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Der Flohmarkt von Madame Claire
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Der Flohmarkt von Madame Claire

Der oberflächliche Reiz des Trödels

Von Sidney Schering
Regisseurin Julie Bertuccelli ist vornehmlich für ihre Dokumentarfilme bekannt, gelegentlich schiebt sie aber auch einen Spielfilm dazwischen. Ihr fiktionales Debüt „Seit Otar fort ist“ wurde 2003 mit reichlich Kritikerlob bedacht und gewann zudem den Großen Preis der Semaine de la Critique in Cannes. Sieben Jahre später wurde ihr zweiter Spielfilm „The Tree“, der in Cannes als Abschlussfilm gezeigt wurde, hingegen mit einer ziemlichen Ernüchterung aufgenommen - auch uns hat die Romanadaption über Verlust und Trauer trotz einer routiniert-überzeugenden Charlotte Gainsbourg in der Hauptrolle damals nicht abgeholt. Neun Jahre später gelingt Bertuccelli nun auch mit ihrem dritten Spielfilm leider nicht die Rückkehr zur Stärke von „Seit Otar fort ist“: „Der Flohmarkt von Madame Claire“, basierend auf einem Roman von Lynda Rutledge, ist ein aalglattes Indie-Drama, das nur eine schwachbrüstige Aussage über Trauer und Verdrängung macht. Nur Catherine Deneuves gewohnt engagiertes Spiel und Bertuccellis offensichtliche Begeisterung für Trödel verleihen diesem unentschlossenen Film etwas Profil.

In einer vermeintlich friedlichen Sommernacht erwacht die alleinlebende Antiquitätensammlerin Madame Claire Darling (Catherine Deneuve) gleich zwei Mal kurz hintereinander aus ihren Träumen. Am nächsten Morgen beginnt sie mit dem großen Reinemachen in ihrem geräumigen Landhaus: Sie heuert örtliche Jugendliche an, ihr dabei zu helfen, sämtliches Hab und Gut aus dem Anwesen in den Vorgarten zu tragen. Bei einem spontanen Privatflohmarkt vertickt Madame Claire aus einer Laune heraus all ihre wertvollen Möbel, handgefertigten Spielzeugraritäten, Sammlereditionen von Büchern und zerbrechlichen Schmuckstücke. Es dauert nicht lange, bis sich förmlich das ganze Dorf bei ihr versammelt und bei diesem Ausverkauf zuschlägt, schließlich verlangt die nicht mehr ganz so rüstige Rentnerin nur Spottpreise. Lediglich die Antiquitätenexpertin Martine (Laure Calamy) hinterfragt die sonderbare Laune Claires, die zuweilen verloren über ihren Flohmarkt blickt. Sie kontaktiert deshalb Claires Tochter Marie (gespielt von Deneuves Tochter Chiara Mastroianni), die sich schon vor Jahrzehnten mit ihrer Mutter zerstritten hat...

Catherine Deneuve spielt in "Der Flohmarkt von Madame Claire" die titelgebende Antiquitätensammlerin.


Auf den ersten Blick ist „Der Flohmarkt von Madame Claire“ eines dieser leicht quirligen Programmkino-Dramen über das Älterwerden, wie es sie in den vergangenen Jahren immer häufiger im Kino zu sehen gibt. Aber hinter der Titelfigur, die vordergründig entschlossen ihren Flohmarkt organisiert und in ihrem Leben aufräumt, scheinen zugleich die ersten Anzeichen von Demenz durch, wenn sie zwar genau weiß, was sie vor Jahrzehnten mit einem Gegenstand erlebt hat, sich zugleich aber unsicher ist, was jetzt gerade vor sich geht. Nur: Sobald der Film mal in etwas weniger seichte Gewässer abzudriften droht, rettet sich Bertuccelli rasch in erzählerischen Fluff, wenn sie etwa Claire prompt wieder seichte Gespräche führen lässt oder harmlose Flashbacks ohne dieselbe emotionale Kraft nachschiebt.

Wenn sich der erzählerische Fokus für einige Filmminuten auf Martine und Marie verschiebt, die versuchen, das Handeln Claires zu durchschauen, wird „Der Flohmarkt von Madame Claire“ zwischenzeitig zu einem „Whydunnit“: Die emotionale Tragweite verschwindet dabei zeitweise völlig aus dem Blick des Films, stattdessen geht es wie in eine Krimi um die Frage, welche Geheimnisse Claire vor ihren Liebsten hat, die zu ihrem Leben als sammelnde Einzelgängerin führten. Doch auch dieser Aspekt des Films schlägt nicht durch, weil Bertuccelli auch diesen potenziell spannenden Handlungsstrang weiter mit einer galant-entspannter Haltung inszeniert, eben als befänden wir uns in der x-ten französischen Dramödie über freundliche, aber eigensinnige Senioren.

Ein Schuss Esoterik – und ein Zirkus


Julie Bertuccelli und ihre Co-Autorin Sophie Fillières weichen an zumindest zwei Stellen von der Vorlage ab. So wird im Roman aufgelöst, was es mit dem kleinen Mädchen auf sich hat, die gelegentlich durch die Szenerie stromert, während sie im Film ein Enigma bleibt. So steuert es einen Schuss geisterhafte Esoterik bei, die sich allerdings mit dem Filmschluss beißt, der so gar keine Ambivalenten zulässt, sondern Claires Verfassung eindeutig festzurrt. Gelungen ist hingegen das hinzugedichtete Sommerfest, das mit Kirmesattraktionen und Zirkus inklusive ausbüxender Tiere etwas Leben in das beschauliche Dorf bringt. Eine zufällige Ergänzung des Stoffes, da beim Dreh gerade tatsächlich ein Dorffest stattfand, woraufhin die Regisseurin beschloss, die von ihr geliebte Schaubudenwelt in den Film mit einzubinden. Dieser Zusatz zum Roman spiegelt den sprichwörtlichen Zirkus vor und in Claire Darlings Haus bildlich mit einem tatsächlichen Zirkus wenige Meter weiter.

Alice Taglioni in "Der Flohmarkt von Madame Claire".


Zusammengehalten wird der Film von der wie immer sehenswerten Catherine Deneuve, die sich hier erstmals in einem Film mit grauen Haaren zeigt und Claire Darling trotz nur weniger Dialoge eine umfassende Persönlichkeit verleiht: Sie blickt zumeist mit wachem, entschlossenen Blick auf ihr Umfeld, lässt sich dann nur von ausgewählten Antiquitäten zu einem verträumten Ausdruck hinreißen. Wenn aber die Vergangenheit sie einholt, sei es durch ein bewusstes Zurückerinnern oder einen Moment der frühdementen Verwirrung, weicht Deneuves Mimik auf, ohne die Figur dabei zu schwächen. Vor allem zu Beginn des letzten Filmdrittels, wenn Claire nicht nur mit dem Antiquitätenverkauf, sondern auch mit zurückliegenden Wendemomenten ihres Lebens hadert, und Bertuccelli in ihrer Inszenierung Deneuves Spiel endlich die Aufmerksamkeit schenkt, die zuvor vor allem dem nostalgischen Blick auf Claire Darlings Trödel zukam, fängt sich der Film.

Bevor sich „Der Flohmarkt von Madame Claire“ der Anlaufschwierigkeiten zum Trotz allerdings zu einer überzeugenden Metapher darüber entwickeln könnte, wie sehr wir unseren Kummer in uns vergraben und etwaige Zweifel mit Tinnef zu übertönen versuchen, bricht ein überzogen hektisches Ende über einen herein. Das opfert jegliche Nuancen in der Charakterzeichnung Claires für einen tumben Knalleffekt.

Fazit: Die Romanverfilmung „Der Flohmarkt von Madame Claire“ nimmt einen spontanen Verkauf des angesammelten Hab und Guts als Sinnbild für ein spätes Auseinandersetzen mit der eigenen Vergangenheit, bleibt in dieser Metaphorik aber intellektuell und emotional konsequent an der glatt-seichten Oberfläche verhaftet.

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