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    Malmkrog
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Malmkrog

    Palaver, Palaver, Palaver

    Von Lucas Barwenczik
    Die Filme von Cristi Puiu haben immer etwas von Labyrinthen, in denen man sich zu verlaufen droht. Die Krankenhausflure von „Der Tod des Herrn Lazarescu“, das mitleidlose Bukarest von „Aurora“, die verworrenen Verschwörungen und Familienbande in „Sieranevada“. Der Regisseur der „neuen rumänischen Welle“ hat sich einen Namen als exakter Beobachter mit tiefschwarzem Humor gemacht. Sein neuster Film „Malmkrog“, alles andere als kurzweilige 200 Minuten lang, ist ein Labyrinth aus Wörtern. Ein Gefängnis aus Sprache und Diskurs, dem weder die Figuren noch der Zuschauer entkommen kann. Gleichmaßen klar und verwirrend, einnehmend und überfordernd. Eine ernste philosophische Abhandlung, die ihre eigene Parodie gleich mitliefert.

    Auf einem herrschaftlichen Anwesen versammelt sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine kleine Gruppe von Menschen mit unterschiedlichen Weltanschauungen, aber ähnlich großem Wohlstand. Über einen langen Tag voller wundervoller Mahlzeiten vertiefen sich die stark religiöse Olga (Marina Palii), der Gutsbesitzer Nikolai (Frédéric Schulz-Richard), der Fortschrittsgläubige Edouard (Ugo Broussot), Ingrida (Diana Sakalauskaité) und Madeleine (Agathe Bosch) in ein langes Streitgespräch. Es geht um Gott, die Welt, Moral und Politik. Wer soll Macht ausüben, und wie? Während sie reden, scheint um sie herum etwas Großes zu geschehen. Planen die Bediensteten einen Aufstand? Erreicht sie der fernab tobende Krieg? Egal – das Gespräch geht weiter. Und weiter, und weiter, und weiter…

    Die Herrschaften palavern, palavern, palavern, während die Dienerschaft um sie herum fleißig herumwuselt.


    Der Film beginnt mit einem langen Schwenk, von einer einsamen Figur im Schnee zu dem gewaltigen Herrenhaus, in dem sich die gesamte Geschichte abspielt. Die unvollendete Kreisbewegung nimmt vorweg, wie sehr sich „Malmkrog“ in den folgenden 200 Minuten um sich selbst drehen wird. Seine Protagonisten hören sich mit allergrößtem Vergnügen reden. Sie gefallen sich in der Selbstdarstellung, in der eigenen Inszenierung als große Denker. Wir sehen fünf Monologe, die behaupten, ein Gespräch zu sein. Sie sind egozentrische Salon-Krieger, deren endlosen Satz-Ströme nicht immer leicht nachvollziehbar sind.

    Das merken auch ihre Gesprächspartner. Regelmäßig fallen Sätze wie „Ich weiß gar nicht, worüber wir gerade reden“. Oder „Das habe ich nicht verstanden“. Es ist ein Film, der mit dem Zuschauer zu spielen scheint. Immer, wenn mühsam ein Dialog-Berg erklommen wurde, offenbart sich dahinter ein noch höherer Gipfel. Wenn Edouard nach einer endlosen, ermüdenden Diskussion begeistert erklärt, man müsse das Gespräch unbedingt noch fortsetzen, kann man eigentlich nur noch lachen. Die Figuren wirken wie zum Gespräch verdammt, als wollte eine höhere Macht sie bestrafen. Sie zitieren gerne und viel. Der Austausch verweist auf Friedrich Nietzsche und Jean-Jaques Rousseau, auf Tolstoi und Marx. Die Vorlage für den Film stammt von dem russischen Philosophen Wladimir Solowjow. Selbst beiläufigste Bemerkungen sind daher philosophisch aufgeladen. Einmal geht es um Reisevorbereitungen nach Königsberg – die Stadt also, die vor allem als Geburtsort und letzter Ruheort von Immanuel Kant berühmt ist.

    Sprache als Spiel der Mächtigen


    Ihre verschiedenen Positionen werden ambivalent gezeigt. Es fällt nicht leicht, sich klar auf eine bestimmte Seite zu stellen. Nickt man bei einem pazifistischen Satz möglicherweise noch eifrig mit, verwandelt sich der vermeintliche Friedensstifter im nächsten Satz in einen kolonialistischen Rassisten. Sprache ist in „Malmkrog“ schlüpfrig und wechsellaunig. Man kann keinem Satz vertrauen.

    Die Edelleute stellen große Fragen, die allergrößten und existenziellen sogar. Wirkliche Antworten finden sie nicht. Ihnen gelingt wenig mehr, als sich gegeneinander aufzubringen. Puiu zeigt, wie sich im Laufe des Gesprächs die Fronten verhärten. In frühen Kapiteln tanzt seine Kamera in ausufernden Einstellungen zwischen den Darstellern umher. Je nachdem, welche Bündnisse gerade geschlossen werden, entstehen Gruppenaufnahmen oder Porträts. Jede Einstellung ist Einstellung. Wer dieselbe Meinung hat, steht oft auch gemeinsam im selben Bild. Wo die Meinungen auseinandergehen, trennt die Menschen oft ein Objekt im Raum. Ein großer Abschnitt des letzten Kapitels besteht nur noch aus Nahaufnahmen. Jeder steht nur noch für sich allein.

    Mal ganz kurz frische Luft schnappen - würde das Kinopublikum in dem Moment sicherlich auch gern tun.


    Auch wenn eigentlich wenig Ungewöhnliches geschieht, erzeugt der Film eine irreale Stimmung. Man wäre niemals überrascht, wenn plötzlich etwas Magisches oder Spirituelles geschehen würde. Puiu erweckt die Epoche der Zaren glaubwürdig zum Leben, gibt ihr aber auch etwas Gegenwärtiges. Während im Vordergrund bedeutungsschwanger parliert wird, geht die Belegschaft weiter ihrer Arbeit nach. Unentwegt wird aufgeräumt und geputzt, pausenlos werden neue Tablets gereicht. Wie schon in „Sieranevada“ filmt Puiu gerne durch Türrahmen. Dadurch unterteilt sich das Bild gerade in der ersten Hälfte immer klar in Vorder- und Hintergrund. Er inszeniert in die Tiefe. Der Vordergrund wird zur Fassade: Dinieren und Schwätzen können diese selbstverliebten Aristokraten nur, weil sich andere für sie unentwegt abmühen. Das sie nie über Armut oder gesellschaftliche Teilhabe sprechen, ist kein Zufall.

    Es ist die Art von Film, die zu endlosen Vergleichen einlädt, die alle nie ganz die Sache berühren. Die hochtrabenden Aristokratenfiguren wirken wie aus einem Film von Luis Buñuel gepflückt. Mit „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ teilt der Film sogar grob eine Prämisse und viele Ideen. Die endlosen Dialoge ähneln denen des französischen Filmemacherpaars Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, die in Anlehnung an Bertolt Brecht anspruchsvolles Diskurs-Kino gemacht haben. Von ihnen stammt die Idee, nie eine Revolution auf der Leinwand zu zeigen – damit das Publikum sie dann stattdessen in der Wirklichkeit durchführen kann.

    Nah an der Unerträglichkeit


    „Malmkrog“ geht einen Schritt weiter. Hier werden die Hausherren und -Damen am Ende eines Kapitels kurzerhand erschossen. Nur, um eine Schwarzblende später doch wieder zu Leben. Kurz zuvor haben sie noch darüber diskutiert, ob das Universum nicht erst durch Wiedergeburt ganz und gar böse wird. Diese eine Frage beantwortet der Film dann doch.

    Puius Film ist eine Herausforderung, „Malmkrog“ ist oft anstrengend und manchmal fast unerträglich. Seine umfangreiche Laufzeit von mehr als 3 Stunden fühlt sich sogar noch länger an. Der Regisseur erzählt vom endlosen Gerede, von den Grenzen der Philosophie, von dem Unlogischen an der Logik. Das ist oft sehr komisch, weil es immer wieder vom Ernst in die Albernheit kippt. Stolpert man am Ende aus dem Kino, hat man das Gefühl, entkommen zu sein. Die Menschen aus diesem Film werden sicher nie verstummen. Weder auf der Leinwand noch dort draußen.

    Fazit: Hochkomplexes Dialog-Kino mit klugem Humor und Drall zur Satire. Auch mit „Malmkrog“ bleibt Cristi Puiu weiter eine der wichtigsten und faszinierendsten Stimmen des europäischen Films.

    Wir haben „Malmkrog“ im Rahmen der Berlinale gesehen, wo er die neugeschaffene Sektion Encounters eröffnet hat.

     

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