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Vier Brüder
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Vier Brüder
Von Carsten Baumgardt
John Singletons vorangegangener Ausflug ins kommerzielle Hollywoodkino ging mit dem The Fast And The Furious-Sequel 2 Fast 2 Furious künstlerisch voll in die Hose. Dem kommerziellen Erfolg tat dies keinen Abbruch, aber der Ruf des Kaliforniers litt. Mit dem packenden Action-Drama „Vier Brüder“ findet Singleton wieder zu alten Tugenden zurück und liefert einen sehenswerten, atmosphärisch dichten Gangsterfilm mit einigen Mängeln.

Ein trauriger Anlass führt die vier ungleichen Adoptivbrüder Bobby (Mark Wahlberg), Angel (Tyrese Gibson), Jeremiah (André Benjamin) und Jack (Garrett Hedlund) wieder zusammen: der Tod ihrer Mutter Evelyn Mercer (Fionnula Flanagan). Die herzensgute Frau wurde bei einem Überfall auf einen Lebensmittelladen in Detroit scheinbar zufällig brutal ermordet als sie zwischen die Fronten geriet. Die berüchtigten Mercer-Brüder, ihres Zeichens allesamt Klein- bis Schwerkriminelle, schwören Rache. Obwohl sie die Täter schnell ausfindig machen und liquidieren, ist nichts so, wie es scheint. Die Unterwelt in ihrer Heimatstadt hat sich verändert. Victor Sweet (Chiwetel Ejiofor) und seine Gang haben jetzt das Sagen. Der Cop Lieutenant Green (Terrence Dashon Howard), ein Jugendfreund des Mercers, will mit seinem Partner Fowler (Josh Charles) den Rachefeldzug stoppen und die Hintermänner stellen.

John Singleton („Boyz ‘N The Hood”, „Higher Learning”, „Shaft”) zählt immer noch zu den großen Talenten und Hoffnungen des Black Cinema. Umstritten war der in Los Angeles geborene Regisseur jedoch immer. Sein Hang, Gewalt auch gern drastisch und realistisch darzustellen, ist von vornherein schon nicht jedermanns Sache und auch thematisch dominieren zumeist die Homeboys. Mit seinem neuesten Werk „Vier Brüder“, ein sehr freies Remake des Western-Klassikers Die vier Söhne der Katie Elder (mit John Wayne und Dean Martin) aus dem Jahr 1965, spaltet er dann auch wieder traditionell die amerikanische Kritikerschaft. In dem Heimatland der Hochmoral mit einem moralisch höchst fragwürdigen Rachedrama anzutreten, setzt allerdings auch schon eine gewisse Kühnheit voraus, die Singleton zweifelsohne besitzt. Den Vorwurf, den er sich gefallen lassen muss, ist die Legitimierung und Glorifizierung von Gewalt als Mittel zum Zweck. Die Mercer-Brüder agieren mit den gleichen Waffen wie die Gangster, die sie bekämpfen. Aber sie kämpfen für die Ehre, was einer gewissen Absurdität nicht entbehrt. Die Cops spielen in dieser Mischung aus Charakterdrama und Actionfilm nur eine Nebenrolle – allerdings eine gewichtige. Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind fließend. Durchgehend positive Charaktere bietet „Vier Brüder“ nicht.

Singleton manipuliert seine Zuschauer. Er verkauft ihnen die Mercer-Brüder als moralische Instanzen, obwohl sie nicht besser sind als das, was sie zu vernichten versuchen. Aber es funktioniert: dank starker schauspielerischer Leistungen und einer Geschichte, die nicht nur über einen doppelten Boden, sondern auch über mehrere Ebenen verfügt, die jedoch nicht immer hundertprozentig stimmig sind. Die Story der Drehbuchautoren David Elliot („The Watcher“) und Paul Lovett hat weit mehr zu bieten, als es zunächst den Anschein hat. Die gradlinigen Charakterzeichnungen bekommen durch kleinere und größere Twists Schärfe. Das Netz aus Korruption, Lügen und Gewalt zieht sich immer enger zu. Die ungleichen Brüder müssen erkennen, dass sie mehr verbindet, als sie dachten.

Mark Wahlberg (Boogie Nights, I Heart Huckabees, Planet der Affen) hat sich zu einem erstklassigen Schauspieler entwickelt, was er mit seiner Leistung in „Vier Brüder“ eindrucksvoll unterstreicht. Er verleiht seinem Bobby Mercer unglaublich viel Präsenz. Ganz stark. Er ist der gefährlichste und unberechenbarste der Brüder, er schießt lieber erst, bevor er anfängt zu denken. Tyrese Gibson (2 Fast 2 Furious, Der Flug des Phoenix) ist als wilder Angel gleichwertig und kann mit einem beeindruckenden Charisma aufwarten. Outkast-Sänger André Benjamin (Be Cool, Hollywood Cops) ist dieser Gewichtsklasse nicht ganz gewachsen, verleiht seinem Charakter aber die nötige Verschlagenheit. Er ist der Undurchsichtigste der Brüder und etwas linkisch. Garrett Hedlund („Friday Night Lights“, Troja) komplettiert das schwarz-weiße Brüder-Quartett. Der Newcomer spielt seinen Charakter Jack („First class fuck-up, third class rock star“) mit lässigem Charme. Die Inspiration für diese Figur holten sich die Autoren wahrscheinlich von Jim McBrides schwülem New-Orleans-Thriller The Big Easy, in dem Tom O’Brien praktisch die gleiche Rolle spielt – allerdings ohne den kriminellen Background.

Für Nostalgiker hat „Vier Brüder“ auch etwas zu bieten: nämlich ein Wiedersehen mit Josh Charles, dem Knox Overstreet aus Der Club der toten Dichter. Er überzeugt als Cop Fowler mit Abgebrühtheit, Härte und Arroganz. Chiwetel Ejiofor gibt den Erzbösewicht Victor Sweet und ist im Vergleich zu Woody Allens Melinda und Melinda kaum wiederzuerkennen. Der Brite spielt einen soliden Part. Sofia Vergara (Dogtown Boys, Soul Plane, Jede Menge Ärger) ist als Angels energiegeladene Freundin Sofi ebenfalls eine Erwähnung wert, wie Terrence Dashon Howard als Detective Green, der sich den Mercer-Brüdern verbunden fühlt. Allerdings bedienen die Nebenfiguren reichlich Genre-Stereotypen.

„Vier Brüder“ wirkt wie ein waschechter 70er-Jahre-Gangsterfilm, der allerdings in der Gegenwart spielt, - und ist ganz nebenbei das erste Blaxploitation Movie mit einem weißen Helden. Das hat Charme, der von dem atmosphärischen Funk- und Soul-Soundtrack zusätzlich gefördert wird. John Singleton gelang ein diskutierbarer, hochspannender urbaner „Western“, der weniger auf Realismus - denn der hält sich sehr in Grenzen - als auf Atmosphäre und Stil baut. Auch die Logik ist nicht immer stimmig. Dass ein Detective eine höchst blutige Schießerei mit zahlreichen Toten ohne Ermittlungen abtut („It looks like self-defense“), ist dann ein bisschen zu viel des Guten. Wer den offensichtlichen Mängeln nicht zuviel Gewicht beimisst, wird von „Vier Brüder“ begeistert sein: ein kraftvolles, mitreißendes Action-Drama mit viel Stil und nicht ganz so viel Sinn...
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