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Road to Perdition
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Road to Perdition
Von Carsten Baumgardt
Kaum ein Projekt war in Hollywood derart mit Spannung erwartet wie Sam Mendes’ erstes Werk nach seinem Oscar-überhäuften Meisterstück American Beauty. Und der Brite kann mit dem düsteren, starbesetzten Gangster-Drama „Road To Perdition“ alle in ihn gesetzten Hoffnungen mühelos erfüllen. Das brillant gespielte Rache-Melodram, das in den Zeiten der US-Prohibition Anfang der 30er Jahre angesiedelt ist, ist das große Kino, was in diesem Jahr bisher so schmerzlich vermisst wurde.

Mike Sullivan (Tom Hanks) ist ein ganz gewöhnlicher Mann. Er liebt seine Frau Annie (Jennifer Jason Leigh) und seine beiden Söhne Michael junior (Tyler Hoechlin) und Peter (Liam Aiken), sorgt für sie, beschützt sie. Nur sein Beruf unterscheidet Sullivan von anderen. Er arbeitet als gewissensfreier Profikiller im Auftrags des Mafia-Patriarchen John Rooney (Paul Newman) und räumt für den Big Boss unliebsame Hindernisse aus dem Weg. Als sein Sohn Michael zu neugierig ist und rausfinden will, was sein Vater wirklich macht, ändert sich alles. Er muss mitansehen wie Michael senior und sein Partner Connor (Daniel Craig), Sohn von Mafia-Pate Rooney, in einer Überreaktion einen Konkurrenten mit Kugeln durchsieben. Der Hitzkopf Connor dreht durch und will den Zeugen eliminieren, verfehlt aber sein eigentliches Ziel, Michael junior, und tötet stattdessen den jüngeren Sohn Peter und seine Mutter. Sullivan ist außer sich vor Wut und sinnt auf Rache, doch niemand will ihm helfen. Gemeinsam mit seinem verbliebenen Spross versucht er, die Angelegenheit auf seine Art zu lösen, auch wenn er sich mit dem gesamten Mafia-Clan anlegen muss und bereits der Profi-Hitman Maguire (Jude Law) auf die beiden angesetzt ist.

Ein so grandioser Erfolg wie American Beauty macht Freunde und öffnet Türen. Und deshalb konnte sich der ehemalige Theater-Regisseur Mendes seinen Cast nahezu nach eigenem Belieben zusammenstellen. Mit der Verfilmung des düsteren Comic-Romans von Max Adam Collins hat sich der Engländer ganz gewiss keine leichte Kost ausgesucht. Das ambitionierte Mafia-Epos, das den Vergleich mit dem Genre-Primus Der Pate durchaus verdient hat, weist praktisch keinen positiven Charakter auf und doch schafft es Mendes, dem Zuschauer Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen. Denn der geniale Schachzug, die ambivalente Hauptfigur mit Saubermann Tom Hanks (Cast Away - Verschollen) zu besetzen, geht voll auf. Auch wenn der zweifache Oscar-Gewinner definitiv der Bad Guy ist, ist der Betrachter stets bemüht, die ohne Zweifel vorhandenen guten Seiten in dem eiskalten Sweeper Sullivan zu suchen. Hanks, der sich erst im Laufe der Zeit zum ausgezeichneten Charaktermimen gewandelt hat, überzeugt durch fein nuanciertes, exaktes Spiel. Nichts ist überzogen, das dezente Unterstatement dominiert. Er braucht keine theatralischen Gesten, um seiner Rolle Stärke und Substanz zu geben.

Paul Newman (Der Clou) als alternder Patriarch, Daniel Craig („Lara Croft: Tomb Raider“) als missratener, psychopathisch-veranlagter Sohn und nicht zuletzt Jude Law (A.I. - Künstliche Intelligenz) als bizarrer Fotograf/Killer stehen Hanks in nichts nach und machen aus „Road To Perdition“ großes Schauspieler-Kino. Jennifer Jason Leigh muss notgedrungen im Schatten der dominierenden Männer etwas zurückstecken, während Tyler Hoechlin als Michael junior eine erfreulich gute Vorstellung abgibt.

Sehr erfrischend ist die brutale Konsequenz, die Mendes an den Tag legt. Von Kamera-Veteran Conrad L. Hall (American Beauty, Zwei Banditen) in brillante Bilder gepackt, verliert der Film in keiner einzigen Szene seine Düsternis und Kälte, bleibt unglaublich atmosphärisch und besticht zudem durch Mendes Exaktheit. Kein Bild ist zuviel, keine Einstellung verschenkt, alles macht Sinn. So dringen dann mal mehr, mal weniger ersichtlich religiöse, biblische Untertöne und Metaphern an die Oberfläche, sodass aus „Road To Perdition“ ein große Drama wird. Loyalität, Vater-Sohn-Liebe und Rache. Das sind die zentralen Themen, die ausgefochten werden. Und endlich einmal hat eine Big-Budget-Produktion aus Hollywood den Mut, bis zum unabdingbaren Ende gnadenlos konsequent zu sein. Dafür ein Extralob.

Dass „Road To Perdition“ nicht ganz zum unerreichten Epos Der Pate aufschließen kann, liegt lediglich an Kleinigkeiten. Die Emotionen erreichen nicht ganz die Qualität und Intensität des Genre-Standardwerks von Francis Ford Coppola. Man erinnere sich nur an die maßlose Gefühlskälte, die Michael Corleone alias Al Pacino am Ende des zweiten Teils erreicht hatte und ohne Gewissen seinen eigenen Bruder Fredo umbringen ließ. In welch großem Maß hat sich sein Charakter ausgehend vom Beginn des ersten Teils verändert. Hanks macht zwar in „Road To Perdition“ eine Entwicklung durch und wandelt sich zu einem besseren Vater, auch wenn er immer noch eine schlechter Mensch ist, kann aber nicht ganz die Komplexität erzielen. Das ändert natürlich wenig daran, dass „Road To Perdition“ das bisher beste ist, was in dieser Film-Saison zu sehen war. Und bei der Oscar-Verleihung wird Mendes’ Glanzstück sicherlich zum Favoritenkreis zählen.
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