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    Die Maske
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Die Maske
    Von Christoph Petersen
    Menschen in schweren Mänteln stehen bewegungslos im kalten Dunkel herum und warten. Die ersten Einstellungen des polnischen Berlinale-Wettbewerbsbeitrags „Die Maske“ erinnern an „Früchte des Zorns“ oder andere Filme über die Große Depression. Aber der Eindruck täuscht. Denn schon mit dem nächsten Schnitt offenbart „Body“-Regisseurin Małgorzata Szumowska, was wirklich Sache ist: Die Frierenden warten auf einen Unterwäsche-Schlussverkauf – und dabei geht es nicht um den Kauf von Unterwäsche, sondern um den Kauf in Unterwäsche. Sobald sich die Türen zum Einkaufszentrum öffnen, reißen sich die dick eingepackten Menschen die Klamotten vom Leib und rennen los. Schwabbelige Körper geifern in Zeitlupe nach günstigen LCD-Fernsehern und reißen sich gegenseitig ihre schon sicher geglaubte Beute wieder aus den Händen. Dieser Prolog hat mit der eigentlichen Handlung der schwarzen Satire rein gar nichts zu tun, aber er setzt den passenden Ton für die folgenden eineinhalb Stunden – „Die Maske“ ist ein Film, der sich regelrecht in seiner eigenen Hässlichkeit suhlt.

    36 Meter hoch soll die – inzwischen übrigens real existierende - Christus-König-Statue aus Beton werden, die die Bewohner eines polnischen Dorfes mit ihren Spenden ermöglicht haben. Damit wäre sie sogar noch sechs Meter höher als das weltberühmte Vorbild in Rio de Janeiro. Allerdings stürzt der Vokuhila-Metalhead Jacek (Mateusz Kościukiewicz) beim Bau der Statue viele Meter tief in den noch hohlen Sockel des Monuments. Zwar überlebt er knapp, aber ihm wird als erstem Menschen in Europa das Gesicht eines Toten transplantiert. Während sich der nun halbblinde und nur noch unverständlich stammelnde Jacek bei der Pressekonferenz im Krankenhaus noch selbst als Rockstar inszeniert, hilft ihm all die mediale Aufmerksamkeit nach seiner Rückkehr nur wenig. Die Kinder des Dorfes schimpfen ihn Schweinsgesicht, seine attraktive Verlobte Dagmara (Małgorzata Gorol) geht ihm aus dem Weg und selbst seine eigene Mutter (Anna Tomaszewska) hält ihn für ein Monster, weshalb sie den örtlichen Pfarrer (Roman Gancarczyk) schließlich sogar um einen Exorzismus für ihren Sohn bittet…


    Wenn die Kinder dem Rückkehrer Schweinsgesicht hinterherrufen, dann muss man zwangsläufig an eine Szene vor dem Unfall zurückdenken. Darin wird ein Schwein hinters Haus geführt, um es für das Weihnachtsessen mit einer Axt zu erschlagen, den abgetrennten Kopf nutzen die Kinder zum Spielen im Matsch. Am Familienesstisch werden zum Wodka zudem nur die übelsten rassistischen Witze gerissen. „Die Maske“ kennt in seiner Zeichnung der (polnischen) Gesellschaft tatsächlich keinerlei Gnade. Nur sind die Gags, die dann am Ende dabei rumkommen, meist eher platt als entlarvend, etwa wenn sich der Pfarrer bei der Beichte die sexuellen Verfehlungen seiner Schäfchen etwas zu sehr im Detail berichten oder er die Kollekte einfach in die eigene Hosentasche gleiten lässt. Echte Humor-Highlights wie der amateurhafte Exorzismus, für den der Pfarrer netterweise seine Beziehungen hat spielen lassen, um die eigentlich mindestens einjährige Wartezeit abzukürzen, bleiben da leider eine seltene Ausnahme.

    Aber nicht nur das Drehbuch, das Szumowska gemeinsam mit ihrem Kameramann Michał Englert geschrieben hat, suhlt sich in der Hässlichkeit der Menschen, mit ihren Bildern setzen die beiden sogar noch einen drauf. Zu Beginn hält man es noch für einen Kamera-Bedienfehler oder eine schadhafte Linse, wenn oft nur einzelne Ausschnitte des Bildes scharf zu sehen sind, während der Rest zu einem ästhetisch kaum ansprechenden Matsch verschwimmt. Aber dann dämmert einem langsam: Das ist tatsächlich Absicht! Also macht man sich daran herauszufinden, was diese Unschärfen wohl zu bedeuten haben: Wird das Bild immer dann besonders unscharf, wenn gerade etwas Hässliches geschieht? Wird es besonders unscharf, wenn etwas vermeintlich Schönes wie eine Hochzeit im Bild zu sehen ist? Sind die Totalen nicht immer ein wenig schärfer als die Nahaufnahmen? Um es kurz zu machen: Nein, nein und nochmals nein, die unschöne Bildsuppe scheint vielmehr vollkommen zufällig zu sein. Es gibt sogar Schuss-Gegenschuss-Dialogszenen, in denen die eine Einstellung fast völlig scharf und das Gegenstück völlig unscharf ist. Eine (anti-)ästhetische Entscheidung, die einem endgültig die Lust daran nimmt, gemeinsam mit den Machern in die Hässlichkeit der polnischen Provinz hinabzusteigen.

    Fazit: Ein noch passenderer Titel für „Die Maske“ wäre „Hässlichkeit – Der Film“ – hässliche Menschen, hässliche Dinge, hässlicher Humor, hässlicher Kirchengesang, grottenhässliche Bilder. Da muss man über die oft platten schwarzhumorigen Gags schon sehr, sehr laut lachen, damit sich das Waten durch diese universelle Hässlichkeit für einen lohnt.

    Wir haben „Die Maske“ auf der Berlinale 2018 gesehen, wo der Film im Wettbewerb gezeigt wird.
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    Kommentare

    • AlMagnifico
      Dieser Kritiker sollte lieber nur noch Disney-Filme besprechen, da hat er seine Schönheit. Und wenn keiner mehr den Mut hat, hässliche Dinge zu zeigen und hässliche Dinge zu sehen, gibt's dann vielleicht bald nur noch Disney. Der Film ist ne solide 7/10 und hat seinen Berlinale-Preis verdient.
    • AC
      Ich kann Keodb nur zustimmen. Die Kritik ist einfach nur ungerechtfertigt und entwürdigend. Allein die Formulierung hässliche Menschen (...) zeugt schon von einem äußerst kleinen Horizont. Da scheint jemand wirklich gar nichts begriffen zu haben. Der Film ist eine sanft erzählte Gesellschaftskritik mit schönen Bildern und nicht herausragenden, aber durchaus witzigen Dialogen. Es geht um den Umgang mit dem Anderen in Polen und ist damit wahnsinnig aktuell auch für das gesamte Europa. Der gute Herr Petersen würde wohl hervorragend in diese ablehnende polnische Dorfgemeinschaft hineinpassen. Der große Preis der Jury ist jedenfalls mehr als verdient!
    • Keodb
      Der film war ziemlich gut und hat mich durchaus zum nachdenken angeregt: über die zentrale und doch nur allzu oberflächliche rolle des gesichts für unsere identität und der wahrnehmung von uns, über die heuchlei der kirche und ach so gläubigen menschen die hilfe predigen und das problem verkennen, über unsere gesellschaft, übers verlieben etc. Pp. Wie schon bei utoya hängt sich aber herr petersen an nur ein, zwei aspekten auf, die ihm nicht in den kram passen und holt anhand derer zu einem verriss mit nicht-argumenten aus. Ja, wenn man das spiel mit den schärfen nicht schnallt ist das sein problem und nicht das des films. Ich hielt sie für eine sehr interressante künstlerische entscheidung, in der ich den eng gefassten geistigen horizont der dorfgemeinde, über die der film auch eindeutig satirisch herzieht, visualisiert sah. Zu erklären, warum das schärfen-spiel in dialogszenen auch sehr sinnvoll und mit bedacht gewählt wurde, wäre jetzt ein ziemlicher spoiler, aber eines ist gewiss: es ist kein zufall. Dem regisseur dadurch indirekt seine fähigkeiten abzusprechen ist in diesem falle über die massen arrogant, die kritik als solche ist an unverhältnismässigkeit, unfähigkeit und unwillen zur wirklichen differenzierten auseinandersetzung mit dem werk nicht zu überbieten. Eine schande!
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