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800 Bullets
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
800 Bullets
Von Björn Becher
Das Genre des Italo-Westerns dürfte das weltweite Kinopublikum spalten. Während die einen froh sind, dass die Jahre vorbei sind als diese günstigen Filme, die Kinos fluteten und viel Geld in die Kassen ihrer Produzenten spielten, blicken andere wehmütig zurück. Sie vermissen diese rauen, oftmals weit von der Perfektion entfernten, aber von der Experimentierfreudigkeit ihrer Regisseure lebenden Genrewerke. Gerade in der jüngeren Vergangenheit befinden sich die Liebhaber auf dem Vormarsch. Das deutsche Label Koch Media restauriert für gut ausgestattete DVD-Veröffentlichungen längst vergessene Perlen, der Japaner Takashi Miike inszeniert eine Genre-Hommage namens Sukiyaki Western Django und Quentin Tarantino veranstaltet auf den Filmfestspielen von Venedig 2007 eine Retrospektive mit seinen 30 liebsten Spaghetti-Western. Schon fünf Jahre vor diesem „Trend“ bekundete jemand anderes sein Bedauern: Der spanische Kultregisseur Alex de la Iglesia schrieb und inszenierte „800 Bullets“. Schon der Vorspann dürfte mit seiner perfekten Hommage an Sergio Leones Zwei glorreiche Halunken das Herz eines jeden Fans erfreuen. Im Anschluss erweist sich de la Iglesias Tragikkomödie, die nun auch per DVD den Weg nach Deutschland findet, als überraschend reifes Werk, auch wenn es nicht frei von Kinderkrankheiten ist.

Der kleine Carlos (Luis Castro) leidet unter der Arbeitsbesessenheit seiner allein erziehenden Mutter (Carmen Maura), die gerade versucht, einen großen Vergnügungspark in Spanien aufzubauen und dafür noch nach dem geeigneten Terrain sucht. Auch der Umzug nach Madrid passt Carlos überhaupt nicht. Selbst mit seiner stetigen, aus Skimütze, Spielzeugmaschinengewehr und Hasspredigten bestehenden Maskierung als arabischer Terrorist, kann er keine Aufmerksamkeit mehr erregen. Doch im Trubel des Umzugs macht er eine Entdeckung. Ein altes Bild und ein Zeitschriftenausschnitt zeigen Männer in Cowboyuniform. Carlos erfährt von seiner Großmutter (Terele Pávez), dass sein Vater als Stuntman in Almeria an zahlreichen Spaghetti-Western mitwirkte, bei Dreharbeiten aber ums Leben kam. Sein Großvater (Sancho Gracia), von dem sich die Familie im Streit getrennt hat, arbeite aber noch dort. Die anstehende Skifreizeit nutzt Carlos daraufhin, um sich nach Almeria abzusetzen. Dort arbeitet sein Großvater aber längst nicht mehr beim Film, sondern unterhält mit ein paar gestrandeten Säufern in den ehemaligen Filmkulissen eine Westernshow, die aber schon lange weniger Zuschauer als Darsteller hat. Der in Selbstmitleid badende und den alten Zeiten, als er noch Double für George C. Scott oder Clint Eastwood war sowie eine Affäre mit Raquel Welch beim Dreh zu „100 Gewehre“ hatte, nachhängende Opa will den Enkelsohn so schnell wie möglich loswerden. Erst als er die Vorteile von dessen goldener Kreditkarte entdeckt, findet inmitten eines Saufgelages und nackter Nutten eine Annäherung statt.

In den Sechzigern und Siebzigern waren die Westernkulissen Spaniens das El Dorado für europäische Filmproduzenten. Mindestens eine Handvoll Western wurden dort immerzu gleichzeitig gedreht und die amerikanischen Stars sowie die zahlreichen europäischen Neben- bis Kleindarsteller lieferten sich abends das ein oder andere Gelage an der Hotelbar. Die Amerikaner gingen irgendwann zurück in ihre Heimat, die größeren europäischen Darsteller ebenfalls (und hatten danach Quasi-Starstatus inne), aber zurück blieben Kleindarsteller und vor allem Stuntmen und Komparsen. Viele von diesen verdingen sich heute wirklich inmitten der zum großen Teil noch stehenden Filmrequisiten als Unterhalter und Darsteller von Westernshows für Touristen. Alex de la Iglesia, der mit Werken wie „El Dia De La Bestia“, „Perdita Durango“, „La Communidad - Allein unter Nachbarn“ oder „Ein ferpektes Verbrechen“ sich in Deutschland nicht nur einen Namen gemacht hat, sondern in Fankreisen sogar Kultstatus erlangt hat, greift diesen realen Umstand für eine interessante Mischung auf. Er verbindet satirische Genre-Hommage mit einem Drama über die Annäherung zwischen Großvater und Enkelsohn, um im Finale plötzlich in eine wilde Schlacht und Schießerei über die Rettung der Westernstadt zu wechseln und schließlich sogar Clint Eastwood (allerdings nicht den echten, sondern ein Double) ein paar Worte sprechen zu lassen.

Der ungewöhnliche Mix macht zwar einerseits den Reiz aus, sorgt aber auch dafür, dass sich de la Iglesia, der mit der Bestsellerverfilmung Die Pythagoras-Morde 2008 seinen ersten englischsprachigen Film vorlegen wird, ein wenig zwischen die Stühle setzt. Wer eine comic-bunte Italo-Western-Hommage erwartet, wird sich am Anfang und am Ende blendend unterhalten und sich dazwischen mit dem sehr realen Dramaplot, der deutlich im hier und jetzt verankert ist, langweilen. Wer gerade am ernsthaften Teil seine Freude hat, könnte mit dem ein oder anderen exploitationhaften Einschub seine Probleme haben. Moralapostel werden aufbegehren, wenn der kleine Carlos mit einer Prostituierten ins Bett steigt oder im Finale die gescheiterten Existenzen ihre Westernstadt verteidigen und das Ganze wie ein großer Spaß wirkt. Da marschiert nicht nur die Polizei mit schwerstem Geschütz auf, sondern die Kugeln sind echt und tödlich. Die Grenzen zwischen Spaß und Ernst sind sehr fließend und de la Iglesia wechselt mehrfach recht jäh und unvermittelt zwischen den Seiten.

Gerade Freunde des eigenwilligen Humors des spanischen Regisseurs und Fans des Spaghetti-Westerns werden mit „800 Bullets“ trotzdem ihre große Freude haben. Dafür sorgen auch die gut ausgewählten Darsteller. Neben der großen spanischen Leinwanddiva Carmen Maura (Volver) und dem kleinen Luis Castro gefällt vor allem Sancho Gracia (Die Versuchung des Padre Amaro). Der alte Kinorecke weiß, was er spielen muss, kann er doch die Biographie seiner Figur in Teilen nachvollziehen. Er hat in Almeria als Nebendarsteller an Filmen wie „Die Rache der glorreichen Sieben“, „Töte, Django“ oder dem im Film angesprochenen „100 Gewehre“ mitgewirkt. Nur hat er im Gegensatz zu seiner tragischen Figur Julian die Karrierefortsetzung geschafft.
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