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    Get Up
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Get Up

    MTV-Gegenkultur in Zeiten von TikTok

    Von Christoph Petersen

    Egal ob YouTube oder TikTok, Hauptsache Zwilling. So könnte man zumindest denken, wenn nach den YouTube-Lochis („Bruder vor Luder“) nun auch die TikTok-Mantlers ihren eigenen Kinofilm bekommen: Vor allem mit ihren Lypsinc-Videos haben es die Zwillinge Lisa und Lena Mantler zu 13,5 Millionen Abonnent*innen auf ihrer Stamm-Plattform gebracht – und da kommen Instagram & Co. noch obendrauf. Dieser kometenhafte Social-Media-Aufstieg liegt zwar schon ein paar Jahre zurück, aber die Reichweite ist immer noch da, um den Kinostart ihres Coming-of-Age-Films „Get Up“ ordentlich zu pushen. Und was vielleicht nicht für die Geldgeber*innen, aber für das Publikum wichtig ist: Die Schwestern, die gerade ihren 21. Geburtstag gefeiert haben, machen auch auf der großen Leinwand eine erstaunlich gute Figur, selbst wenn in „Get Up“ – wie im für die Story zentralen Skateboarding-Video – Style klar vor Substanz geht.

    Während Juli (Lena Mantler) mit einer Traumnote von 1,2 bestanden hat, ist Alex (Lisa Mantler) voll durch die Prüfung gerasselt – und während die frischgebackene Abiturientin bereits ihr zweimonatiges Praktikum in London plant, hat ihre Zwillingsschwester noch nicht wirklich einen Plan, was sie mit ihrer Zukunft anfangen möchte. Aber dann tut sich plötzlich eine unerwartete Chance auf: Bei einem neuen Wettbewerb sollen speziell Skaterinnen gepusht werden – und vielleicht gibt es dort sogar Scouts und Sponsoring! Alex ist jedenfalls sofort Feuer und Flamme – während ihre drei Crew-Kameradinnen Juli, Ewa (Sinje Irslinger) und Nia (Jobel Mokonzi) zwar einer Teilnahme zustimmen, aber während der Vorbereitung auch mit eigenen (Zukunfts-)Problemen zu kämpfen haben und deshalb nicht ganz so viel Fokus und Motivation an den Tag legen. Streit ist da praktisch vorprogrammiert…

    Von links: Alex (Lisa Mantler), Juli (Lena Mantler), Nia (Jobel Mokonzi) und Ewa (Sinje Irslinger) bilden die Skate-Crew „Get Up“.

    Vier Mädchen, die öfter mal gemeinsam auf einem Dach über der Stadt abhängen und sich nach dem Ende der Schulzeit damit beschäftigen, was sie jetzt mit ihrem Leben anfangen wollen, nehmen gemeinsam an einem Wettbewerb teil, wobei für eine von ihnen alles vom Gewinnen abzuhängen scheint, während die anderen die Sache lediglich als Hobby betrachten… ja, die Prämisse von „Get Up“ erinnert auffällig an die von „Alle für Ella“, in dem im vergangenen Jahr die auf Influencerin umgesattelte „Bibi & Tina“-Darstellerin Lina Larissa Strahl noch ihr Gesangstalent statt ihrer Skateboard-Skills unter Beweis gestellt hat. Aber hey, dass bei einem solchen zugeschnittenen Starvehikel jetzt nicht die originellste Story zu erwarten war, ist ja klar …

    … und so freut man sich eher über den gelungenen Look, der sich klar von all dem abhebt, was wir in den vergangenen Jahren so im deutschen Kino zu sehen bekommen haben: Passend zur Skateboarding-Thematik geht der Stil durchaus in Richtung Retro-MTV mit einer gewissen Neunzigerjahre-Indie-Körnigkeit (wie in „Kids“ & Co.) – aber das wirkt hier nicht etwa anbiedernd-piefig, wie man es vielleicht von einem deutschen Skateboarding-Film erwartet hätte, sondern (fast) immer überzeugend: Zwar fehlt es speziell bei den Wettbewerben an Statist*innen, weshalb sie dann doch wieder ein bisschen provinziell anmuten, aber insgesamt macht Kameramann Karl Kürten einen echt guten Job, die Frankfurter Skyline zumindest entfernt an New York erinnern zu lassen. Gerade atmosphärisch ist „Get Up“ deshalb durchweg gut gelungen.

    Das mit dem Ollie klappt noch nicht so richtig – aber Latzhose und Beanie-Mütze sitzen wie immer perfekt.

    Dieser Stil-vor-Substanz-Ansatz wird übrigens auch im Film selbst aufgegriffen: Im Skate-Video, das die auf den sprechenden Namen „Get Up“ getaufte Crew für den Wettbewerb vorbereiten muss, geht es nämlich ebenfalls mehr um Style als um Skills. Nicht nur fängt Nia gerade erst mit dem Skaten an, auch die anderen haben – trotz des perfekt abgestimmten Latzhosen-und-Beanies-Looks – jetzt nicht unbedingt das krasseste Moves-Set drauf. Aber das passt ganz gut zu den Lipsync-Videos der Mantler-Zwillinge – und auch die anarchische Seite des Skatens ist inzwischen offenbar eine ganz andere als damals bei „Jackass“, wenn die Rebellion der aus wohlhabendem Hause stammenden Nia darin besteht, einer übergriffig-autoritären Busfahrerin mit ihrem Staranwalt-Papa zu drohen.

    In dieser Hinsicht ist „Get Up“ trotz seines Retro-Looks eben doch auch ein ziemlich heutiger Film – kann man mögen oder nicht, ich fand‘s auf jeden Fall erfrischend…

    Fazit: Der Skateboarding-Film „Get Up“ mit den TikTok-Superstar-Zwillingen Lisa und Lena Mantler punktet vor allem in Sachen Look und Atmosphäre – das Skript stammt hingegen weitestgehend aus der Retorte. Trotzdem: Vor allem inszenatorisch liefert Regisseurin Lea Becker mit ihrer MTV-im-Zeitalter-von-TikTok-Reminiszenz vielmehr ab, als man es gemeinhin von Kino-Starvehikeln für Social-Media-Influencer*innen gewöhnt ist – und das macht im Fall von „Get Up“ echt den Unterschied…

     

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