Jason Bourne
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4.5 - Großartig
Alejándro Gonzáles Inárritu selbst gibt kaum Interviews. Und wenn er es dennoch tut, so plaudert er nicht über seine Filme. Oder zumindest nicht darüber, was er denn nun mit seinem Werk erzählen will. Das wäre für ihn wohl so etwas, als würde er anderen den Sinn des Lebens verraten; das geht natürlich nicht – eine Einstellung, die ich ungemein zu schätzen weiß. Gerade in Zeiten vollkommener, hypergenauer Analyse des Films unter dessen Zerlegung in seine kleinsten Einzelteile bis nichts mehr übrig bleibt, ist es wichtig, den Film auch einmal Film sein zu lassen. Die Geschichte, die Figuren und das, was man sieht, einfach so zu akzeptieren. Nicht als etwas, das nicht hinterfragt werden darf. Schließlich erfüllt sich ein Drama nicht nur in den Emotionen, sondern auch durch seine Metaebene. Doch ich persönlich erhebe bei einer Reflexion nicht den geringsten Anspruch auf eine auch nur annähernde Korrektheit. Dazu ist man einerseits unmöglich in der Lage, und zum anderen ist das Werk, das Inárritu dem Zuschauer vorsetzt viel zu wunderbar und außerordentlich gut, als dass man sich der Gefahr ergeben sollte, ihn zerpflücken zu wollen.
Inárritus Film ist ein hervorragendes Drama, ungemein intensiv und komplex. Er versteht es, Figuren und Charaktere, authentisch und lebensnah zu entwickeln, sie zueinanderzuführen und dennoch in diesem engen Relationsgeflecht unendlichen Raum für Interpretation zu lassen. Nicht nur die Geschichte an sich ist es da, die zu denken gibt. Insbesondere die szenische Umsetzung ist atemberaubend. Weil Innáritu sich nämlich nicht das Recht herausnimmt, alles erklären zu wollen, lädt er den Film nicht mit unnötigen Metaphern auf, sondern beschränkt sich auf seine drei Hauptcharaktere, die allesamt als sympathische Identifikationsfiguren taugen und darüberhinaus jeweils auf eine eigene Weise komplex und großartig angelegt ist. Die Schauspieler Penn, Watts und DelToro verfügen über eine extreme Präsenz und Glaubwürdigkeit, spielen ebenso intensiv wie nuanciert. Während DelToro als bibelfanatischer Ex-Gefangener grandios auftrumpht, zeigt Sean Penn auf eine unaufdringliche Weise die Leiden seiner Figur zwischen Lebenswillen und Erschöpfung, einem Aufkeimen von Liebe und Verwirrung. Er harmoniert desweiteren perfekt mit Naomi Watts, der man ihre Beziehung mit dem Mathematikprofessor sofort abnimmt. Sie selbst zeigt ebenso eine beeindruckende Performance und gewinnt ihrer Figur von Trauer über Verlorenheit bis hin zu Aggression alle Seiten ab und vervollständigt damit das Protagonisten-Trio, welches den Film so gut trägt.
Aber nicht nur schauspielerisch ist der Film zu loben. In meinen Augen verdient Inárritus Inszenierung ungleich größere Beachtung. Gustavo Santaolalla, damals vergleichsweise unbekannt, schickt einen unkonventionellen, zurückhaltenden und emotionalen Soundtrack mit den Figuren auf die Reise in den Tod. Ohne Orchester und große Töne beschränkt er sich auf das Wesentlich, so wie der ganze Film, der ungeachtet seiner Verschachtelung einen dramaturgischen Bogen spannt und in sich schlüssig wirkt. Die Auflösung dieser zeitlichen Ebenen durch den Schnitt ist dabei in meinen Augen nicht nur Attitüde, sondern drückt eine Haltung zur Handlung aus, die damit fragmentiert wird und somit einzelnen Szenen für einen Moment ihre Bedeutung entreißt. Am Ende weiß der Zuschauer die Geschehnisse zu verstehen und wird von Inárritu mit einem grandiosen Schlussmonolog entlassen. Der Film schwankt dabei zwischen wunderschöner und rauer Poesie aus dreckigen, ausgeblichenen Bildern, ohne sie an Bedeutung zu überfrachten oder die Story zu belasten. Der Film ist zwar verworren, aber andererseits stringent und besticht durch die grandiose Kameraarbeit von Rodrigo Prieto, der eine stilistische Meisterleistung abliefert. Seine rohen und unfertigen, grobkörnigen Bilder weisen über sich selbst hinaus und erschaffen eine schwergewichtige, aber subtile Bedeutungsebene. Somit umschifft der Film in meinen Augen erfolglich die Klippen einer drohenden Verworrenheit des Plots und ihm gelingt der Spagat zwischen Gefühlsdrama und philosophischem Essay.
Inárritu erkannte, dass der Mensch machtlos ist. Mit seinem Film 21 Gramm zeigt er eindrucksvoll den Umgang des Menschen mit dem Tod und setzt damit dem Zuschauer ein hartes Meisterwerk vor, das ebenso emotionsgeladen wie hinterfragend, einfach wie vielschichtig ist. Ein grandioser Film über den Menschen selbst.
Hinzugefügt am 18.07.2009 um 11:24 Uhr
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