Schnell-Bewerter
Mein FILMSTARTS
    Endzeit - Die Zombieapokalypse
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Endzeit - Die Zombieapokalypse

    Blühende Zombie-Landschaften

    Von Lutz Granert
    Mit Thüringen verbindet man zunächst mal Goethe, Schiller und den Kinderkanal, aber trotz neuerdings aufgetauchter Gruselgestalten wie Björn Höcke wohl eher nicht den passenden Schauplatz für eine Zombie-Apokalypse. Die Weimarer Comic-Künstlerin Olivia Vieweg sah das allerdings ein wenig anders und verortete ihre 2012 erschienene Graphic Novel „Endzeit“ – inspiriert durch eine Zugfahrt – im Niemandsland zwischen Jena und Weimar. Im Rahmen einer Drehbuchwerkstatt adaptierte sie einige Jahre später ihre eigene, ursprünglich nur 76 Seiten lange Geschichte und arbeitete sie weiter aus, bis 2018 eine 280 Seiten umfassende Neuversion der Graphic Novel erschien. Der preisgekrönte Stoff fand schnell Anklang bei einer Produktionsfirma und wurde nun mit einem Budget von etwa zwei Millionen Euro komplett an Originalschauplätzen in Thüringen verfilmt. Das Ergebnis ist durchwachsen: Der von Regisseurin Carolina Hellsgård („Wanja“) spürbar für eine Teenager-Zielgruppe konzipierte Genre-Mix aus (jugendfreiem) Zombie-Horror und Coming-of-Age-Drama ist zwar originell, wirkt jedoch halbgar und selbst die beiden menschlichen Hauptfiguren bleiben merkwürdig leblos.

    Zwei Jahre nach der Zombie-Apokalypse sind Jena und Weimar die vermeintlich letzten Bastionen der menschlichen Zivilisation. Während Wissenschaftler im hermetisch abgeschotteten Jena an einem Heilmittel gegen die Zombie-Epidemie forschen, herrscht in Weimar ein strenges Regiment im täglichen Kampf ums Überleben. Als die traumatisierte und verängstigte Vivi (Gro Swantje Kohlhof) in Weimar zur Arbeit am Schutzzaun eingeteilt wird, lernt sie die wehrhafte Eva (Maja Lehrer) kennen. Nach einem Zombie-Zwischenfall wagen die beiden jungen Frauen in einem unbemannten Pendelzug mit Versorgungsgütern die Flucht nach Jena. Doch sie kommen nicht weit: Der Zug hält auf halber Strecke plötzlich an – und die sehr unterschiedlichen Frauen müssen sich fortan zu Fuß bis nach Jena durchschlagen …

    Gemeinsam gegen die Zombie-Apokalypse: Gro Swantje Kohlhof und Maja Lehrer./center>


    Vor allem optisch vermag „Endzeit“, dessen Kreativabteilung ausnahmslos mit Frauen besetzt wurde, zu beeindrucken: Das Szenenbild von Jenny Roesler gibt den Sehenswürdigkeiten der Klassikerstadt einen fast schon beklemmenden apokalyptischen Anstrich, wenn leere Wasserkanister vorm Brunnen auf dem Marktplatz stehen und das Denkmal von Goethe und Schiller auf dem Theaterplatz mit einer Solarzelle zur Stromerzeugung versehen ist. Beim aufwändigen Make-up wie bei einer ziellos im Wald umherirrenden Zombie-Braut steht „Endzeit“ den us-amerikanischen Untoten aus „The Walking Dead“ & Co. in Sachen Liebe zum schaurigen und verwesenden Detail in nichts nach. Kamerafrau Leah Striker tauchte das Szenario durch regelrecht glühende Lichtquellen und leichten Weichzeichner-Effekt in einen unwirklichen Schein und weckt mit einigen monochromatisch eingefärbten Szenen Erinnerungen an die Farbgebung der Graphic-Novel-Vorlage. Besonders erfrischend und am deutlichsten spürbar ist die weibliche Perspektive bei den differenziert gezeichneten Hauptfiguren, die sich als traumatisierte junge Frauen im stillen Kampf gegen ihre inneren Dämonen und Ängste mit psychologischer Tiefe wohltuend von den oft grobschlächtigen Klischees des Genres abheben.

    Kein Spaß mit Zombies


    Abseits dieser optischen Schauwerte hat „Endzeit“ jedoch mit einigen dramaturgischen Stolpersteinen zu kämpfen. Die vielen eingewobenen Rückblenden um das angespannte Verhältnis von Vivi zu ihrer jüngeren Schwester Renata, welche sie beim Ausbruch der Zombie-Apokalypse im Stich lassen musste, bremsen den Erzählfluss unnötig stark aus. Der Spagat zwischen letztlich blutarm bleibendem Zombie-Horror und einer Geschichte um Freundschaft und die Überwindung von Traumata gelingt auch nicht wirklich. Einen großen, potenziell denkwürdigen Zombie-Angriff auf einer Talsperre hätten andere Filmemacher sicherlich dramatisch (zu sehr) ausgeschlachtet. Carolina Hellsgård übertreibt es hingegen in die andere Richtung: Fast schon desinteressiert handelt sie ihn in gerade mal einer Minute pflichtbewusst ab.

    Für die Regisseurin steht in langen und ungleich ermüdenderen Szenen die aufkeimende Freundschaft zwischen den beiden widerwilligen Schicksalsgenossinnen beim Ausharren im Zug oder dem Übernachten auf einem Hochstand im Vordergrund, bei dem die beiden jungen Frauen spürbar einen Reifeprozess durchlaufen, sich von gesellschaftlichen Zwängen lösen und ihren Platz im Leben zwischen all den Untoten finden. Dazu gesellen sich einige zivilisationskritische Untertöne, wenn das Frauen-Duo auf ihrem Irrweg eine feenartige Gärtnerin (mit einem Schuss Wahnsinn herrlich entrückt: Trine Dyrholm) oder Giraffen entdeckt, die aus dem Erfurter Zoopark ausgebüxt sind und ausgerechnet durch die Zombie-Apokalypse ihre Freiheit wiedererlangt haben.

    Die Talsperren-Szene mutet im ersten Moment spektakulär an – ist es dann aber doch nicht.


    Während Gro Swantje Kohlhof („Wir sind die Flut“) als mit ihren Ängsten hadernde Trauma-Patientin in ihrem Spiel immer etwas zu gestelzt wirkt, nuschelt die genervt wirkende Maja Lehrer als raubeinige Eva wie auswendig gelernt ihre Dialogzeilen herunter. Wirklich ans Herz wachsen dem Zuschauer diese leblos erscheinenden Hauptcharaktere so sicherlich nicht. In der Graphic Novel von Olivia Vieweg wirken die beiden Hauptfiguren auf ihrem feministisch angehauchten Selbstfindungstrip jedenfalls sehr viel natürlicher in ihrer Verletzlichkeit und auch in ihrem Verhalten.

    Fazit: Starke Bilder, tolles Setdesign, aber schwache Darsteller: Das Zombie-Drama „Endzeit“ bietet viele Schauwerte, bleibt aber zu schablonenhaft, um wirklich zu berühren oder das Genre mit seinem ungewöhnlichen Schauplatz merklich voranzubringen.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    • Die neuesten FILMSTARTS-Kritiken
    • Die besten Filme aller Zeiten: Usermeinung
    • Die besten Filme aller Zeiten: Pressemeinung
    Das könnte dich auch interessieren

    Kommentare

    • Jimmy v
      Na ja, Genre und künstlerisch wertvoll muss sich ja nicht ausschließen, vor allem wo letztere den deutschen Film auch nicht unbedingt gerettet haben.
    • Jimmy v
      Danke für die Meldung! Geografisch Sinn ergibt für mich eben auch nicht die Entfernung zwischen Jena und Weimar für so eine dramatische Reise. Landschaftlich ist es doch sehr offen. In vergleichbaren Werken des Genres werden viel größere Distanzen überbrückt, die überdies noch einer gefährlicheren Gegend spielen. Deshalb wundert mich das doch sehr.
    • TresChic
      Die Schande muss immer betont werden.
    • LG
      Leider ist die Deutsche Filmförderung sehr knausrig, wenn es um Genrefilme geht, während künstlerisch wertvolle Filmvorhaben leichter finanzielle Mittel erhalten.
    • LG
      Da meldet sich hier mal der Autor zu Wort. Auch die Graphic Novel spielt nun einmal zwischen dem als strahlendem Ziel unerreichbar erscheinenden Wissenschafts-Standort Jena und dem maroden Weimar, da kann man nichts machen. Ich finde es auch gut, dass die Vorlage ziemlich werkgetreu adaptiert wurde. Da hat mich die beschriebene Talsperren-Szene (denn die wurde hinzugedichtet) umso mehr gestört. Mal abgesehen davon, dass die geographisch keinen Sinn ergibt :).
    • Jimmy v
      Gute Frage. Selbst Babylon Berlin, gefeiert und aufwendig produziert, hat in meinen Augen für ein Geht noch gereicht. Irgendwie stecken die deutschen Filmemacher in Widersprüchen: Sie kopieren die US-Filme, aber tun das mit sehr deutschen Mitteln,wie etwa die überakzentuierte Theater-Schauspielausbildung.Sie wollen Realismus, scheißen darauf aber immer wieder, u.a. auch durch die gestelzt redenden Figuren oder Figuren aus dem norddeutschen Raum, die Bukoff gesprochen werden, aber Bukow (w stumm) genannt werden müssten.Sie haben eigentlich gutes Geld, verpulvern es aber.Talentierte Leute versuchen sich lieber mal in den USA, sobald sie können als in Deutschland mit Til Schweiger arbeiten zu müssen. :) Selbst, wenn sie in den USA dann einen Flop machen, war das für die Karriere immer noch förderlicher als den nächsten Standardkrimi zu machen...Ach, ich will mich doch an einem Sonntagabend nicht in Rage schreiben, aber, sorry, es ist manchmal einfach peinlich...!
    • Jimmy v
      Es war ein guter und witziger, aber auch etwas leichter Gag. Höcke ist eine Schande für Thüringen, die nun allerdings auch nicht immer betont werden muss. Der Kerl hat leider schon genug Aufmerksamkeit.
    • Jimmy v
      - Unterdurchschnittliche Darsteller, wie? Also wie fast in jedem deutschen Film, nichts für ungut.- An mir ist der Film, obwohl mit Bezug zur Region, völlig vorbeigegangen!- Die Strecke von Weimar nach Jena kann man gemütlich per Rad abfahren, das sind nur rund 25km. Außerdem ist die Strecke dort beschaulich und höchstens ab Jena wird es waldig-abhängig. Will sagen: Selbst in einer Zombieapokalypse und mit etwas suspension of disbelief wirkt das für eine Abenteuerreise ziemlich unglaubwürdig.- Stichwort Hang-/Tallage von Jena, das ja auch größer ist als Weimar und auch größer ist es als auf den ersten Blick wirkt, aufgrund der ganzen verzweigten Siedlungen: Meiner Meinung nach wäre das viel schwieriger zu verteidigen als Weimar. Nun stimmt es, dass dort die Wissenschaftler sind. Aber, ey, bei einem Zombieangriff würde ich hier verschwinden - weil die malerische Landschaft (unbedingt Wandern gehen, wer dort ist!) viel zu gut für die Zombies ist.- Schade trotzdem ums Experiment, denn Deutschland kann wirklich ein ziemlich guter Standort für Endzeitgeschichten sein mit unserem Mix aus geilen Landschaften, Wäldern, gemütlichen Häusern, aber die stetige Anbindung an Infrastruktur aufgrund der dichten Besiedlung.
    • TresChic
      Danke an Lutz Granert: Der Film Endzeit kann den Grusel von Höcke und seinem rechten Flügel nicht übertreffen. Finde ich super, dass ein FS Kritiker hierzu kein Blatt vor den Mund nimmt.
    • Defence
      Das Drama um deutsche Beiträge im Horrorfilm ist buchstäblich ein Horror.^^ Während Briten und Franzosen immer wieder relevante Beiträge, Genreperlen bis hin zu Meisterwerken raushauen, bekommen wir sowas wie Endzeit, wo schon die Trailermusik so unfassbar nicht passend wirkt o.die Ittenbach, Krekel und Co Schrottfilme, selbst wenn jmd, wie Krekel große Genrenamen wie einen Tom Savini zur Verfügung haben.Am fehlenden Budget kann es nicht liegen, wenn Endzeit mal eben schlappe 2 Millionen zur Verfügung hat, ein die Tage besprochener Young Cannibals quasi mit Taschengeld gedreht wurde...Wo ist ein deutscher Decent o. Martyrs?? Warum bekommt man es hierzulande einfach nicht hin, wo Deutschland mal Pionier in den 1920er Jahren in diesen Genre war und filmgeschichtliche Meilensteine im Horrorgenre geliefert hat...
    • Kein_Gast
      Endlich mal wieder ein Zombiefilm... 😐
    Kommentare anzeigen
    Back to Top