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    The Core - Der innere Kern
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    The Core - Der innere Kern
    Von Johannes Pietsch
    Auf Neuronendegeneration und eine sogenannte diffuse Hirnatrophie führt die Medizin die Demenzerscheinungen bei der Alzheimerschen Krankheit zurück, die nach außen vor allem durch einen Verlust der Gedächtnisleistungen kenntlich wird. Eine Erkrankung dieser Gattung in förmlich kollateralem Ausmaß scheinen Regisseur Jon Amiel sowie die Drehbuchautoren Cooper Layne und John Rogers den Zuschauern ihres Films ”The Core” zu unterstellen. Zwar ist das Abkupfern von zuvor erfolgreichen Zelluloidwerken inzwischen zur weit verbreiteten und inzwischen auf Grund ihrer Häufigkeit kaum noch beklagten Dauerübung für Hollywood’sche Drehbuchautoren avanciert, doch so dreist wie im Falle von ”The Core” dürfte schon lange nicht mehr bei einem thematisch ähnlich gelagerten Film geklaut worden sein. Noch dazu bei einem, der seit seinem Erscheinen als Inbegriff dumpf-stupiden Blockbuster-Kintopps ohne Sinn und Verstand, dafür umso mehr dröhnendem Hurrapatriotismus gilt: Jerry Bruckheimers ”Armageddon”.

    Dabei war der Katastrophen- und Weltuntergangsfilm bereits im Armageddon-Jahr 1998 ein Relikt längst vergangener Science-Fiction-Zeitalter. Vor allem in den 60er und 70er Jahren fing die Erde des Häufigeren auf der Leinwand Feuer oder riss auf, wurde beinahe oder tatsächlich das Opfer von Meteoren, Großbränden oder der letzten Flut. Erst 1997 entdeckte Hollywood das großformatige Katastrophenkino wieder, ließ zunächst ”Dante’s Peak” und anschließend ”Vulcano” ausbrechen. 1998 war dann das Jahr der Meteore. Nachdem zunächst Mimi Leders ”Deep Impact” einen ebenselbigen zelebrierte – und zwar in jeglicher Hinsicht ins Wasser – ließ anschließend Jerry Bruckheimers ”Armageddon” unbekümmert fröhliche interstellare Gesteinsbrocken auf Kinoleinwände und Zuschauer-Nerven prasseln, um nebenbei dem geneigten Kinobesucher in jeder zweiten Einstellung das star-spangled banner unter die Nase zu halten. Im Jahre fünf nach ”Armageddon”, der blamabelsten Selbstdemontage des synthetischen Kommerzkinos nach Schema Blockbuster, schickt sich nach exakt gleichem Handlungsschema eine ebenso multifunktionelle wie multiethnische Crew an, die Erde vor einem alles bedrohenden Vernichtungsszenario zu bewahren. Wenigstens bei der Art und Weise des bevorstehenden jüngsten Gerichts legte die Drehbuch-Crew hauchdünne Anzeichen von einem Quäntchen Phantasie an den ansonsten dunkelgrau bewölkten Tag: Kein Komet aus dem All bedroht da den Fortbestand von Menschheit, Baseball, Barbecue und Marshmellows und auch kein Vulkanausbruch, sondern der schleichende, aber unaufhaltsame und urplötzlich sehr schnell voranschreitende Verlust des Erdmagnetfelds. Dieses schützt bekanntermaßen den blauen Planeten vor der mörderischen Einwirkung des Sonnenwindes, jener ultraschnellen, harten Teilchenstrahlung von der eruptiven Oberfläche des Zentralgestirns unseres Sonnensystems, welche bei ungehindertem Durchmarsch von der Sonne bis zur Erdoberfläche jegliches organische Leben binnen Sekundenschnelle in handliche Grillhäppchen verwandeln würde.

    Das fehlgeschlagene Experiment mit einem (natürlich) irrsinnig geheimen neuartigen US-Waffensystem, welches zur Ausschaltung von Schurkenstaaten, islamischen Terroristen, Scud-Raketen oder renitenten sozialdemokratischen Bundeskanzlern künstliche Erdbeben erzeugen soll, hat dummerweise die Rotation des sogenannten äußeren Erdkerns, der auf Grund seiner Eigenbewegung für die Erzeugung des Erdmagnetfeldes verantwortlich zeichnet, zum Erliegen gebracht. Kaum hat es sich das circa 5000 Grad Celsius heiße Eisen unterhalb der flüssigen Gesteinsschicht nach rund sechs Milliarden Jahren ununterbrochener Bewegung einmal gemütlich gemacht – „Jungs, lasst uns doch mal Pause machen!“-, verabschiedet sich auch das Erdmagnetfeld mit einem freundlichen „Mahlzeit!“ ins Wochenende. Einsatz für die kosmische Bombardierung durch den Sonnenwind: Keine islamischen Terroristen lassen von einem Tag auf den nächsten Brände ausbrechen, Stürme Verwüstungen anrichten und architektonische Kulturdenkmäler in sich zusammensinken, sondern das ungehinderte Eindringen von hochbeschleunigten Protonen und Elektronen aus dem Sonnenwind in Erdatmosphäre, Großstädte, Wohnzimmer und menschliche Körper: „Halle Leute, wir wollten eigentlich schon seit ein paar Millionen Jahren mal vorbeikommen... .“

    Dabei kann man „The Core“ einen stimmungsvollen Auftakt nicht einmal absprechen. Wie sich die ersten Boten des nahenden Unheils ankündigen, wie zunächst nur kleine Anzeichen die scheinbare Sicherheit und Beschaulichkeit des Alltagslebens um nur kleine Grade aus der Normalen verrücken, um sich nach und nach zu einer apokalyptischen Vision des bevorstehenden totalen Overkills zu verdichten, das ist von dem vormals im Thriller-Metier beheimateten Jon Amiel („Copycat“, „Verlockende Falle") durchaus beklemmend inszeniert. Erst nach und nach offenbaren sich sowohl die Ursache als auch das Ausmaß der Katastrophe, was von Jon Amiel – der hier einmal mehr seine Genre-Herkunft nicht verleugnen kann – ein wenig im Stil eines globalen Verschwörungskrimis inszeniert wird. Natürlich mauern und vertuschen offizielle Regierungsstellen, die selbstverständlich viel mehr über die Ursache und die Herkunft des herannahenden Desasters wissen als sie zugeben wollen, und es liegt allein an einem smarten, jungen Wissenschaftler, das ganze Ausmaß des Übels aufzudecken. Einige hübsche, wenn auch überwiegend bei anderen Filmen geklaute (und nebenbei wissenschaftlich natürlich abgrundtief unsinnige) Szenerien geben einen Vorgeschmack des Debakels, wenn beispielsweise auf dem von betulichen Touristen bevölkerten Piccadilly Circus auf einmal in Reminiszenz an Alfred Hitchcocks „Vögel“ ein Schwarm Tauben Amok fliegt und Menschen attackiert (weil, wie wir aus der pseudowissenschaftlichen Mottenkiste der Drehbuchautoren erfahren, sich Vögel ja bekanntermaßen beim Fliegen am Erdmagnetfeld orientieren, und wenn dieses einmal Schlagseite zeigt, dann natürlich zwangsläufig sofort anfangen zu spinnen).

    Dann jedoch schwenkt „The Core“ endgültig in unendlich ausgelatschte „Armageddon“-Pfade ein. Mit ebenselbigem Jung-Akademiker, der zuvor als einziger so viel Erkenntnisfähigkeit bewies, um den Zusammenbruch des Erdmagnetfelds als Ursache für die zunehmende Zahl weltweiter Unglücksfälle und Katastrophen zu benennen, an der Spitze stellt das US-Militär ein Untertage-Sondereinsatzkommando zusammen. Ausgerüstet mit einem in wenigen Tagen (!) entwickelten und zusammengebauten Schiff, welches mittels revolutionärer Werkstoff- und Strahlentechnologie sowohl festes Gestein pulverisieren als auch den Temperaturen flüssigen Magmas standhalten kann, soll das Team viele tausend Meter unter die Erdoberfläche bis in den flüssigen Erdkern vordringen, um mittels dort gezündeter thermonuklearer Explosion den erdeigenen Dynamo wieder in Gang zu setzen. Die Frage ist redundant, ob man solche Phantasien unter regressiv kindlicher Naivität oder pure Dreistigkeit der Drehbuchautoren abzubuchen hat, auch wenn sich der Zuschauer angesichts solcher wissenschaftlicher Offenbarungen mehrfach fragt, ob er nun lachen, weinen oder mit dem Kopf auf die Lehne des Vordermanns schlagen sollte.

    Die Mitglieder der illustren Truppe, die sich da ganz anders als einst Jules Vernes Professor Lindenbrook auf die Reise zum Mittelpunkt der Erde machen, erfüllen gänzlich die Whoiswho-Konformität aus den Klischeeschubladen einfältigster Katastrophenfilmszenarien: Der jugendlich-adrette, impulsive und ungestüme Held (Aaron Eckhart, „Besessen"), dessen treuer, aber depressiver, hundeäugiger Sidekick (Tchéky Karyo), sein hochnäsiger, intriganter und undurchschaubarer akademischer Rivale (Charakterdarsteller Stanley Tucci, bei dessen Auftritt in „Manhattan Love Story" man sich bereits fragte, welcher Teufel ihn zu dieser Rolle geritten haben könnte), die toughe, mutige, und natürlich vor allem in brenzligen Situationen beinhart zuverlässige Jungastronautin (Hilary Swank), der kreuzbrave, ritterliche Chefastronaut (Bruce Greenwood, der so hervorragend den Präsidenten John F. Kennedy in „Thirteen Days" verkörperte) und natürlich der unvermeidliche, ebenso herzensgute wie moralisch unendlich integre Quoten-Schwarze (Delroy „wer auch sonst?“ Lindo) lassen von Vorneherein nicht den Hauch eines Zweifels daran, wie erstens das Unternehmen Erdkern ausgehen wird und zweitens welche Mitglieder dieses modernen dreckigen Dutzends das Höllenfahrtskommando am Ende überleben werden. Nicht zu vergessen der geniale, Pinocchio-nasige Computerhacker (DJ Qualls), der den Helden unter der Erdoberfläche tastaturmalträtierend im Kontrollzentrum der Magmamission beisteht.

    Während sich der Trupp noch auf ihre Fahrstuhlfahrt senkrecht nach unten vorbereitet, dürfen Pyro- und Tricktechniker zeitgleich eine muntere kleine Revue der Zerstörung anrichten und ähnlich „Armageddon“, „ID 4“, „Godzilla“ oder „Deep Impact“ das eine oder andere Weltkulturerbe in Schutt und Asche legen. Dabei bleiben allerdings sowohl Art und Ausmaß als auch tricktechnische Realisation der ruinösen visuellen Effekte weit hinter den Maßstäben der Herren Bruckheimer und Emmerich zurück. Einen eigentümlich zwiespältigen Eindruck bietet „The Core“ dann während der Sequenzen in der Tiefe. Ab und an weisen die von den Terranauten in den Schlünden des blauen Planeten vorgefundenen fremdartigen Welten und Umgebungen die kindliche Phantasie ähnlich gelagerter Science-Fiction-Klassiker wie Joe Dantes „Die Reise ins Ich“ oder Richard Fleischers „Fantastic Voyage“ auf. Dann jedoch, wenn die Protagonisten sich mal wieder mit einer grausamst an den letzten grauen Haaren des Kinozuschauers herbeigezogenen Idee aus irgend einem akut eingetretenen Schlamassel retten, fällt „The Core“ in enervierenden „Armageddon“-Morast zurück. Hinzu kommt, dass sich die tricktechnische Umsetzung der flammend heißen Innereien unserer Mutter Erde auf dem Level einer mittelprächtigen Fernsehproduktion abspielt und weder Faszination noch Neugierde auf die noch zu entdeckenden Abgrundwelten zu wecken vermag.

    Wirklich ärgerlich ist der Grundtenor von „The Core“ mit seinem fadenscheinigen, heuchlerischen Moralanspruch: Nur allzu durchschaubar wird mit der Superwaffe der US-Militärs, die für das Unheil verantwortlich ist, vordergründige Technologiekritik geübt. In Wahrheit ist es aber die gleiche Wissenschaft und die gleiche Hochtechnologie, gepaart mit uramerikanischem Draufgängertum, mit der der bevorstehenden Katastrophe beizukommen ist. Was den Einsatz von Gewalt anbetrifft, so findet in Katastrophenfilmen dieser Kategorie ohnehin nie ein ernsthafter Paradigmenwechsel statt. Ist das Böse – der Komet oder hier das Erdmagnetfeld – gewalttätig oder auch nur nicht willig, sich gemäß den Überlebensbedürfnissen der Menschheit in Bewegung zu setzen, dann sind Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger oder Aaron Eckhart noch gewalttätiger - rabiate Heilsbringer, die den Overkill allein mit dem Zweck der eigenen Interessen rechtfertigen. Ganz ähnlich sollen Amerikaner ja gerüchteweise mit ihnen nicht genehmen Orientstaaten umgehen. Und so kann man nach einem eher mäßigem und nebenbei en detail bei Jules Verne nachzulesenden Finale als Fazit unter ”The Core” wie schon unter seine geistigen Vorgänger aus den 90er Jahren jenen so gerne und häufig zitierten Satz Stanislaw Lems setzen: ”Erwartet nicht zu viel vom Weltuntergang!”
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