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Hard Candy
Originaltitel: Hard Candy
Psycho-Drama
USA 2006
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Pressespiegel
Laufzeit: 104 Minuten
Kinostart: 29.06.2006
FSK: Keine Jugendfreigabe
Verleih: Senator

Kritik

Nach dem Komplett-Desaster Rohtenburg, dem Film über den Mörder Armin Meiwes, dessen Aufführung gerichtlich gestoppt wurde, bringt Senator wieder ein äußerst provokantes Stück Film ins Kino. „Hard Candy“ heißt das nur schwer verdauliche Bonbon, das vom Debütanten David Slade in nur 18 Tagen abgedreht wurde. Wer jetzt einen Schnellschuss und mangelnde Sorgfalt vermutet, liegt bei diesem packenden Psycho-Drama aber völlig falsch.

Im Internet hat der erfolgreiche Modefotograf Jeff (Patrick Wilson) die 14-jährige Hayley (Ellen Page) kennen gelernt. Weil sie sich gut verstehen, beschließen sie, sich zu treffen. Bei ihrem „Date“ in einem Coffeeshop erweist sich Hayley als äußerst aufgewecktes, charmantes Mädchen und Jeff ist sehr angetan. Etwas überrascht ist er, da Hayley sich kein bisschen scheut, mit ihm nach Hause zu gehen. In seinem Apartment angekommen, mag der Fotograf seinen Augen kaum trauen, denn Hayley legt den Vorwärtsgang ein: Nicht nur, dass sie beginnt, an der Bar Cocktails zu mischen - bald bietet sie sich auch für erotische Fotos an. Da kann Jeff natürlich nicht Nein sagen. Doch schon am Beginn des Shootings fängt Jeff an sich seltsam zu fühlen, bis ihm plötzlich schwarz vor Augen wird.
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Was David Slade im Folgenden abliefert ist, wie der Titel bereits andeutet, kein Zuckerschlecken, sondern wirklich harte Kost, die den einen oder anderen an Takeshi Miikes Film Audition erinnern könnte. Denn als Jeff erwacht, findet er sich gefesselt auf einem Stuhl wieder. Hayley beschuldigt ihn pädophiler Neigungen und wirft ihm sogar vor, etwas mit dem Verschwinden eines Mädchens aus der Umgebung zu tun zu haben. Jeff leugnet alles und Hayley beginnt, systematisch seine Wohnung zu durchsuchen. Obwohl sie anfangs keinerlei belastende Hinweise entdecken kann, bleibt sie bei ihren Beschuldigungen. Von den schauspielerischen Leistungen her betrachtet, erwartet den Zuschauer damit ein faszinierendes, emotional aufwühlendes Katz- und Mausspiel zwischen Patrick Wilson (Das Phantom der Oper) und Ellen Page (X-Men: Der letzte Widerstand), bei dem beide zur Höchstform auflaufen. Wilson liefert eine eindrucksvolle Performance des Fotografen auf der Anklagebank: charismatisch und verschlagen, panisch, zornig. Aber vor allem Page als unerbittlicher aber doch verletzlicher Racheengel Hayley wird dem Zuschauer in Erinnerung bleiben.

Stilistisch präsentiert sich der Film aus einem Guss. Der großartige, überwiegend weiße Vorspann, der durch rote Linien zerteilt wird, leitet perfekt in das kammerspielartige Szenario, bei dem ebenfalls weiße oder rote Blenden die Szenen unterteilen. Die intensiven Digitalvideo-Bilder von Jo Willems („London“) sorgen einerseits durch die Wackelkamera für einen gewissen Realismus, deuten durch ihre unnatürliche Farbigkeit aber gleichzeitig in Richtung der Künstlichkeit, die sowohl Pornographie im Allgemeinen als auch dem Gedankenexperiment, das uns mit „Hard Candy“ präsentiert wird, anhaftet. Wenn man mag, kann man hier natürlich gleich in die Bresche springen und dem Film vorwerfen, durch seine durchaus stilbewusste Machart ästhetisiere er Gewalt. Aber auch an anderer Stelle liefert „Hard Candy“ genug Vorwände für einen Verriss. Der Film ist zwar ein eindeutiges Statement gegen Pädophilie, aber dadurch, dass er dieses Thema in Zusammenhang mit Selbstjustiz bringt, begibt er sich in heikles Gewässer. Anderseits greift Slade damit auch geschickt das oftmals artikulierte Bedürfnis nach höheren Strafen von pädophilen Straftätern auf, und führt es anhand des aus der Feder von Brian Nelsons stammenden Szenarios ad absurdum. Denn viele werden vielleicht – ehe sie sich versehen – Mitleid mit dem in die Falle gegangenen Jeff bekommen.

Zweifelsohne: Die Geschichte ist nervenaufreibend und nicht leicht erträglich. Ebenso sicher ist die Leistung der Hauptdarsteller groß. Die eigentliche Stärke von „Hard Candy“ ist allerdings sein Spiel mit den Perspektiven. Nicht nur, dass der Film die Täter- und Opferrollen vertauscht und sich der vermeintlich Pädophile plötzlich in der Gewalt eines Teenagers befindet - er macht ebenfalls deutlich, wie leicht und wie verführerisch es ist, zuzuschauen. Dem Film lässt sich somit schwerlich vorwerfen, er schlage sich auf die eine oder andere Seite oder zeige sogar zuviel Sympathie für den mutmaßlichen Täter. „Hard Candy“ öffnet durch seinen Stoff vielmehr ein Kontinuum und hält den Zuschauer an, dieses - auch im Interesse der Selbsterkenntnis - zu erkunden.

„Hard Candy“ wird das Publikum spalten. Während die einen ihn für ein kleines Rohjuwel, werden die anderen ihn einfach für geschmacklos halten. Man kann aber auch konkretere Kritik anbringen. Zum einen weist der Film nach dem ersten Climax in der zweiten Hälfte einen kleinen Durchhänger auf. Es dauert einen Moment, bis er sich wieder fängt und den Zuschauer dem unversöhnlichen Schluss entgegen treibt. Zum anderen schwächelt „Hard Candy“ dann noch am Ende, wenn alle Fäden zusammenlaufen und das filmische Konstrukt in seiner Gänze zu bewundern ist: Es ist es nämlich nicht zwangsläufig so, dass der Film für alle Zuschauer „aufgehen“ wird. Trotzdem ist „Hard Candy“ alles in allem als außergewöhnlicher, intensiver und verstörender Film zu bezeichnen, der viele Männer die Beine übereinander schlagen lassen wird. Seine Qualitäten werden sich aber erst dann völlig entfalten, wenn man dessen Potenzial zum Nachdenken nutzt.

Björn Helbig

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