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Free Solo
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Free Solo

Besser als ein Höhenrausch

Von Carsten Baumgardt
975 Meter purer, meist senkrecht abfallender Granitfelsen. Die Steilwand des El Capitan ist der Blickfang im kalifornischen Yosemite Valley, dem Mekka der Free Climber. Im Zentrum des Freikletterer-Universums geht es dabei immer direkt um Leben und Tod. „Es beruhigt mich, dass selbst Spock Nerven hat“, sagt Co-Regisseur Jimmy Chin über seinen Protagonisten Alex Honnold an einer Stelle seines Films „Free Solo“: Der erfolgreichste Free Climber aller Zeiten hat gerade einen Rekordversuch abgebrochen, die legendäre Wand des El Capitan ohne Absicherung und Hilfsmittel zu besteigen. Free Solo wird diese Technik genannt, die nahezu jedes einzelne Jahr mehrere Todesopfer fordert.

Der Mr. Spock aus dem Kino rettet in der Eröffnungsszene von „Star Trek V: Am Rande des Universums“ seinem Freund Captain Kirk nach einem Absturz beim Free-Solo-Klettern am El Capitan mit Hilfe seiner Raketenschuhe das Leben. Auf diese Hilfe können die Free-Climbing-Profis in der Realität nicht setzen, deshalb hat es vor Honnold auch noch keiner gewagt, diese Wand auf diese halsbrecherische Weise zu bezwingen. Der Profi-Bergsteiger Chin begleitet den Ausnahme-Athleten zusammen mit der Filmemacherin Elizabeth Chai Vasarhelyi („Incorruptible“) und dokumentiert nicht nur Honnolds bisher kühnstes und ehrgeizigstes Projekt, sondern liefert neben sensationellen Kletter- und Naturbildern auch ein packendes Charakterdrama über den Menschen Alex Honnold. Der als bester Dokumentarfilm mit einem Oscar ausgezeichnete „Free Solo“ ist dabei nervenzerfetzender als es ein Thriller je sein könnte – selbst wenn der Ausgang bekannt ist.

Alex Honnold auf dem Weg nach ganz oben.


Als Peter MortimerNick Rosen und Josh Lowell 2014 in der mitreißenden Kletterer-Doku „Valley Uprising“ die Geschichte des Free Climbings erzählen, von Legenden wie John Bachar, Lynn Hill, Jim Bridwell und Royal Robbins bis Dean Potter, tauchte irgendwann spät im Film ein gewisser Alex Honnold auf, der von der coolen Freikletterer-Gemeinde erst einmal skeptisch beäugt wurde - „ein trotteliger, unbeholfener Junge mit riesigen Ohren und mieser Frisur“, der nicht im entferntesten aussah wie ein geborener Held. „Doch wenn er seine Kletterausrüstung anzieht, wird aus Clarke Kent Superman“, beschrieben ihn seine Kollegen voller Ehrfurcht. Alex Honnold, geboren 1985 in Sacramento, ist der derzeit mit Abstand beste Freikletterer der Welt. Und nachdem er in „Valley Uprising“ schon als Nebendarsteller eine Rolle spielte, gehört ihm jetzt „Free Solo“ ganz allein.

Aber im Gegensatz zu vielen seiner Kletter-Kollegen ist Honnold keine Rampensau, sondern ein eher schüchterner Typ mit fragwürdigen Sozialfähigkeiten, der einfach alles seiner Passion unterordnet. Das möglicherweise dafür verantwortliche schwierige Verhältnis zu seinen Eltern (seine Mutter taucht einmal kurz im Film auf) bleibt aber eher unergründet. „Ich lebe in einem Auto, im schönsten Tal der Welt“, sagt Honnold anfangs über sich selbst. Sein Van ist sein Zuhause. Von dort aus bricht er zu seinen Touren auf. „Free Solo“ setzt im Frühjahr 2016 mit den ersten Vorbereitungen ein. Insgesamt unternimmt Honnold rund 60 Übungstouren am El Capitan, um jeden Griff auf der sogenannten Freerider-Route einzustudieren. Oft mit seinem Kumpel Tommy Caldwell („Es sieht nicht richtig aus, El Cap zu besteigen“), selbst einer der führenden Free Climber und Protagonist aus der 2017er Kletter-Doku „Durch die Wand“. 

Überall lauert der Tod


Dabei gibt es gleich mehrere Stellen, die besonders verzwickt sind. Aber das größte Hindernis ist das Boulder-Problem, wo Honnold entweder mit einem Sprung oder mit einem Karate-Tritt einen Abschnitt ohne sonstige Griffmöglichkeit überwinden muss. Und er stürzt gerade hier im Training besonders oft ins Seil, was die Gefährlichkeit dieses Unternehmens beängstigend untermauert. Im Ernstfall bedeutet ein Fehlgriff oder eine unvorhergesehene Störung seinen Tod. Viele Free-Solo-Kletterer ließen ihr Leben, wie zum Beispiel die Legenden John Bachar (1957 - 2009) und Dean Potter (1972 - 2015), die zu den größten ihrer Disziplin zählen. Zeitgleich zu den Dreharbeiten stirbt auch Honnolds Freund Ueli Steck bei einem Absturz am Nuptse im Himalaya.

Dieses Gefühl von Gefahr klingt schon auf dem Papier beunruhigend, aber das Regie-Ehepaar Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin macht in „Free Solo“ viel mehr daraus. Nachdem man den etwas schrägen, aber irgendwie sympathischen Alex Honnold als Zuschauer erst einmal ins Herz geschlossen hat, ist es teilweise vor Anspannung kaum noch zu ertragen, ihm dabei zuzusehen, wie er sich auf diese Mammutaufgabe vorbereitet. Denn erst das letzte Drittel ist der tatsächlichen Free-Solo-Besteigung gewidmet. Dort sieht man in einer wunderbar emotionalen Szene am Boden des Yosemite Valley einen Kameramann mit Mega-Teleobjektiv. Er hält es nervlich einfach nicht mehr aus und kann nicht mehr hinschauen, wie sich Honnold Meter um Meter in ständiger Lebensgefahr nach oben schiebt. Ein Typ, der zwar zu unbeholfen ist, um Kaffee zu kochen, aber in der Lage ist, eine fast 1.000 Meter hohe Felswand ohne Sicherung hinaufzuklettern.

Präparation vor dem Gipfelsturm: Alex Honnold mit seiner Freundin Sanni McCandless


Es ist diese perfekte Mischung aus sensationellen Kletterbildern, die es so noch nie zu sehen gab, grandiosem Naturerlebnis und psychologischer Tiefe, die „Free Solo“ so sehenswert und außergewöhnlich macht. Einen großen Anteil daran hat auch Honnolds neue Freundin Sanni McCandless, die im Film oft präsent ist. Die dokumentierte Interaktion der beiden hebt den Film auf ein neues Level abseits der gigantischen sportlichen Leistung. McCandless ist charakterlich das genaue Gegenteil von Honnold – eine offene, emotionale und extrovertierte Person. Sie will eine normale Beziehung haben, während Honnold seine Ziele verwirklichen will – koste es, was es wolle, und sei es sein Leben.

Dieser Konflikt verleiht „Free Solo“ ganz nebenbei die erzählerische Tiefe eines Charakterdramas. Das führt zu berührenden und manchmal auch emotional aufrüttelnden Momenten, etwa wenn der in Beziehungen unerfahrene Kletter-Nerd seine Freundin nicht in seine Planung einweiht, wann er seinen Rekordversuch starten möchte. In seiner unbeholfenen Sturheit würde er sich lieber trennen, als sie noch näher an sich heranzulassen. Sie lenkt ihn ab – bewusst oder unbewusst. Nachdem sich die beiden kennengelernt haben, verursacht McCandless zumindest einen von zwei schweren Abstürzen, bei denen sich Honnold in ihrer Begleitung verletzt. Auch auf dieser menschlichen Ebene fiebert man in „Free Solo“ mit, dass Honnold erwachsen genug ist, die sympathische McCandless nicht abzuservieren, nur um seine Ziele zu erreichen, während sie versucht, die Beziehung für beide möglich zu machen.

Die ethische Dimension


Honnold tut zwar verrückte Dinge, ist aber kein Verrückter. Selbst wenn er kurz nach einem erlittenen Bänderriss unter Schmerzen und mit Schutzschuh schon wieder klettert, obwohl er sich schonen sollte. Er wägt das enorme Risiko genau ab und zieht wie in der Einleitung geschrieben zur Not auch zurück, wenn das Gefühl am Berg nicht stimmt. Als Hauptfigur interagiert er im Film mit der gesamten Crew, das verleiht „Free Solo“ nicht nur zusätzliche Vitalität, sondern vermittelt auch etwas Familiäres. Wenn die Aktion schief geht, verliert das mitkletternde Filmteam ein „Familienmitglied“.

Dazu zerrt diese immer über dem Projekt schwebende nicht unwahrscheinliche Möglichkeit des Todes von Honnold an den Nerven der Crew. Co-Regisseur Chin zum Beispiel ist ständig mit sich selbst im Zwiespalt, welche Verantwortung er bei Honnolds Tod tragen würde: Üben die vielen Kameras zu viel Druck aus? Fühlt sich Honnold berufen, deswegen mehr zu riskieren als normalerweise? So thematisiert „Free Solo“ auf besonders spannende Weise auch das uralte Dokumentarfilm-Dilemma um die nicht auszuschließenden Wechselwirkungen zwischen Beobachter und Beobachtetem.

Fazit: Die herausragende Kletter-Dokumentation „Free Solo“ ist ein mitreißend-emotionales Filmerlebnis, das einen ganz tief in den Kinosessel presst.

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