Kritikerliebling des deutschen Films. Die fast dreistündige Tragikomödie um einen verzweifelten Vater, der mit aberwitzigen Aktionen versucht, seine karrierefixierte Tochter für sich zu gewinnen, brachte es sogar bis zu einer Oscarnominierung als Bester fremdsprachiger Film. Regisseur Nico Sommer („Familienfieber“) macht in seinem neuen Film „Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille“ keinen Hehl aus seiner Bewunderung für seine preisgekrönte Kollegin, wenn seine Protagonistin Claudia ihren Ex-Freund und Vater der gemeinsamen Tochter direkt mit der Titelfigur aus „Toni Erdmann“ vergleicht. Sommers halbimprovisierte Patchwork-Comedy widmet sich zudem einer vergleichbaren Thematik, wenn sich auch sein Toni Erdmann - der hier übrigens Mike heißt und von Peter Trabner gespielt wird – mithilfe liebenswürdiger Provokationen um eine bessere Beziehung zu seiner Tochter bemüht. Dass Sommer  dieselbe inszenatorische Eloquenz wie Maren Ade erreichen würde, war zwar eh nicht zu erwarten, aber als eine Art leichtfüßig-launige Light-Version von „Toni Erdmann“ macht „Lucky Loser“ trotzdem eine Menge Spaß.

Der alleinlebende Mike (Peter Trabner) hat nicht nur seinen Job verloren, er muss auch von heute auf morgen seine Wohnung verlassen und seine von ihm immer noch geliebte Ex-Freundin Claudia (Annette Frier) will ebenfalls nichts mehr von ihm wissen. Lediglich seine selbstbewusste Teenager-Tochter Hannah (Emma Bading) glaubt noch an das Gute in ihrem Vater und beschließt nach einem Streit mit ihrem Stiefvater Thomas (Kai Wiesinger), kurzerhand zu Mike zu ziehen. Um seine Wohnungslosigkeit zu verheimlichen, organisiert Mike in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen heruntergekommenen Wohnwagen und fährt mit Hannah zu einem nahegelegenen Campingplatz. Hier stellt ihm seine Tochter überraschend auch noch ihren neuen Freund Otto (Elvis Clausen) vor, der Mike mit seinem Auftauchen zunächst völlig überfordert. Als sich die drei gerade miteinander arrangiert haben, taucht plötzlich Claudia auf. Für Mike könnte das die Chance sein, seine Ex endlich zurückzugewinnen, wobei ihm Hannah und Otto tatkräftig zur Hand gehen wollen...


Anders als Peter Simonischeks Toni Erdmann macht es einem Mike nicht so schwer, ihn auf Anhieb zu mögen. Zwar ist der job- und wohnungslose Vater ein unverkennbarer Pechvogel, doch seine verzweifelten Aktionen, um endlich wieder an Ansehen in den Augen seiner Familie zu gewinnen, gestalten sich in „Lucky Loser“ nicht annähernd so provokant. Wenn er sich etwa nachts als eine Art menschlicher Prellbock zwischen Hannah und Otto in deren Bett drängelt, dann ist seine Angst davor, dass seine Tochter Sex haben könnte, so aufrichtig, dass nicht einmal die beiden harsch ausgebremsten Turteltäubchen ihm so richtig böse sein können. In eine ähnliche Richtung gehen die eh schon sehr grobmotorischen und dazu auch noch völlig hilflosen Flirtversuche mit seiner Ex-Freundin, die unschwer erkennen lassen, wie sehr sein Herz noch an ihr hängt. In anderen Momenten kann dieser Mike sogar richtig überraschen – etwa wenn er auf der einen Seite fast vor Scharm im Boden versinkt, als er für seine Tochter Kondome kaufen will, aber dann plötzlich einen Nazi zur Sau macht, weil er Otto wegen seiner Hautfarbe anmacht. Mike eckt in seiner unbeholfenen Art an, hat das Herz aber immer am rechten Fleck. Und das lernt nicht nur sein filmisches Umfeld aus Tochter, Schwiegersohn in spe, Freunden und später auch Ex-Freundin zu schätzen, sondern eben auch das Publikum.

Als Zuschauer drückt man dem liebevollen Tollpatsch einfach alle Daumen, dass für den vom Schicksal gebeutelten Endvierziger schnell wieder alles ins Lot kommt. Dass Regisseur Sommer, der auch selbst für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, auf Mikes Weg vom Pechvogel zum Glückspilz etliche erzählerische Haken schlägt, etwa wenn in zwei allzu beiläufigen Szenen der Alltagsrassismus mit abgehandelt wird, der Otto immer wieder entgegenschlägt, lässt „Lucky Loser“ hingegen hier und da überladener wirken, als es der eigentlich total geradlinigen Geschichte gutgetan hätte. Stattdessen wird Claudia und ihrem neuen Lebenspartner Thomas zu Beginn sogar zu wenig Beachtung geschenkt, denn so wirkt die Beziehung der beiden nie glaubhaft – weshalb auch keine Spannung aufkommt, schließlich weiß man von der ersten Sekunde an, dass dieser Thomas für Mike auf Dauer keine Konkurrenz sein wird. Dafür profitiert der Cast immens von der Improvisierungen zulassenden Inszenierung: Dass Sommer seine Darsteller allesamt an einer möglichst langen Leine agieren lässt, ist dem Film jederzeit anzumerken. In „Lucky Loser“ wird gesprochen, wie man es im Alltag tut: Da werden schon mal Silben verschluckt und Sätze neu angesetzt. Dass Peter Trabner („Dicke Mädchen“), Annette Frier („Rock My Heart“) und Emma Bading („Halbschatten“) tatsächlich eine echte Familie sein könnten, steht so nach eineinhalb Stunden völlig außer Frage.

Fazit: „Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille“ ist eine liebenswürdig erzählte und authentisch gespielte Patchwork-Komödie, die vor allem von charismatischen Performance von Peter Trabner lebt.
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