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    Irresistible - Unwiderstehlich
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Irresistible - Unwiderstehlich

    Gute Laune statt spalterische Wut

    Von Christoph Petersen
    Seitdem Samuel Joseph Wurzelbacher 2008 bei einem TV-Duell dem Präsidentschaftskandidaten Barack Obama wegen seiner Steuerpläne auf den Zahn fühlte, gilt „Joe der Klempner“ in den USA als Symbol für den „kleinen Mann“, der den Mächtigen in Washington mal aufzeigt, was ihre abgehobene Politik wirklich für die Menschen da draußen bedeutet. (Daran änderte sich auch nichts, als später herauskam, dass Joe gar keine Ausbildung zum Klempner abgeschlossen hat und bei seinem niedrigen Einkommen auch unter Obama keine zusätzlichen Steuern zahlen müsste.)

    In der sympathisch-kurzweiligen Polit-Satire „Irresistible - Unwiderstehlich“, seiner zweiten Regiearbeit nach dem Journalisten-Drama „Rosewater“, erzählt der ehemalige „Daily Show“-Moderator und Kult-Kabarettist Jon Stewart nun nicht von Joe dem Klempner, sondern von Jack dem Farmer – und der wird auch nicht von den Republikanern, sondern von den Demokraten für ihre politischen Zwecke eingespannt.

    Gary Zimmer (Steve Carell) will aus Farmer Jack (Chris Cooper) unbedingt einen demokratischen Polit-Star machen!


    Jack Hastings (Chris Cooper) ist ein Veteran, ein Christ und ein verwitweter Farmer in Wisconsin – und damit das Klischee eines klassischen Konservativen. Aber dann hält er vor dem Stadtrat eine flammende Rede, in der er die Rechte der Schwächsten verteidigt. Als ein Handyvideo von dem Auftritt viral geht, wird der Politberater Gary Zimmer (Steve Carell) auf die Sache aufmerksam. Sein Plan: Jack soll in dem Städtchen Deerlaken, das seit Menschengedenken republikanisch wählt, als demokratischer Kandidat für das Bürgermeisteramt antreten. Schon bald erregt die Wahl das Aufsehen der gesamten Nation...

    Aus dem Stoff hätte man – gerade in Anbetracht des aktuellen Zustands des politischen Diskurses in den USA – leicht eine ätzende Satire machen können. Aber Jon Stewart hält sich mit Tiefschlägen zurück und liefert stattdessen eine gefällige Komödie in der Großstädter-auf-dem-Land-Tradition von „Doc Hollywood“, in dem es einst Michael J. Fox als Arzt-Hot-Shot in ein verschlafenes Kleinstadt-Krankenhaus verschlug. In „Irresistible“ wird der Superzyniker Garry nun derartig freundlich empfangen, dass er kaum noch Worte (außer einem ständigen „fuck“) dafür findet.

    Seitenhiebe in alle Richtungen


    Angereichert wird die Fisch-aus-dem-Wasser-Komödie mit treffsicheren Beobachtungen, die vor allem die Mechanismen des Politbetriebs und die kollaborierende Rolle der Medien entlarven. So stellen etwa die Moderatoren einer rechtslehnenden „News“-Show die Frage: Schwächt die Kandidatur eines Veteranen als Demokrat die Moral der Truppe? Die Antwort eines der elitären Hosts beginnt mit den entlarvenden Worten: „Wenn ich gedient hätte, dann...“ Zugleich kriegt die demokratische Elite in New York genauso ihr Fett weg, wenn Jack in einem Penthouse in Manhattan den reichen Gastgebern wie ein exotisches Zirkustier vorgeführt wird, um möglichst viele Spenden für den Wahlkampf abzusahnen.

    Besonders schön sind auch einige der Gags, mit denen die hochtechnologisierten Wahlkampfmethoden durch den Kakao gezogen werden – so beginnt das Duell zwischen Garry und seiner ständigen republikanischen Rivalin Faith Brewster (Rose Byrne) erst einmal mit dem Kampf um das beste WiFi. Und nachdem Datenexpertin Tina (Natasha Lyonne) per Online-Analyse herausfindet, dass ein Wohnblock mit überwiegend Single-Frauen mittleren Alters bevölkert ist, werden sofort die Pamphlete mit dem politischen Vorschlag für „Kostenlose Empfängnisverhütung“ verschickt – nur um dann festzustellen, dass es sich bei dem „Wohnblock“ in Wahrheit um ein Nonnenkloster handelt.

    Eine Hassliebe wie aus dem Bilderbuch: Gary und sein republikanisches Gegenstück Faith Brewster (Rose Byrne).


    Es gibt aber auch Momente, in denen man Jon Stewart eine Doppelmoral vorwerfen könnte – zum Beispiel inszeniert er den ersten Blick zwischen Garry und Jacks halb so alter Tochter Diana (Mackenzie Davis) genau so, wie man es von solchen Komödien gewohnt ist. Dem Zuschauer ist sofort klar: Die beiden werden am Ende bestimmt zusammenkommen. Also ist selbst ein Jon Stewart nicht vor dem Alter-weißer-Mann-sahnt-natürlich-die-junge-schöne-Frau-ab-Klischee gefeit? Pustekuchen! „Irresistible“ überrascht noch auf der Zielgeraden mit einem monumentalen Twist, der all diese Dinge aufgreift und auf den Kopf stellt. Aber dass Jon Stewart ein cleveres Kerlchen ist, wird wohl niemand ernsthaft bestreiten, der jemals einige Folgen seiner „Today Show“ gesehen hat.

    Fazit: „Irresistible - Unwiderstehlich“ ist eine gutgelaunte, fast schon fröhliche Politsatire – und das ist in der heutigen Zeit ja vielleicht die größte Provokation. Selbst der große Twist ist verdammt sympathisch.

     

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    Kommentare

    • GamePrince
      Gestern gesehen.Echt guter und unterhaltsamer Streifen. Wir haben viel gelacht, der Cast ist super und sogar der Twist am Ende war sehr überraschend.Absolute Empfehlung!
    • Abbyistdoof
      Ein Satz in der Kritik sagt doch das ganze Dilemma aus und der wird auch nicht von den Republikanern, sondern von den Demokraten für ihre politischen Zwecke eingespannt JEDER Politiker egal ob links, rechts oder liberal, JEDER verdammte Politiker nutzt alles mögliche für seinen Wahlkampf. Es ist eher schlimm, dass es immer noch Menschen (meistens dann Republikaner oder linke) gibt, die sich elitär fühlen wenn sie auf andere Parteien oder Politiker drauf hauen können, weil sie gewisse Dinge benutzen. Das ist der Sinn von Politik, etwas läuft falsch, also versucht man es zu bessern. Und dass eben keiner besser ist beweist Biden in dem er sich vor BLM versklavt um die Gunst der Stunde zu nutzen.
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