Mein Konto
    Deep Sea
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Deep Sea

    Ein atemberaubender Animationsfilm – nur leider nicht in den deutschen Kinos

    Von Michael Meyns

    Wacht auf, der Film ist vorbei“, heißt es am Ende von Tian Xiaopengs „Deep Sea“, einem chinesischen Animations-Abenteuer, das in seiner Heimat zu den erfolgreichsten Produktionen des Jahres zählt. Ein passender Satz nach einem Film, der oft wie ein rauschhafter Traum wirkt und zeigt, wozu die chinesische Filmindustrie technisch inzwischen in der Lage ist. In den meisten Fällen kommen die Mainstream-Produktionen aus dem inzwischen (fast) größten Kinomarkt der Welt ja nicht in die deutschen Kinos – „leider“ möchte man sagen, gerade angesichts von stark angestiegenen Produktionsbudgets, die es dortigen Regisseur*innen, aus dem Vollen zu schöpfen. Und genau das macht nun auch Tian Xiaopeng, der eine eher simple Geschichte mit wirklich atemberaubenden (3D-)Bildern erzählt – nur werden diese in den deutschen Kinos (aufgrund einer bedauernswerten Verleihentscheidung) nur sehr eingeschränkt zur Geltung kommen.

    Shenxiu trauert. Seit ihre Mutter die Familie verlassen hat, lebt das kleine Mädchen bei ihrem Vater, der sich jedoch ständig nur um seine neue Frau und das gemeinsame Baby kümmert. Selbst Shenxius Geburtstag vergisst er, während das Baby verwöhnt und verhätschelt wird. Allein wandert Shenxiu deshalb auf dem Kreuzfahrtschiff herum, auf dem die Familie die Ferien verbringt. Nach einem Sturm wacht sie plötzlich in den Tiefen des Meeres auf: In einem buchstäblichen Tiefsee-Restaurant trifft sie auf den Koch Nanhe, der die bizarrsten Gerichte zubereitet. Gemeinsam suchen sie nach dem Fabelwesen Hyjinx, von dem sich Shenxiu verspricht, dass sie doch noch einmal Kontakt zu ihrer Mutter aufnehmen kann. Doch zuvor muss sie noch am Roten Phantom vorbei - und das kann nur besänftigt werden, indem Shenxiu ihre Trauer überwindet und wieder fröhlich ist…

    Shenxiu und Nanhe begeben sich in der Tiefsee auf die Suche nach dem mythischen Fabelwesen Hyjinx.

    Fans asiatischer Animationsfilme werden sich angesichts dieser Inhaltsangabe vermutlich direkt an die Filme des japanischen Großmeisters Hayao Miyazaki („Mein Nachbar Totoro“) erinnert fühlen. Damit liegen sie auch nicht falsch, denn „Deep Sea“ bedient sich tatsächlich vieler bekannter Muster von Studio Ghibli – so zeigt er eine kindliche Figur im Moment der Trauer, erzählt von Einsamkeit und der Suche nach Geborgenheit, fast wie im oscarprämierten Meistwerk „Chihiros Reise ins Zauberland“. Dazu kommen betont niedliche Nebenfiguren, kleine Bärchen und Häschen, wie man sie aus amerikanischen Animationsfilmen zur Genüge kennt. Auf der Handlungsebene bietet „Deep Sea“ also wenig revolutionäres – aber dafür knallt’s visuell nur um so mehr!

    Tian Xiaopeng und sein Team entwerfen wahrhaft atemberaubende Unterwasserwelten: Die Kamera schwebt wie schwerelos durch das Tiefsee-Restaurant, zeigt Bilder des Himmels, die in an impressionistische Gemälde von Van Gogh, Monet oder Turner erinnernden Farbschlieren zerfließen. Dabei entwickelt „Deep Sea“ eine dermaßen absurde Rasanz, das bisweilen die Grenzen des Wahrnehmbaren erreicht oder sogar überschritten werden: Man schaut aus den Augen von Shenxiu, während man durch die Unterwasserwelten fliegt oder Sonnenaufgänge in allen Farben des Regenbogens zerfließen sieht. Dazu kommen immer wieder die gigantischen Wellen, die über den Figuren brechen. Mit anderen Worten: „Deep Sea“ ist ein fluoreszierend-psychedelisches Fest für die Sinne, wie man es nur selten, nein, wie man es tatsächlich noch nie gesehen hat.

    In 2D gleich nur halb so spektakulär

    Leider wird es für die meisten Leser*innen dieses Textes auch dabei bleiben, dass sie diese Bilder leider nie zu sehen bekommen werden: Denn während der Autor dieser Zeilen das Glück hatte, den Film bei der Berlinale in seiner intendierten 3D-Fassung zu sehen, hat sich der deutsche Verleih dazu entschieden, „Deep Sea“ hierzulande lediglich in einer 2D-Fassung auf die große Leinwand zu bringen. So wird dem Film zwar nicht seine Ganze, aber doch ein beachtlicher Teil seiner überbordenden visuellen Kraft genommen. Denn „Deep Sea“ ist nun mal ganz eindeutig ein 3D-Film, der diese Technik auf ebenso visionäre wie offensive Art einsetzt.

    In der aktuellen Welle des 3D-Kinos, die vor etwa 15 Jahren begann und inzwischen schon fast wieder vorbei zu sein scheint, haben sich die Hollywood-Verantwortlichen offenbar einvernehmlich dazu entschlossen, 3D möglichst subtil einzusetzen. Ganz anders beim ersten großen 3D-Hype 50 Jahre früher, als 3D als expressives Stilmittel eingesetzt wurde und regelmäßig Dinge direkt aus der Leinwand heraus auf das Publikum „zukamen“. Selbst in Werken von visionären Stilisten wie Martin Scorsese („Hugo Cabret“) oder natürlich James Cameron („Avatar 2“) wird das 3D stets eher vergleichsweise zurückhaltend verwendet. Hier fliegt nichts direkt in die Kamera und wenn man die 3D-Brille mal zwischendrin absetzt, sieht man dennoch das Meiste scharf. Deshalb verlieren die meisten dieser Filme auch nicht so viel, wenn man sie in 2D sieht (und manchmal gewissen sie sogar, oder wann habt ihr zuletzt einen MCU-Blockbuster bewusst in 3D geschaut).

    Vor allem in 3D hinterlassen die Bilder von „Deep Sea“ einen noch lange nachwirkenden Eindruck.

    Wenn man hingegen bei einigen besonders spektakulären Szenen von „Deep Sea“ die 3D-Brille absetzt, dann erkennt man gar nichts mehr, dann verwischt die Leinwand regelrecht in Unschärfen. Das hat andersherum allerdings auch zur Folge, dass „Deep Sea“ in 2D teilweise gar nicht mehr richtig funktioniert: Die 2D-Version, die bei uns in die Kinos kommt, mutet mitunter regelrecht seltsam an – so experimentell und expressiv hat Tian Xiaopeng die 3D-Technik eingesetzt, dass sich die Bilder eben gar nicht mehr so leicht auf 2D herunterbrechen lassen.

    Wie kein anderer Film zuvor hat Tian Xiaopeng also die Möglichkeiten des 3D ausgereizt, zeigt Bilder von solch surreal-expressiver Kraft, dass es jeden Zuschauenden sprachlos machen muss, der im Kino nicht nur nach einer Story verlangt, sondern auch nach Momenten des puren visuellen Rausches. Diesen explizit für 3D gemachten Film in 2D zu zeigen, mutet fast so absurd an, wie „Lawrence von Arabien“ auf einem alten Schwarz-Weiß-Fernseher oder „The Dark Knight“ auf einem Handy zu sichten. Auch in 2D ist „Deep Sea“ immer noch ein sehenswerter Animationsfilm, aber in 3D ein visuelles Meisterwerk. Jammerschade also, dass der ganz große Rausch hierzulande leider ausbleiben wird.

    Fazit: „Deep Sea“ zeigt 3D-Bilder, wie man sie noch nie gesehen hat – und bekommt von uns dafür verdiente 4,5 Sterne. Das Problem ist nur: Hierzulande wird der Film nur in 2D auf der großen Leinwand starten – und da verlieren die Bilder doch einiges an Reiz, weshalb wir für diese Fassung wohl lediglich 3 Sterne rausrücken würden.

    Wir haben „Deep Sea“ bei der Berlinale 2023 in 3D im Kino (und später noch einmal als 2D-Screener) gesehen.

     

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top