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    Wild Rose
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Wild Rose

    A (Country-)Star Is Born

    Von Oliver Kube
    Country-Musik ist längst kein rein nordamerikanisches Phänomen mehr. In Australien und in diversen europäischen Ländern gibt es beispielsweise erstaunlich vitale Country-Szenen. So richtig geschafft hat man es aber natürlich trotzdem erst dann, wenn man auch im Mutterland des Genres Erfolge feiert. Deshalb kommen jedes Jahr tausende hoffnungsfrohe Künstler aus aller Welt nach Nashville. Die Stadt im US-Bundesstaat Tennessee gilt als das Mekka des Cowboy-Sounds. Alle wichtigen Labels sind dort ansässig beziehungsweise haben Dependancen und Mitarbeiter, die auf der Suche nach dem oder der nächsten Johnny Cash, Garth Brooks, Dolly Parton oder Carrie Underwood sind.

    Als Country-Sänger/in ist die Chance, in einer der vielen dortigen Kneipen und Clubs entdeckt zu werden, weit größer als in London, Berlin, Sydney oder Glasgow. Ein kleiner Prozent- oder eher Promillesatz schafft es tatsächlich. Die allermeisten von ihnen müssen allerdings irgendwann einsehen, dass es nicht geklappt hat und wieder heimreisen. Doch zumindest haben sie es versucht. Der selbst aus Glasgow stammende Regisseur und Country-Fan Tom Harper („The Aeronauts“) erzählt in seinem mit Humor, viel Musik und jeder Menge wie aus dem Leben gegriffener Situationen gespickten Charakterdrama „Wild Rose“ die Geschichte einer solchen ambitionierten und dabei sehr eigenwilligen Country-Hoffnung.

    Rose-Lynn fühlt sich nur auf der Bühne richtig wohl...


    Rose-Lynn (Jessie Buckley) ist Mitte 20 und frisch aus dem Glasgower Gefängnis entlassen. Zwölf Monate lang hatte ihre Mutter Marion (Julie Walters) sich um Rose-Lynns kleine Kinder kümmern müssen. Nun verlangt sie von ihrer Tochter, endlich mehr Verantwortung zu zeigen. Doch die junge Frau träumt weiterhin von einer Karriere als Country-Sängerin. Das Können und das Charisma dazu hat sie zweifellos. In Schottland erscheint es ihr aber unmöglich, den großen Schritt ins Rampenlicht zu machen. Deshalb nimmt sie widerwillig einen Job als Haushaltshilfe an, um das Geld zusammenzubekommen, um endlich nach Nashville zu reisen und dort den Durchbruch zu schaffen. Wie sich herausstellt, könnte ihre neue Chefin, die wohlsituierte Susannah (Sophie Okonedo), ihr dabei helfen. Für einen Moment schwebt Rose-Lynn auf Wolke sieben und ihr Ziel wirkt zum Greifen nah. Doch dann kommt es zu einem Unfall und sie muss eine folgenschwere Entscheidung treffen…

    Zumindest zu Beginn macht es Rose-Lynn dem Zuschauer nicht gerade einfach, sie ins Herz zu schließen. Zwar ist die junge Frau nicht wirklich ein schlechter Mensch, dafür ist sie viel zu offen und ehrlich: „Drei Akkorde und die Wahrheit“ lautet ihr Lebensmotto, das sie sich auch auf ihren Unterarm tätowiert hat – ein Zitat des erfolgreichen Country-Songschreibers Harlan Howard, dessen Vorname zugleich Rose-Lynns Nachname ist. Aber sie ist eben auch nicht nur laut und krass, sondern auch sehr ichbezogen. Alles, was ihrem Traum im Wege steht, wird von ihr nicht nur als Hindernis, sondern als monumentale Ungerechtigkeit des Lebens oder als Verschwörung der restlichen Welt gegen sie wahrgenommen.

    Eine Amerikanerin im Körper einer Schottin


    Das fängt bei ihren fünf und acht Jahre alten Kindern an, die sie schon zur Welt brachte, als sie selbst noch minderjährig war (von deren Vater beziehungsweise Vätern ist nie die Rede), und endet bei ihrem Geburtsort Glasgow. Etwas unbeholfen, aber zumindest halbwegs verständlich macht sie in einer Dialogszene ihrem Gegenüber klar, wie sie sich fühlt: „Du hast schon von Transsexuellen gehört, oder? Also von Frauen, die im Körper eines Mannes geboren wurden; oder andersherum. Bei mir ist es ähnlich. Ich bin eine Amerikanerin, die dummerweise im Körper einer Schottin zur Welt gekommen ist.

    Der nicht durchgehende, aber unterschwellig schwelende Groll gegenüber ihren Kids und der oft schroffe Umgang mit ihrer Mutter mögen für sich allein gesehen befremdlich wirken. Im Rahmen des über ihren Charakter Gezeigten sind sie allerdings ebenso nachvollziehbar wie ihre Versuche, die Freundschaft und Hilfsbereitschaft ihrer warmherzig-naiven Arbeitgeberin auszunutzen. Es geht der Protagonistin einzig darum, aus ihrer aktuellen Situation herauszukommen und endlich das Dasein starten zu können, das ihr – so glaubt sie zumindest – vorbestimmt ist. Ihre Entschlossenheit ist unter diesem Blickwinkel sogar auf gewisse Art bewundernswert. All das wird von Jessie Buckley absolut authentisch verkörpert. Auch vergisst die irische Sängerin und Schauspielerin dabei nicht, die Verletzlichkeit, Verzweiflung und Einsamkeit der jungen Frau nuanciert darzustellen. Buckley ist umwerfend und für jeden, der sie nicht schon aus dem Serien-Superhit „Chernobyl“ kennt, eine große Entdeckung mit einer Riesenstimme.

    ... und deshalb muss auch ihr Familie immer wieder hinter ihrem Traum anstehen.


    Um im halsabschneiderischen Showgeschäft Erfolg zu haben, muss ein Mensch wohl auch eine egoistische Ader haben. Zumindest bis zu einem gewissen Grad… Wo oder ob Rose-Lynn überhaupt irgendwann eine Grenze zieht, ist der zentrale Punkt einer Handlung, die über weite Strecken fast allein von Buckleys Performance lebt. Der Figur dabei zuzusehen, wie sie vom – für eine solche Attitüde eigentlich schon zu alten – trotzigen Mädchen zu einer leidenschaftlichen Künstlerin reift, sobald sie endlich auf einer Bühne steht, ermöglicht es dem Zuschauer, trotz allem mit ihr mitzufühlen. In diesen Momenten wünschen wir uns, Rose-Lynn möge tatsächlich den Durchbruch schaffen. Aber jeder Auftritt geht einmal zu Ende. Und dann sehen wir, genau wie die Protagonistin, dass es andere Dinge und Menschen im Leben gibt, die vielleicht wichtiger als die Erfüllung eines Kindheitstraums sind.

    Vieles davon mag jetzt nach klassischer Underdog-Triumphstory und typischem Coming-Of-Age-Melodrama klingen. Und so beginnt „Wild Rose“ auch. Doch Regisseur Harper und das Drehbuch der bis dato lediglich als Autorin für Fernsehserien wie „The White Queen“ oder „Dracula“ in Erscheinung getretenen Nicole Taylor halten im weiteren Verlauf viele kleine und größere, genre-untypische Überraschungen, Wendungen und einiges an Situationskomik bereit. So entpuppt sich „Wild Rose“ als frisch, originell, unterhaltsam und ehrlich berührend.

    Grandiose Country-Mucke!


    Ein schönes Beispiel dafür ist eine frühe Tagtraumsequenz, in der die Titelheldin mit Kopfhörern ihrem Job beim Putzen nachgeht. Rose-Lynn versinkt dabei komplett in der Musik und beginnt lauthals mitzusingen. Und das so emotional, dass sie sich wie auf einer Bühne fühlt. Ebenso prompt wie unerwartet taucht eine lose auf die Villa verteilte, imaginäre Band auf und rockt mit ihr ab. Einen großen Anteil am Gelingen des Films hat in der Tat der wunderbare Soundtrack. Teilweise textlich perfekt passende, von Miss Buckley grandios interpretierte Songs weiblicher Country- und Americana-Stars wie Wynonna Judd, Bonnie Raitt und Trisha Yearwood werden durch einige gleichwertig hochklassige, exklusiv geschriebene Tracks ergänzt – allesamt co-komponiert von der Aktrice, die offenbar wirklich ein außergewöhnliches Talent ist.

    Fazit: Visuell mag hier eher Hausmannskost serviert werden. Was die Emotionen angeht, trifft das Drama – dank seiner exzellenten Hauptdarstellerin und viel mitreißender Musik – dafür allerdings voll ins Schwarze.

    Wir haben „Wild Rose“ im Rahmen des Filmfest Hamburg 2019 gesehen.

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