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    Life Is Not A Competition But I Am Winning
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Life Is Not A Competition But I Am Winning

    Egal ob Churchill oder Napoleon, ist sowieso Bullshit

    Von Christoph Petersen

    Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben“ ist eines dieser Zitate, das nun wirklich jeder schon mal irgendwo gehört hat – und trotzdem weiß bis heute niemand so recht, ob es nun vom französischen Feldherren Napoleon Bonaparte (1769 – 1821) oder vom englischen Premierminister Winston Churchill (1874 – 1965) stammt. Auch die queer-feministische Aktivistin Julia Fuhr Mann hätte da noch ein paar Fragen, die allerdings nichts mit der Autorenschaft zu tun haben. Stattdessen nutzt sie das berühmte Zitat, um in ihrem mit experimentellen Elementen angereicherten Dokumentar-Essay „Life Is Not A Competition, But I’m Winning“ eine Gruppe transsexueller und nicht-weißer Sportler*innen in der Zeit zurückreisen zu lassen …

    … und zwar auch, um dort so einiges nachträglich wieder in Ordnung zu bringen: Die erste Station ist das Olympiastadion in Amsterdam, in dem Lina Radke 1928 den ersten 800m-Lauf der Olympischen Geschichte gewinnt. Aber niemand interessiert sich für ihren Sieg, sogar die Medaillenvergabe fällt flach. Eine der Läuferinnen war im Ziel kurz erschöpft niedergesunken. Das ist zwar auch bei den Männern so üblich – und trotzdem wird es hier nur zu gerne als Ausrede genommen, um die „zu gefährliche“ Strecke direkt wieder aus dem Wettbewerbskalender der Frauen zu streichen. Die Zeitreisenden kommentieren den Lauf kurzerhand neu – und zwar so, dass die deutsche Leichtathletin endlich jene Anerkennung erhält, die sie eigentlich verdient hat. Doch wenn die Sieger die Geschichte schreiben, was ist dann mit jenen, die gar nicht erst am Wettkampf teilnehmen dürfen?

    Regisseurin Julia Fuhr Mann arbeitet nicht nur mit Archivaufnahmen, sondern auch mit teils experimentellem selbstgedrehten Material.

    So wiederholt sich das noch einige Male: In den 1930er Jahren dominiert die US-Amerikanerin Stella Walsh den Laufsport. Als sie ein halbes Jahrhundert später bei einem Raubüberfall erschossen wird, stellt der Arzt bei der Obduktion fest, dass sie intersexuell ist und keine Gebärmutter besitzt – seitdem sind ihre Erfolge weitgehend aus der Sportgeschichte getilgt. Aber wenn die Geschichte von Siegern geschrieben wird, was ist dann mit all jenen, die vergessen wurden? Im Jahr 2012 wird die Läuferin und zweifache Afrikameisterin Annet Negesa – ohne ihre Einwilligung – einer testosteronmindernden Operation unterzogen. Aber wenn die Geschichte von Siegern geschrieben wird, was ist dann mit all jenen, die mit Gewalt am Siegen gehindert werden?

    Nebenher wird noch enthüllt, dass der Olympische Fackellauf gar keine altertümliche Tradition ist, sondern erst 1936 von den Nazis eingeführt wurde. Auch einen Schlenker hin zu den Segregationsverbrechen in den USA – samt einigen durchaus erfolgreichen Widerstandsaktionen Schwarzer Sportlerinnen – gibt es. Aber das geschieht auf Kosten des Fokus, der ansonsten ganz klar aus der (jüngeren) Vergangenheit in die Gegenwart verweist: Für diese steht im Film vor allem ein langes Interview mit Amanda Reiter, einer transsexuellen Frau, die 2019 als erste im Ziel des Bayerischen Marathons ankam – dann aber doch nur als Zweite gelistet wurde, und zwar hinter einer Frau, die bei dem Lauf nicht einmal angetreten ist. Offenbar wollten die Veranstalter*innen bestimmte Bilder vermeiden – ihre Goldmedaille hat Amanda Reiter nach einigen Protesten entschuldigungslos zugeschickt bekommen.

    Amanda Reiter hat 2019 den Bayerischen Marathon gewonnen – auch wenn verhindert wurde, dass sie oben auf dem Podest ihre Goldmedaille in Empfang nehmen kann.

    Die Läuferin erzählt davon, wie (schlimm) einige Männer reagieren würden, wenn sie diese beim Marathon überholt – und erklärt auch, warum sie mit ihrem transsexuellen Hintergrund gar nicht unbedingt einen Vorteil im Wettkampf habe, bei Steigungsläufen gegenüber kleineren, leichteren Frauen sogar im Nachteil sei. Aber diese Argumentation wirkt eher anekdotisch als belastbar. Viel überzeugender ist da eben der Blick auf den historischen Zeitstrahl – und wie dieser eben in eine bestimmte Richtung weist.

    Aber dürfen die Geschichte tatsächlich bald alle schreiben, wenn die Wettkämpfe doch noch immer in jenen monumentalen Prachttempeln stattfinden, die einst nicht nur für die Ewigkeit, sondern auch zur Ausgrenzung errichtet wurden (schließlich ist die Laufbahn im Athener Olympiastadion ja deshalb schwarz, damit sich weiße Athleten besser von ihr abheben)? In dieser Hinsicht lässt sich „Life Is Not A Competition, But I’m Winning“ sogar zu einer kleinen Utopie hinreißen: Schließlich ist das Athener Olympiastadion gar nicht, wie ursprünglich geplant, aus weißem Marmor – sondern zu großen Teilen lediglich aus weiß angemaltem Holz. Und das massiv wirkende, aber in Wahrheit nur aus hohlem Zement aufgegossene und mit Sandstein veredelte Berliner Olympiastadion fängt auch schon an, von innen zu vermodern…

    Fazit: In ihrem aktivistischen, visuell wie konzeptuell verspielt-ambitionierten Dokumentarfilm „Life Is Not A Competition, But I’m Winning“ stellt Regisseurin Julia Fuhr Mann die (für die Beteiligten sicherlich rhetorische) Frage, ob transsexuelle Sportler*innen vorurteilsfrei an sportlichen Wettkämpfen ihres gesellschaftlichen Geschlechts teilnehmen dürfen sollten. Der Klarheit ihrer historisch hergeleiteten Argumentation kann man sich dabei nur schwer entziehen.

    Wir haben „Life Is Not A Competition, But I’m Winning“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er in der Sektion Giornate Degli Autori seine Weltpremiere gefeiert hat.

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